Demonstrationen Welchen Protest braucht Europa?

Ein Wandgemälde des Straßenkünstlers PBOY in Paris stellt die Gelbwesten-Demonstranten dar.

(Foto: Christophe Ena/dpa)

Die Gelbwesten haben eine Debatte über soziale Milieus angestoßen. Ein einfaches "Die da oben gegen die da unten" funktioniert nicht mehr - in Frankreich und Deutschland.

Von Jagoda Marinić

Wer hat meinen Vater umgebracht?", fragt der junge französische Autor Édouard Louis in seinem neuen Buch. Er steigt in die Köpfe, Körper und Schmerzen der Protestbewegung der Gilets jaunes, stellt sich auf deren Seite, obwohl sein Vater ihn tief enttäuscht hat, als er mit der Homosexualität des Sohnes nicht umzugehen wusste. Louis, inzwischen gebildet und seinem Herkunftsmilieu entfremdet, findet zurück zur Empathie für den Vater, als er die Gelbwesten sieht und in ihren vielen Körpern den Körper seines Vaters erkennt.

Er sieht in ihnen seine sozialen Vorfahren und distanziert sich von dem Milieu, in das er durch Bildung aufgestiegen ist. Er bringt der Gewalt der Gelbwesten nicht nur Verständnis entgegen, aber er sieht in ihr die angemessene Reaktion auf eine durch Ignoranz gewalttätig agierende Elite, die sich erlaubt, mit dem Leben der unteren Schichten wie mit Modelliermasse umzugehen. Obwohl dem Autor nun vorgeworfen wird, er zeichne ein Klischee der Arbeiterklasse, ließe sich das auch umgekehrt deuten: Er macht aus dem zum Klischee gewordenen Arbeiter voller Ressentiments wieder einen Menschen. Indem er von seinem Vater erzählt, führt er die soziale Kälte einer Gesellschaft vor, die lieber mit Zahlen hantiert als mit Schicksalen. Eine Elite, die noch in der Konfrontation mit ihrer eigenen sozialen Kälte zum kritischen Handwerk der Distanzierung greift.

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Frankreichs Präsident Macron sucht die Nähe zu den Protestierenden und rief die "Große Nationale Debatte" aus. Macron begreift, auch um seine Präsidentschaft zu retten, dass der Dialog nicht von Davos aus geführt werden kann. Er reist in kleine Ortschaften, redet bis zu sechs Stunden mit den wütenden Bürgern, während hierzulande noch debattiert wird, wie gewalttätig Protest sein darf. Macron will die Botschaft verstanden haben und verschiebt die Diskursräume hin zu jenen, die vom politischen Diskurs ausgeschlossen werden, von den politischen Maßnahmen jedoch betroffen sind.

Die Gelbwesten erreichen, was "Occupy!" misslang, weil diese Proteste ziellos und harmlos verliefen. Angeführt wurde Occupy von den Analytikern der Probleme und nicht von den Betroffenen. Zum ersten Mal seit Langem reagiert in Europa die Politik mit konkreten Angeboten auf Bürgerproteste. Leider erst, nachdem die Proteste gewalttätig geworden waren. Gerade deshalb distanzieren sich hierzulande viele Intellektuelle von den Protestierenden, alles andere könnte als Bejahung von Gewalt verstanden werden. Gewalt ist stets zu verurteilen. Aber eine Politik, die nicht zuhört, sollte mindestens mit derselben Heftigkeit angeprangert werden, vor allem dort, wo es um Alltagsnöte der Bürger geht.

Es sei Macrons Gewalt gewesen, meint Louis, die seinem Vater das Essen vom Teller nahm. Ist das Vulgärsoziologie? Mag sein. Macrons Kürzungen aber wurden nicht mit derselben Empörung als vulgärsoziale Gerechtigkeit beschimpft. Die Radikalität der französischen Intellektuellen ist vielen hierzulande schwer erträglich. Harte Lebensbedingungen seien keine Entschuldigung für "die falschen politischen Positionen".

Die Abwehrhaltung legt jedoch einen blinden Fleck auch der deutschen Intellektuellen und Schriftsteller bloß: Man wiegt sich hier sicher im Ästhetischen. Insbesondere die Literatur hat sich nicht zu sehr um das echte Leben zu bemühen, sie gehört dem Schönen und Guten an, fernab von tagespolitischer Relevanz. Botschaften wie "die da oben" gegen "uns da unten" gelten als populistisch. Ist es nicht die Aufgabe von Intellektuellen zu verstehen, wodurch diese Distanz hergestellt wurde, statt das Gefühl des Ausgegrenztseins moralisch überlegen als reine Elitenfeindlichkeit zu diskreditieren?

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Für viele Bürgerinnen Europas ist der derzeit viel beschworene Zusammenhalt ein Zusammenhalt der anderen. Die ausgeschlossenen Perspektiven werden nicht Teil der nationalen Debatten. Hierzulande gelingt es derzeit nur den rechten Perspektiven, sich Gehör zu erpressen; wobei deren vermeintlicher Ausschluss allein aufgrund der aktuellen restriktiven Flüchtlingspolitik kaum zu belegen ist. Viele andere Stimmen fehlen. In der Aggression der Gelbwesten sehen einige ein Ventil für ihre Ohnmacht, selbst dann, wenn sie nicht zu ihren Mitteln greifen würden. Deren Effizienz fasziniert. Wenn in Europa eine Politik des Gehörtwerdens jedoch Gewalt als Botin braucht, dann ist der nationale Dialog, wie Macron ihn nun fordert, längst gescheitert.

Der nationale Dialog kann nicht die Summe der Expertengespräche in bildungsbürgerlichen Kontexten sein. Édouard Louis findet zurück zur Empathie für den Vater: "Du gehörst zu jener Kategorie von Menschen, für die Politik einen verfrühten Tod vorgesehen hat." Die Erniedrigung der Väter ist auch eine narzisstische Kränkung der Kinder, das übersehen jene, die solche Erniedrigungen eher als soziologische denn als biografische Kategorie kennen. Auch in Deutschland ist die soziale Durchlässigkeit gering. Dort, wo sie gelingt, wird unausgesprochen die Herkunft zum Makel. Die Herkunftshomogenität der Eliten ist ein Grund für den Bedeutungsverlust der Intellektuellen für die Bevölkerung. Niemand braucht Intellektuelle als unabhängige Pressesprecher und wohlwollende Deuter der Macht. Jede Demokratie braucht sie hingegen als Seismografen, gerade dann, wenn Täter und Opfer schwer auszumachen sind.

Die Ungerechtigkeiten des 21. Jahrhunderts, wie sie bürgerlichen Kreisen oft nur Studien vermitteln, werden plötzlich mit erzählerischen Mitteln dem wohltemperierten Diskursbetrieb entgegengeschleudert. Das scheint für einige schwer erträglich zu sein.

Dabei gelingt durch das Erzählen etwas, das aus den leidlichen Pro-und-Contra-Diskursen herausführt: Édouard Louis, der homosexuelle Sohn, wächst über das Ressentiment hinaus, das sich gegen ihn richtet. Er dringt durch zu etwas Existenziellerem. Er fragt sich und uns, was einem geschundenen Körper, der durch Bildung nicht gerettet werden konnte, geistig abverlangt werden kann. In Zeiten, in denen Diskurse vorwiegend an sexueller und nationaler Identität entlang geführt werden, wagen französische Intellektuelle die Frage: Wo genau setzt der Riss an, der das Gift in die Köpfe lässt?

Kolumne von Jagoda Marinić

Jagoda Marinić, Jahrgang 1977, ist Schriftstellerin, Kulturmanagerin und Journalistin. Auf Twitter unter @jagodamarinic. Sie studierte Politikwissenschaft, Germanistik und Anglistik an der Universität Heidelberg. In ihrem aktuellen Debattenbuch "Sheroes" plädiert sie für ein lebhaftes Gespräch unter den Geschlechtern. Alle Kolumnen von ihr finden Sie hier.