Kolumne Vogelflug

Carolin Emcke ist Publizistin und Philosophin. Ihre Kolumne erscheint in jeder SZ am Wochenende an dieser Stelle. Illustration: Bernd Schifferdecker

Der Staat New York schaltet das Licht an allen öffentlichen Gebäuden ab, um die Zugvögel zu schützen. Eine hoffnungsvolle Geste und ein Anlass, weiterzudenken.

Von Carolin Emcke

Je mehr man hinsieht, desto weniger erscheint ein Mensch als Mensch", klagt eine der Figuren in Heiner Müllers Bühnenfassung von Bertolt Brechts "Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer", "keiner von allen, die hier vorbeigingen, erschien einem wie einer, der uns, wenn's nottut, beisteht." In den vergangenen Wochen und Monaten fühlte es sich ähnlich düster an. Im Angesicht all der Krisen und Katastrophen auf der Welt erschien der Mensch immer weniger als Mensch. Eine hoffnungsvolle oder gar heitere Kolumne wäre seltsam gleichgültig, fast obszön dahergekommen.

Umso schöner, etwas zu entdecken, ganz gleich wie klein oder weit entlegen, das allen melancholischen oder gar zynischen Erwartungen zuwider läuft: Der Staat New York hat entschieden, die Lichter an allen öffentlichen Gebäuden auszuschalten, um Zugvögeln auf ihrer mühevollen Reise zu helfen. Der demokratische Gouverneur des Staates New York, Andrew Cuomo, verkündete am vergangenen Montag, dass die helle Außenbeleuchtung zwischen 23 Uhr nachts und der Morgendämmerung in der Vogelzugsaison im Frühjahr und Herbst auszubleiben habe. Der Staat New York liegt entlang des sogenannten Atlantic Flyway, einer der vier von Millionen von Zugvögeln bevorzugten Routen, auf denen sie aus den wärmeren Winterquartieren im Süden zurückkehren zu ihren Brutrevieren in den Norden der Vereinigten Staaten.

Von den Ibissen kann man lernen, dass Eigeninteresse und Solidarität zusammengehören

Bis auf die großen Segelflieger ziehen die meisten Zugvögel nachts und orientieren sich, so vermuten Ornithologen, an den Sternen. Schon unter normalen Umständen stellt der Vogelzug für die Tiere Strapaze und Risiko zugleich dar: Rast- und Überwinterungsgebiete können Tausende Kilometer voneinander entfernt liegen. Bei der Schneegans (Anser Caerulescens) beispielsweise sterben auf dem Zugweg im Herbst fünf Prozent der erwachsenen Vögel und 35 Prozent der Jungtiere. Elektrisches Licht an Gebäuden, speziell bei schlechtem Wetter, irritiert die Tiere so stark, dass sie in Fenster oder Mauern stürzen und verenden.

Dem Phänomen, das Fatal Light Attraction genannt wird, fallen laut BBC jährlich 500 Millionen bis zu einer Milliarde Zugvögel zum Opfer. Deswegen gesellt sich New York nun zu den Städten Baltimore, Chicago, Minneapolis, San Francisco und Washington, die alle an der Lights Out-Initiative zum Schutz der Zugvögel teilnehmen. Angesichts der eindrucksvollen Umsicht, mit der Ornithologen über die Migration von Vögeln nachdenken (und andere überzeugen, es ebenso zu tun), angesichts des Respekts, mit dem sie über die anstrengende, riskante Reise der Zugvögel schreiben, drängt sich die Frage auf: Was haben Ornithologen, was andere nicht haben? Könnte diese Bereitschaft, auf etwas zu verzichten, um anderen Wesen zu helfen, nicht übertragbar sein? "Ornis erkennt man daran," schreibt der Zoologe Josef H. Reichholf in seinem schönen Buch "Ornis - das Leben der Vögel", "dass sie stets unruhig in die Ferne schauen und plötzlich sehen, was die allermeisten Menschen nicht sehen."

Aber vielleicht gibt es auch etwas, das sich nicht nur von den Ornithologen, sondern den Vögeln selbst lernen ließe. Vor einigen Wochen veröffentlichten Forscher um den Zoologen Bernhard Voelkl von der Oxford University eine Studie, die die Flug-Formation von Zugvögeln untersucht. Ähnlich wie Radrennfahrer, die im Windschatten des Vordermanns Kraft sparen, fliegen Zugvögel in aerodynamischer V-Formation und nutzen den Auftrieb, der sich durch das Flügelschlagen des schräg vor ihnen fliegenden Vogels ergibt. Bei Pelikanen ließ sich nachweisen, dass Puls und Flügelschlag der hinteren Vögel deutlich niedriger ausfallen als bei den vorderen Artgenossen .

Was Wissenschaftler bislang jedoch noch nicht erklären konnten: Wieso sollte ein (halbwegs kluger) Vogel sich freiwillig an die Spitze des Zuges setzen? Sollten Vögel genetisch auf selbstsüchtiges Eigeninteresse konditioniert sein, gäbe es keinen Grund, warum sie die taktisch ungünstige, vorderste Position einnehmen würden. Um diese Frage zu untersuchen, wurden 14 Glattnackenibisse (Geronticus calvus) mit hoch präzisen GPS-Sendern ausgestattet und bei ihrem herbstlichen Vogelzug beobachtet. Dabei stellte sich heraus, dass sich die Ibisse meist zu Paaren zusammenschlossen. In diesen Konstellationen wechselten sie sich immer wieder an der Spitze des Zuges ab, wobei die Zeit, die ein Tier energiesparend schräg hinter dem anderen flog, fast exakt der Zeit entsprach, in der es selbst die kraftraubende Rolle in vorderer Position übernahm.

Die Ergebnisse der Studie legen nahe, dass Ibisse sich wechselseitig beistehen und, so die Forscher, ein Beispiel für sogenannten "reziproken Altruismus" abgeben. Als wäre das nicht schon grandios genug, kommt noch etwas anderes hinzu: Das Tempo der Wechsel an der Spitze der Formation ist enorm schnell: Es waren oft nur Sekunden, in denen der eine Vogel des Paars die führende Position übernahm, dann setzte sich der andere für annähernd dieselbe Zeit nach vorne. "Die Unmittelbarkeit des Austauschs verringert die Möglichkeit zu schummeln," zitiert der New Scientist den Zoologen Bernhard Voelkl, "direkte Wechsel bedeuten auch, dass sich keiner merken muss, wer einem Führungs-Zeit schuldet. Es verlangt also kein großes Gedächtnis."

Jeder mag sich selbst fragen: Wie veränderte sich unser Miteinander, wenn wir Ibissen nacheiferten? Wie wäre es, wenn wir aufhörten zu kalkulieren, wie wir in die günstige, kraftsparende Position gelangen könnten? Wenn Geben und Nehmen so zeitig wechselten, das wir uns an den Wechsel nicht einmal erinnerten? Wie wäre es, wenn wir endlich nicht mehr darüber nachdächten, welcher Anteil uns angeblich gebührt? Oder wer uns noch etwas schuldet? Wenn Eigeninteresse und Hilfsbereitschaft oder Solidarität nicht mehr als gegensätzlich, sondern als sich bedingend gedacht würden, wie veränderte sich unser politisches oder privates Zusammenleben? Womöglich erschiene der Mensch dann immer mehr als Mensch.