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Kolumne:Schlagbäume im Schengenraum

Als sich das Coronavirus verbreitete, fiel den EU-Staaten nichts Besseres ein als nationalistische Reflexe - plötzlich gleicht die Grenze nach Deutschland dem Eisernen Vorhang.

Als am 21. Dezember 2007 der Schengenraum erweitert wurde und die Schlagbäume fielen, ist für meine Oma ein Traum in Erfüllung gegangen: Man konnte einfach über die Grenze zwischen Österreich und Tschechien fahren, es gab keinen Zaun, keinen Schlagbaum und keine Kontrollen mehr. Das, was mit der Öffnung des Eisernen Vorhangs begann, wurde vollendet.

Sie war 18 Jahre alt, als sie am 11. November 1945 ihr Elternhaus verlassen hat, um alleine "hinüberzugehen": von Südböhmen nach Oberösterreich. Ihr jüngster Bruder war fünf Jahre alt, er lief ihr noch ein Stück weit nach. Sie sah ihn erst wieder, als er 27 Jahre alt und ein verheirateter Familienvater war. Ihr Elternhaus lag nur zehn Kilometer Luftlinie entfernt, war aber jahrzehntelang unerreichbar - der Eiserne Vorhang war unüberwindlich.

Nur einmal bekam unsere Familie 1988 ein Visum zur Einreise in die Tschechoslowakei. Der nächste Grenzübergang war rund fünfzig Kilometer entfernt. Wir mussten also einen sehr langen Umweg machen, um auf die andere Bergseite zu kommen, um endlich "drüben" zu sein. Ihr Elternhaus war zerstört. Was für mich, damals ein Teenager, nur ein Haufen Steine war, war für sie ihre Heimat. Damals habe ich kapiert, dass Heimat unverrückbar ist, das Zuhause jedoch wechseln kann.

Die Grenze auf der anderen Seite Richtung Deutschland, nur sechs Kilometer entfernt, war durchlässiger. Jeder fuhr von Österreich zum Einkaufen "hinüber", manche arbeiteten auch dort. Die Lebensmittel und damals auch das Benzin waren günstiger, die Auswahl an Kleidung in den Geschäften in Bayern war größer. Wollte oder musste man in eine Stadt, dann fuhr man nach Passau.

Die österreichischen Zöllner waren meist nachsichtig. Man kannte sich ja. Und die deutschen Grenzbeamten drangen vor allem darauf, dass ein "A" auf dem Fahrzeug prangte. Durch kam man immer zu den üblichen Öffnungszeiten, auch wenn man Fragen beantworten und den Pass zeigen musste, ehe sich der Schlagbaum hob. Mit der Ausweitung des Schengenraums wurde diese Straßensperre abmontiert und man konnte rund um die Uhr und ungehindert beim nunmehr leerstehenden Zollhaus vorbeifahren. Wer nicht auf die Schilder achtete, merkte gar nicht, dass hier einmal eine Grenze war.

Seit dem Ausbruch der Corona-Krise stehen an manchen Tagen ein gutes Dutzend österreichische Bundesheer-Soldaten und Polizisten an dieser Grenze zwischen Oberösterreich und Bayern, bis vergangene Woche blockierten auch Betonblöcke und rot-weiß-rote Bänder den Übergang. Es gab kein Durchkommen. So hermetisch war dieser Übergang noch nie abgeriegelt gewesen. Pendler müssen einen Umweg von mindestens zwei Dutzend Kilometern in Kauf nehmen und durften auch dann nur passieren, wenn sie eine Bestätigung hatten. Sich an Freitagabenden, wie seit Jahren üblich, mit deutschen Freunden dies- oder jenseits der Grenze zu treffen, wird nicht als "triftiger Grund" anerkannt und die Passage verweigert.

Dass einmal die Grenze nach Deutschland dem Eisernen Vorhang gleicht, hätte ich nie für möglich gehalten. An der Grenze Richtung Tschechien sind die Straßensperren weniger martialisch, da springen nur zwei Bundesheer-Soldaten in Stellung, sobald sich jemand nähert. Aber freie Durchfahrt gibt es hier auch keine.

Als sich das Coronavirus verbreitete, fiel den EU-Staaten nichts Besseres ein als nationalistische Reflexe, der Verrat an den eigenen Idealen und die Preisgabe der wichtigsten Errungenschaften Europas. Die Grenzen wurden hochgezogen und manchmal so hoch, wie sie noch nie waren. Meine Oma hat sich oft über die Auswirkungen von Entscheidungen "einiger Großer, von denen man annimmt, dass sie auch gescheit sind", gewundert. Jetzt würde sie staunen. Ich bin froh, dass sie nicht mehr erlebt, was aus ihrem Traum geworden ist.

Dieser Text ist zuerst am 22. Mai 2020 im Österreich-Newsletter erschienen.

© SZ vom 23.05.2020
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