Deutschland Die linksrechten Heuchler

"Vielfalt für Deutschland" fordern Demonstranten in Berlin. Sind die deutschen Eliten wirklich auf ihrer Seite?

(Foto: Jörg Carstensen/dpa)

Mit großem Pathos reden die deutschen Eliten dem Fortschritt das Wort. Aber die Macht mit Minderheiten teilen? Lieber nicht. Es ist Zeit für eine kritische Selbstbefragung.

Kolumne von Jagoda Marinić

Was ist ein Linksrechtsdeutscher? Der Schriftsteller Maxim Biller fragte das kürzlich. Er meint damit jenen Typus, der sich zum Beispiel empathisch für eine würdige Erinnerungskultur einsetzt, doch gleichzeitig zu Tränen gerührt ist, wenn eine TV-Serie wie "Unsere Mütter, unsere Väter" die Deutschen als Opfer Hitlers zeigt. Zugegeben, Billers Überheblichkeit nervt mich grundsätzlich. Es nervt jedoch noch viel mehr, wenn auf seine Überheblichkeit mit noch mehr Überheblichkeit reagiert wird, obwohl er einen wunden Punkt der deutschen Gesellschaft berührt hat, der diskutiert werden sollte.

Nur wenige sahen sich genötigt, auf Billers in der Welt veröffentlichten Essay einzugehen. Dabei ist seine Frage berechtigt und das Konzept hilfreich, wenngleich das nicht für alle Beispiele gilt, die er in seiner Polemik wählt. Die Ungereimtheiten, die zur jetzigen Krise Europas geführt haben, müssen in einer selbstkritischen, demokratischen Gesellschaft aufgearbeitet werden. Die Haltung, die Biller mit "linksrechtsdeutsch" beschreibt, wäre hilfreich für eine Selbstbefragung - doch die Eliten verweigern sich.

Stattdessen beschwört man routinemäßig den Glauben an Europa, an Vielfalt und Menschenrechte, ohne ernsthaft zu hinterfragen, durch welche Handlungen dieses Reden derzeit eigentlich bekräftigt wird. Ein Viktor Orbán bekommt beispielsweise jetzt erst die Folgen einer Politik zu spüren, die europäische Grundwerte aushöhlt. Wie erklärt sich diese allgemeine Laschheit bei gleichzeitigem Minnesang für Europa und die Demokratie? Wer rhetorisch für demokratische Werte eintritt, darf in der Praxis nicht so lange zögern, bis der Eindruck entsteht, antidemokratische Haltungen seien in eine Demokratie integrierbar. Ein solches Hinauszögern gefährdet nicht nur Europa, sondern auch das Demokratieprojekt an sich.

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Auf der Leipziger Buchmesse wird es erneut zu Selbstvergewisserungen kommen. Kulturstaatsministerin Monika Grütters hob bereits bei der Eröffnung die Bedeutung Europas hervor und den hohen Stellenwert von Büchern für eine vitale Demokratie. Der Vorsteher des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, Heinrich Riethmüller, bemühte Christopher Clark: "Wir dürfen nicht Schlafwandler in einem erschlafften Europa sein." Der europäische Humanismus erfordere Handeln. Als Beispiel wurde der Kampf um das Urheberrecht besonders hervorgehoben, was legitim ist in Zeiten der Leipziger Buchmesse, was jedoch nur lückenhaft sein kann im Zeitalter globaler Migrationskrisen, in dem jedes Reden über Humanismus den inhumanen Umgang mit dem Sterben vor Europas Grenzen einzuschließen hat. Alles andere ist exakt die Erschlaffung Europas, die man vermeiden will.

Der Kulturbetrieb ist - wie viele andere derzeit - ein janusköpfiges Geschöpf. Es klaffen dort Reden und Handeln auseinander, ohne dass sich ein schlechtes Gewissen bemerkbar macht. Auch da passt der Begriff "Linksrechtsdeutsche" gut. Man sehe sich einmal den Deutschen Kulturrat an, der unermüdlich kulturelle Vielfalt befürwortet, Deutschland als weltoffenes Land preist und für den Zusammenhalt in einer pluralen Bundesrepublik wirbt. Hierfür wurde eigens die "Initiative kulturelle Integration" ins Leben gerufen. Doch als jüngst der Vorstand des Deutschen Kulturrats neu gewählt wurde, sah man von Vielfalt nicht mehr viel: Es gab keine Vertreter von schwarzen Deutschen zum Beispiel, die es in Anbetracht der aktuellen Postkolonialismus-Debatten gerade an zentralen Stellen im Kulturbetrieb dringend bräuchte. Fragen des Zusammenhalts sind auch Fragen nach der gerechten Verteilung von Macht und Privilegien.

Macht teilen mit Minderheiten? Lieber nicht. Man hat ja gerade erst gegen Rassismus getwittert

Ähnliches bei Regierenden: Anlässlich des gestrigen UN-Tages gegen Rassismus inszenierte jeder einen Tweet für die Menschenrechte und sagte Rassismus den Kampf an. Gleichzeitig scheinen die Verantwortlichen gegen den strukturellen Rassismus in ihren Verantwortungsbereichen eher zaghaft vorzugehen. Die Abwesenheit von Repräsentanten aus Minderheiten in der ersten und zweiten Regierungsebene ist frappierend und unterbietet die Quote der Ostdeutschen noch. Man fürchtet sich zwar seit dem Brexit vor den Rechtspopulisten in Europa - doch diese Rechtspopulisten treffen in zentralen Bereichen demokratischer Gesellschaften auf einen Status quo, der nichts mit der diversen Gesellschaft zu tun hat, sondern homogen ist. Die vielfältige Gesellschaft findet in den Machtebenen noch kaum statt. Das verdankt sich in Teilen auch dem Scheitern der Eliten. Sind hier zu viele, wie Biller sie nennt, Linksrechtsdeutsche am Werk, die nicht entschieden genug gegen die eigenen blinden Flecken vorgehen?

Auch Verlage und Medien nähern sich in ihren Strukturen nicht der Diversität des Publikums an, das sie erreichen könnten. Man betrauert den eigenen Bedeutungsverlust, statt für die Öffnung in den eigenen Reihen zu sorgen und so neue Debatten und Blickwinkel zu integrieren und neue Zielgruppen zu erschließen. Die Populisten wettern, "die Medien" stünden zu weit links. Wie kann es dann sein, dass die Quoten von Mitarbeitern mit Migrationsgeschichte sich auch dort im einstelligen Bereich befinden? Die interkulturelle Öffnung wurde jahrzehntelang nicht umgesetzt. Nun müsste sie sich im Zeitraffer vollziehen, will man den sogenannten Backlash vermeiden. Geteilte Verantwortung - auch das meint plurale Demokratie. Weshalb blieb man abgeschottet und unter sich? Beschweigen wir das weiterhin? Oder lernen wir daraus?

Wenn Bücher wichtig für die Demokratie sind, aus welchem Grund macht in weitgehend homogenen Redaktionen ein Buch wie "Mit Rechten reden" Furore? Den Titel "Mit Einwanderern reden" würden die Feuilletons nur müde belächeln. Sicher, es ist hart zu fragen, ob selbst jene, die sich öffentlich für die Demokratie einsetzen, die demokratischen Werte in ihrem Handeln nicht entschieden genug umsetzen. Noch härter ist es, sich selbst fragen zu müssen, ob man einer von jenen ist, die Wasser predigen und Wein trinken.

Vermeiden lässt sich diese Frage jedoch nicht: Bin ich ein Linksrechtsdeutscher? Es geht um eine andere Aufarbeitung der Vergangenheit - und um nicht weniger als um die Zukunft der Demokratie.

Kolumne von Jagoda Marinić

Jagoda Marinić, Jahrgang 1977, ist Schriftstellerin, Kulturmanagerin und Journalistin. Auf Twitter unter @jagodamarinic. Sie studierte Politikwissenschaft, Germanistik und Anglistik an der Universität Heidelberg. In ihrem aktuellen Debattenbuch "Sheroes" plädiert sie für ein lebhaftes Gespräch unter den Geschlechtern. Alle Kolumnen von ihr finden Sie hier.