Trumps Politikstil Kalkulierter Einsatz von Zerstörungskraft

Die disruptive Egozentrik eines Donald Trump macht auch vor dem Erbe seiner Vorgänger nicht halt.

(Foto: AFP)

Viele der einsamen Entscheidungen des US-Präsidenten haben eine lange Vorgeschichte politisch unbearbeiteter Fehler. Die Idee des Westens bröckelte schon vor Trumps Einzug ins Weiße Haus.

Gastbeitrag von Norbert Frei

Zuerst war es die Digitalwirtschaft, die an dem ominösen Begriff Gefallen fand. Wenn deren Gurus von "Disruption" schwärmen, dann steht dahinter die Vorstellung, den besten ökonomischen Erfolg habe am Ende nicht, wer auf bewährte Geschäftsmodelle, Produkte oder Verfahren setzt und diese regelmäßig zu optimieren versucht, sondern wer das radikal Neue wagt, den Systembruch. Im Silicon Valley glaubte man das immer schon, doch seit der Wahl von Donald Trump wohnen solche Ansichten auch im Weißen Haus.

Disruptive Politik, Politik als kalkulierter Einsatz von Zerstörungskraft - etwa gegen die seit dem 18. Jahrhundert entwickelte Idee des Westens, die bekanntlich keine bloß geografische ist: Jüngste Beispiele dafür waren Trumps provozierend kurzer Auftritt beim Treffen der G-7 in Kanada (und sein hartes Nachtreten per Twitter aus der Airforce One) sowie sein anschließendes Speed-Date im Alleingang mit dem nordkoreanischen Diktator Kim Jong-un. In der Geschichte der transatlantischen Beziehungen hat es, zumal nach 9/11 und unter George W. Bush, manche Tiefpunkte gegeben. Aber seit dem Zweiten Weltkrieg hat noch niemand mit ähnlicher Brutalität, gleich zweimal binnen einer Woche, die Axt an die schon länger schwankende westliche Gemeinschaft gelegt wie der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika.

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In diesem Sinne ist, nach der bereits im Oktober letzten Jahres aufgekündigten Mitgliedschaft der USA in der Unesco, der jetzt verkündete Austritt aus dem UN-Menschenrechtsrat nur ein nächster Hieb. Es ist freilich auch ein Hieb ins eigene Bein. Denn bei aller Unvollkommenheit eines internationalen Gremiums, dessen Entscheidungen auch von Zufallskoalitionen ihrer auf Zeit gewählten Mitglieder abhängig sind: Die politische und moralische Reputation, mit der die Vereinigten Staaten aus dem Zweiten Weltkrieg hervorgingen, verdankte sich ihrem Engagement für eine "bessere Zukunft der Welt" - so hieß es in der Atlantik-Charta vom Sommer 1941 - und ihrer Unterstützung der dazu erforderlichen globalen Institutionen.

Es war vor allem die dezidiert anti-isolationistische Politik des im April 1945 verstorbenen US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt, die angesichts der Schrecken des von Deutschland ins Werk gesetzten Zivilisationsbruchs noch im Lauf desselben Jahres die Gründung der Vereinten Nationen ermöglichte. Im Jahr darauf entstand die UN-Menschenrechtskommission, aus der 2006 der heutige Menschenrechtsrat hervorgegangen ist. Aber dieses Erbe seines legendären Vorgängers ist natürlich nichts, vor dem die disruptive Egozentrik eines Donald Trump haltmachen würde.

Als Fritz Stern, der leidenschaftliche transatlantische Beobachter und Ideengeber, vor einem Jahrzehnt in Jena drei öffentliche Vorlesungen zum Thema "Der Westen im 20. Jahrhundert" hielt, tat er das anhand einer groben Chronologie: "Selbstzerstörung, Wiederaufbau, Gefährdungen der Gegenwart". Schon damals fragte der Historiker, dem New York zur Heimat geworden war, nachdem er 1938 vor den Nationalsozialisten aus Breslau geflohen war: "Wie weit ist Amerika noch ein Land des Westens oder gar ein Vorbild?"

Die vernünftig Gebliebenen müssen ihre Stimme erheben

Stern hatte seinerzeit die ihm verhasste Regierung des jüngeren Bush im Blick, der er - keineswegs nur in der Außenpolitik - neokonservative Radikalität und eine demokratiegefährdende Begünstigung des großen Geldes bescheinigte. Nach der Wahl von Barack Obama schöpfte Stern, wie so viele liberale Intellektuelle in Amerika, wieder etwas Hoffnung. Doch als er 2016 im Alter von 90 Jahren starb, war ihm bewusst, wie fundamental sein Land sich verändert hatte: dass es der erstarkten, im Grunde anti-konservativen Rechten gerade nicht darum ging, die Idee des Westens, wie sie sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts so erfolgreich entwickelt hatte, zu bewahren und zu erneuern - sondern dass ein unilateralistisches "America First" längst auf der Agenda stand, bevor Trump seinen zweifelhaften Wahlsieg einfuhr.

Wenn gegenwärtig der Eindruck entsteht, die transatlantische Gemeinschaft evaporiere wie die Staaten und Organisationen des Ostblocks nach dem Fall der Mauer, so ist das allenfalls die halbe Wahrheit. Denn in der Rückschau zeigt sich immer deutlicher, dass schon damals auch der - freilich schleichende - Zerfallsprozess des Westens begann: im Moment seines größten Triumphes, als die Welt nur eine Entwicklungsrichtung, hin zu mehr Freiheit und Demokratie, zu kennen schien.

Die Tatsache, dass etliche jener "Disruptionen", die Trump nun fast im Wochentakt exekutiert, eine lange Vorgeschichte politisch unbearbeiteter Fehler und Versäumnisse haben, macht es nicht einfacher, seinen einsamen Entscheidungen wirksam zu begegnen. Und sie lässt manche der Nachrichten geradezu verzweifelt erscheinen, die einen von amerikanischen Freunden erreichen. "Während unser Präsident sein Bestes tut, um zu zerstören, was aufzubauen Jahrzehnte gedauert hat, dränge ich in Ihre Mailbox, um zu sagen, dass unsere Gemeinschaft von Gelehrten wichtiger ist denn je, und dass es besonders wichtig ist, in Kontakt zu bleiben", schrieb mir dieser Tage ein Historiker, der seit Jahrzehnten über Deutschland im 20. Jahrhundert arbeitet.

Es sind düstere Zeiten, in denen es solcher Formen der Selbstvergewisserung bedarf. Es ist bitter, wenn der Kollege es für nötig hält zu sagen, "dass es ein anderes Amerika gibt, und dass wir kämpfen, so gut wir können, als Wissenschaftler und als Intellektuelle. Wir verteidigen die Werte, die wir mit unseren europäischen Verbündeten und Freunden teilen."

In einem von rechten Populisten gebeutelten Europa geht es dem Erbe der westlichen Aufklärung und der Vernunft nicht mehr so viel besser als jenseits des Atlantiks. Um so wichtiger ist, dass die vernünftig Gebliebenen ihre Stimme erheben - gerade auch in Deutschland. Und unsere Zivilgesellschaft sollte einer wie gelähmt erscheinenden politischen Klasse signalisieren, was vonnöten ist: ein aufrüttelndes Zeichen der europäischen Zusammenarbeit statt lachhafter Versuche, "nationale Interessen" zu wahren in einer Welt, die über Europa schon jetzt vor allem lacht.

Kolumne von Norbert Frei

Norbert Frei, geboren 1955 in Frankfurt am Main, ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Jena. Er leitet das Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts. Alle Kolumnen von ihm lesen Sie hier.