Inklusion Pfingsten ist ein Fest gegen die Ausgrenzung

Armut in Hamburg: Die Existenzberechtigung eines Menschen von seiner Leistung abhängig zu machen, bringt eine Vorrohung der Gesellschaft mit sich.

(Foto: dpa)

Den Geist der Exklusion hat Hartz IV in die Gesellschaft gepflanzt. Das "Geordnete-Rückkehr-Gesetz" dient ebenfalls dazu, Menschen auszugrenzen. Wollen wir wirklich in einer Welt leben, die zerfällt in "Normale" und in solche, die "anders" sind?

Kolumne von Heribert Prantl

Pfingsten gilt als der Geburtstag der Kirche. Aber: Die Kirche ist nicht an einem Tag geboren. Sie war ein gewaltiges, ein mordsanstrengendes und ein konfliktreiches Inklusionsprojekt. Dieses Projekt verdankt sich einem Inklusions- und Integrationshelfer, ohne den die ganze Sache mit dem christlichen Abendland nichts geworden wäre: Es ist der Mann, der unter dem Aliasnamen Paulus berühmt wurde.

Paulus war Jude, ein Schriftgelehrter, Theologe und Jurist, ein brillanter dialektischer Denker, ein Mann mit römischem Bürgerrecht; er gehörte, bevor er sich der Bewegung der Jesusnachfolge anschloss, der glaubenstreuen jüdischen Gruppe der Pharisäer an. Er stammte aus angesehener Familie; seine Eltern hatten ihm den Königsnamen Saul gegeben, den er später änderte. Man weiß wenig Biografisches über ihn. Vieles ist Legende, dazu gehört sein sogenanntes Damaskuserlebnis, sein Sturz vom Pferd, seine zeitweise Erblindung. Ohne Paulus aber wäre der Glaube an Jesus Christus irgendeine Reformbewegung im Judentum geblieben und damit eine Episode der jüdischen Geschichte. Paulus war Apostel der Inklusion und damit der Geburtshelfer der Kirche.

Seine Überzeugung war: Die neue Gemeinde ist eine barrierefreie, eine für alle offene Gemeinschaft - oder sie ist gar nicht. Paulus sah und lehrte die Kirche als eine Gemeinschaft, die Aus- und Abgrenzung überwindet: die Abgrenzung zwischen dem einen Volk und dem anderen Volk, die zwischen der einen Klasse und der anderen, auch die zwischen den Geschlechtern. Paulus selbst sagte es in den Briefen an die ersten Messias-Jesus-Gemeinden so: Es gibt hier nicht Juden und Griechen, es gibt hier nicht Sklaven und Freie; es gibt hier auch nicht männlich und weiblich.

Das Soziale darf sich nicht darin erschöpfen, für alle Chancengleichheit herzustellen

In den Gemeinden, die er gründete, trafen sich daher an einem Tisch Menschen aller Ethnien und Kulturen, es trafen sich Sklaven und Leute mit Bürgerrecht, Männer und Frauen, Gebildete und Ungebildete. Das war das Undenkbare, das war der Skandal, das war zugleich das unwiderstehlich Anziehende damals. In dieser christlichen Praxis waren die üblichen Exklusivitäten und Exklusionen, die Hierarchien und Grenzen aufgehoben. Das war, das ist der Geist von Pfingsten. Darum nannten sich die, die sich von diesem Geist ergriffen sahen, "Ekklesia", Herausgerufene: herausgerufen aus vermeintlich gottgegebenen Identitäten von Herkunft und Geschlecht, Stand und Klasse, Kultur und Volk. Das war kein Friede-Freude-Eierkuchen-Programm. Das wurde erstritten in harten Auseinandersetzungen.

Ein Beleg für die Härte ist das unheilvolle "Das Weib schweige in der Gemeinde", womöglich ein später frauenfeindlicher Einschub in einen seiner Briefe aus dem 2. Jahrhundert, vielleicht von einem, der so viel Verwegenheit nicht aushielt und korrigieren wollte. Bisweilen ging es aber Paulus selbst so, er wurde seinen Inklusionsansprüchen nicht immer gerecht. So ergeht es heute vielen Menschen, die eigentlich inklusiv leben wollen.

Die Briefe des Paulus sind Integrationsmanifeste und Inklusionsdokumente. Sie bezeugen, dass dieser Integrationshelfer sich zuallererst von eigenen Denkbarrieren frei machen musste. Als äußeren Ausdruck dafür legte er seinen großen Namen Saulus ab und nannte sich Paulus, "der Kleine". "Ich bin allen alles geworden", schreibt er, und er meint damit das Gegenteil von "Die sollen erst einmal so werden wie ich, wenn sie hier Platz haben wollen". Damit eckte er bei Petrus und den anderen Autoritäten in Jerusalem gewaltig an. Nach deren Ansicht sollten alle, die zur Gemeinde gehören wollen, erst einmal das ganze jüdische Gesetz befolgen und die Männer sich also auch beschneiden lassen. Es gab handfesten Streit, an dessen Ende Paulus sich durchsetzte mit seinem Programm der Inklusion. Das war die schwere Geburt, durch die die weltweite Kirche entstand.

Pfingsten als Fest des Geistes ist ein Feiertag nicht nur für die christliche Kirche, sondern für alle, die für ein komplexes Projekt von heute arbeiten: für Inklusion; gegen den Ungeist der Exklusion; gegen den Irrglauben, eine funktionierende Gesellschaft baue man mit dem Werkzeugkasten der Ausgrenzung. Pfingsten ist ein Inklusionsfeiertag. Pfingsten ist ein Feiertag, der der katholischen Kirche auch ihre eigenen Defizite vorhält.

Es ist ein Ungeist, der Menschsein am Lineal von Leistungsfähigkeit, Ökonomie und Nationalität misst

Inklusion ist heute fast ein Modewort geworden. Es geht aber dabei nicht um Modisches, sondern um Wichtiges, um Demokratisches: Inklusion heißt Zugänglichkeit, nicht nur von Gebäuden und Omnibussen. Inklusion heißt Teilhabe. Inklusion heißt, dass die Gesellschaft nicht dadurch stark wird, dass man möglichst viele Menschen herausdefiniert und die Hürden möglichst hoch macht für die, die dazugehören wollen. Inklusion heißt: Gesellschaft entsteht durch die Überzeugung, dass alle teilhaben, dass sie Ressourcen, Eigentum und Entscheidungen teilen sollen. Da sitzt niemand am Katzentisch. Sozialstaatlichkeit darf darum nicht heißen, dass Menschen zu Objekten gemacht werden, auch nicht zu Objekten von Fürsorge.

Das Soziale darf sich nicht darin erschöpfen, Chancengleichheit für alle herzustellen. Die Rede von der Chancengleichheit ist beliebt, wenn man über Inklusion spricht. Man sollte das Wort von der Chancengleichheit aber mit Vorsicht genießen. Es verführt dazu, die Ausgeschlossenen zu individuellen Versagern zu stempeln und ihnen zu sagen: Chance verspielt - selber schuld! Aber selbst wenn: Auch die, die ihre Chancen verpasst haben, dürfen nicht ausgestoßen und wie gesellschaftlicher Müll behandelt werden. Hier beginnt erst die wirklich große Inklusionsaufgabe. Nicht einfach nur gleiche Chancen sind das Ziel, sondern gleiche Lebensverhältnisse, gleiche Rechte, gleiche Berücksichtigung von Lebensbedürfnissen. Das ist Inklusion; sie ist nie abgeschlossen.

Das seit der Wiedervereinigung größte Exklusionsprojekt trägt den Namen Hartz IV. Dieses Gesetz hat den Geist der Exklusion in die Mitte der Gesellschaft gepflanzt, es hat die rohe Bürgerlichkeit normalisiert, die die Existenzberechtigung von der Leistung abhängig macht. Es hat die Ideologien der Ungleichwertigkeit und des Hasses genährt. Das jüngste Exklusionsprojekt heißt "Geordnete-Rückkehr-Gesetz"; es wird dafür sorgen, dass viele Flüchtlinge von der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ausgegrenzt werden. Dieser Geist der Exklusion ist nicht nur moralisch schändlich, er ist auch politisch dumm. Es schließt Menschen von der Gestaltung der Zukunft aus, demütigt sie, raubt ihnen Selbstvertrauen, macht die einen lethargisch, die anderen aggressiv.

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Der Inklusionsapostel Paulus war einenergischer und durchsetzungsfähiger Mann, der die Welt verändert hat. Und er war gehandicapt: Er war chronisch krank, von einem Anfallsleiden geplagt, vielleicht Epilepsie, und er litt wahrscheinlich unter einer Augenkrankheit. Diese Hinfälligkeit versteckte er nicht, er schrieb von ihr als dem Dorn im Fleisch. In seiner Aufzählung derer, die sich gleichwertig in den neuen Gemeinden treffen, fehlen Menschen mit Behinderungen. Vielleicht, weil für ihn selbstverständlich war, dass sie dazugehören; er war ja selbst betroffen. Paulus würde deshalb an Pfingsten 2019 das Jubiläum eines Satzes mitfeiern, der nun seit 25 Jahren im Grundgesetz steht: "Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden." Es ist ein kräftiger Satz. Er fordert, Menschen mit Behinderung nicht in eigens geschaffenen Einrichtungen zu verstecken und nicht am öffentlichen Leben zu hindern.

Inklusion ist eine Realvision. Sie hält an zu fragen, in welcher Gesellschaft wir leben wollen: in einer Gesellschaft, die zerfällt in "Normale" und in solche, die "anders" sind? In der die einen mit den anderen nichts zu tun haben wollen? Lieber nicht. Eine inklusive Gesellschaft wird nicht nur dadurch verhindert, dass, zumal an Schulen, zu wenig Geld dafür bereitgestellt wird. Sie wird verhindert von einem Ungeist, der das Menschsein am Lineal von Ökonomie, Leistungsfähigkeit und Nationalität misst. Dieser Ungeist meint, groß, great again, könne nur werden, wer die anderen möglichst kleinhält. Der Paulus-Weg zum christlichen Abendland ging anders, ganz anders.

Kolumne von Heribert Prantl

Heribert Prantl ist seit 1. März 2019 Kolumnist und ständiger Autor der Süddeutschen Zeitung. Zuvor leitete er das Ressort Meinung sowie die Innenpolitik und war Mitglied der Chefredaktion. Alle seine Kolumnen finden Sie hier.