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Kolumne:Touristen-Embargo

Offensichtlich kennen die Österreicher in der Corona-Bekämpfung keinen Mittelweg zwischen Vollgas und Vollbremsung.

Von Dominik Prantl

Neulich, zwischen Hochsommer und Wintereinbruch, war ich auf der Falkenhütte im Karwendel, der weltweit schönsten Gebirgsgruppe zwischen Innsbruck und München. Die Hütte ist so eine Art Gegenentwurf zum Pisten- und Après-Ski-Gedöns und in den vergangenen drei Jahren für 6,4 Millionen Euro derart aufwendig zum modernsten und sehenswertesten Karwendelbauwerk seit Erfindung der Hütte aufgepimpt worden, dass dort sogar die Kläranlage einen Besuch wert ist.

Wenn ich das als Kläranlagen-Laie richtig verstanden habe, werden die menschlichen Hinterlassenschaften mit Sägemehl (das entzieht die Flüssigkeit) und Traubenkernschrot (der ist so eine Art Zersetzungshelfer) angereichert und dann ein Jahr lang kompostiert. In einem kleinen Wagen mit Metallgitter rottete bereits der von den Bauarbeitern gespendete Humus vor sich hin. Es wuchsen - kein Witz - tatsächlich Tomaten darauf; auf mehr als 1800 Metern Höhe.

Leider hat die vor allem von Wanderern genutzte Unterkunft seit dieser Woche geschlossen, zum einen wegen des überraschend starken Schneefalls am vergangenen Wochenende, aber auch deshalb, weil Tirol von der deutschen Bundesregierung quasi im Einklang mit dem Temperatursturz zum Risikogebiet erklärt wurde, als drittes Bundesland nach Wien (lesen Sie dazu hier eine Reportage von Cathrin Kahlweit) und Vorarlberg. Seitdem herrscht so eine Art Eiszeit im österreichischen Tourismus, jeder zittert und bibbert, und keiner weiß, wann die Aussichten wieder sonniger werden. Sogar der Stanglwirt hat inzwischen seine für Januar geplante Weißwurstparty abgesagt. Das Bussi-Bussi-Happening galt als Rahmenprogramm des Kitzbüheler Skirennens bisher als mindestens so unabsagbar wie der Wiener Opernball.

Die irgendwie auch maßregelnde Initiative der Deutschen ist natürlich nachvollziehbar, weil der Österreicher im Allgemeinen und der Tiroler im Speziellen offensichtlich keinen Mittelweg zwischen Vollgas und Vollbremsung kennen; das bestätigen die Zahlen. Österreichweit erreichen die aktiven Corona-Fälle beinahe März-Niveau, in Innsbruck lag der Sieben-Tages-Wert vor zehn Tagen noch bei 136,25 Infektionen pro 100.000 Einwohner (inzwischen ist er wieder auf unter 70 gesunken) und damit höher als in Wien (113,73).

Trotz allen Verständnisses wirft das indirekte Touristen-Embargo auf beiden Seiten der Grenze Fragen auf. Warum wird beispielsweise das vom Fremdenverkehr geprägte Osttirol als Tiroler Exklave trotz einer Sieben-Tage-Inzidenz von 6,2 genauso behandelt wie die Landeshauptstadt? Darf man etwa von Bayern oder Baden-Württemberg tatsächlich für 48 Stunden in ein Risikogebiet reisen, ohne anschließend der Quarantäne- oder Testpflicht zu unterliegen? Oder ist damit zu rechnen, dass sich die Regeln innerhalb dieser 48 Stunden ohnehin wieder ändern? Und warum das alles, wenn an der Grenze niemand kontrolliert?

Deshalb kurz zurück auf die Falkenhütte. Eigentlich hatte ich gehofft, dass sich Corona irgendwann als so eine Art entwässernd-zersetzender Sägemehl-Traubenkernschrot-Mix für den ganzen Mist entpuppt, der im Alpenraum und Alpentourismus zuletzt so fabriziert wurde, und dass dieser dann neue Früchte trägt, völlig unerwartete, sogar auf mehr als 1800 Metern. Aber womöglich ist Corona auch nur der Mist, auf dem dann doch nur wieder Bürokratiesalat und ein wenig Pistentourismus wuchern.

Diese Kolumne erscheint am 2. Oktober 2020 auch im Österreich-Newsletter.

© SZ vom 02.10.2020
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