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Kolumne:Irren

Emcke, Carolin

Carolin Emcke, 51, ist Autorin und Publizistin. 2016 erhielt sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Die absolute Wahrheit ist niemals zu haben, möglich ist allenfalls Wahrheitsähnliches. Wenn man dies weiß, dann sollte sich mancher scharfe Angriff auf Andersdenkende erübrigen.

Von Carolin Emcke

Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit, und in seiner Linken den einzigen, immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte, und spräche zu mir: wähle!," schrieb Gotthold Ephraim Lessing 1778 in seiner "Duplik". "Ich fiele mit Demut in seine Linke und sagte: Vater gib! Die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein!" Eine vordergründig unangenehme Wahl: zwischen der vollkommenen Wahrheit auf der einen und der ewigen Sehnsucht nach dieser Wahrheit, allerdings gekoppelt mit dem permanenten Irrtum, auf der anderen Seite. Wer wollte schon vor eine solche Alternative gestellt werden? Ich gebe zu, ich würde mich ungern "immer und ewig" irren. Ab und zu wäre ein gelungenes Urteil, eine zutreffende Einschätzung, eine wahre Erkenntnis doch schon ganz schön. Vor allem als Autorin. Aber wenn tatsächlich nur diese Optionen zur Wahl stünden, dann gäbe auch ich dem Irren den Vorzug.

Was bedeutete es aber tatsächlich, ehrlich zu verzichten auf die Hoffnung, die absolute Wahrheit kennen zu können und sich stattdessen lediglich mit dem Trieb nach Wahrheit zu begnügen? Was bedeutete es, sich bewusst zu machen, dass man womöglich immer und ewig irrt? Der erste Gedanke, der sich aufdrängt, ist die Frage, ob ich es mir eingestehen und vor allem verzeihen könnte. Dabei geht es nicht um den Grundzustand, also permanentes Scheitern auf der Suche nach der Wahrheit. Das wäre verhältnismäßig leicht zu tragen. Es geht um die jeweils einzelnen Irrtümer. Wie sehr ich sie mir selbst verübele, hängt sicher davon ab, ob ich mich privat oder öffentlich täusche, ob ich sie selbst entdecke oder ob jemand mich darauf hinweisen muss, auf wen oder was sie sich beziehen, inwiefern sie vermeidbar gewesen wären, welchen Schaden sie anrichten.

Es gibt viele Wege, sich zu irren. Nicht alle sind gleich beschämend

Es gibt so viele Weisen sich zu irren: optisch, emotional, politisch, ethisch, und so viele gute wie schlechte Gründe dafür: aus Verliebtheit, aus Eile, aus Hoffnung, aus Bequemlichkeit, aus Unwissen, aus Geschmacklosigkeit, aus geistiger Unbeweglichkeit. Die Liste der möglichen Motive (wie Gelegenheiten) für eigene Irrtümer ist endlos. Und natürlich beschämen sie mich unterschiedlich: Wenn ich mich in einer Person oder Quelle getäuscht habe, weil ich ihr geglaubt habe, sie aber nicht glaubwürdig war, ist das anders beschämend, als wenn ich nachlässig oder unsauber recherchiert habe.

Als Kind bewunderte ich aus der Weltmeistermannschaft von 1974 ausgerechnet Rainer Bonhof am meisten - das lässt sich nachträglich nur als fußballästhetisches Fehlurteil deklarieren (außer in Bezug auf Bonhofs Einwürfe vielleicht), aber es fällt nur mittelschwer, das auch einzugestehen. Viel gravierender und auch unverzeihlicher sind all jene Beispiele historisch-politischer Einschätzungen, die sich später als analytisch falsch und tragisch naiv herausgestellt haben. Als der jetzige Präsident Syriens, Baschar al-Assad, im Juli 2000 zum Nachfolger seines verstorbenen Vaters Hafiz al-Assad ernannt wurde, sah ich, damals Redakteurin im Ressort Ausland, darin eine gute Perspektive. Ich glaubte, der junge Assad, der kaum militärisch ausgebildet war und in Damaskus und London Medizin studiert hatte, würde ein weniger grausamer Präsident als sein Vater werden. Ich weiß gar nicht, welche meiner Annahmen ich nachträglich dümmlicher finden soll: die, dass ein Augenarzt nicht zum Massenmörder taugen sollte, oder die, eine Person allein könne in dem dichten Netz aus Geheimdiensten und Kader-Militärs in Syrien überhaupt einen Unterschied ausmachen. Womöglich, das würde es noch beschämender machen, verbarg sich hinter meinem Irrtum auch jene unbewusste westliche Arroganz, die unterstellt, jemand, der in London gelebt hat, müsse per se demokratischer sein als jemand, der ausschließlich in Damaskus ausgebildet wurde. Ich hoffe nicht. Aber es klingt danach.

In seinem Aufsatz "Lessingscher Geist und die Welt von heute" aus dem Jahr 1978 schrieb Jean Améry, auch wenn es keine absoluten Wahrheiten gäbe, so blieben sie doch als "ideale Punkte, unsichtbar, gleich Sternen, deren Sicht der Stand der Astronomie uns noch verwehrt, über uns stehen". Améry fährt fort, dass wir diesen Punkten verpflichtet sind und uns ihnen "unablässig mehr Wahrheitsähnliches erblickend, annähern". Einfach alles für unwichtig oder relativ zu erklären und auch nur der Suche nach Wahrheit abzuschwören, gilt also auch nicht, darin erinnert Jean Améry. Denn es gibt sie ja, die idealen Punkte, Sternen gleich über uns, deren Sicht uns nur verwehrt ist. Aber mit etwas Glück und ausreichend aufklärerischer Absicht nähern wir uns ihnen.

In Zeiten wie diesen, in denen der öffentliche Diskurs durch eine zunehmend enthemmte Aggression vergiftet wird, tut es gut, sich der eigenen Anfälligkeit für Irrtümer gewahr zu bleiben. Wenn die absolute Wahrheit für uns nicht zu haben ist, wenn es uns nur möglich ist, "Wahrheitsähnliches" zu erblicken, dann sollten sich manche dogmatischen Ideologien, manche finsteren Tonlagen, manch scharfer Angriff auf Andersdenkende erübrigen. Die Bereitschaft, den kritischen Zweifel nicht nur gegen andere, sondern auch gegen eigene Eindrücke und Überzeugungen zu richten, schwächt keineswegs die eigene Position, sondern schützt hoffentlich vor verletzenden Grobheiten und verfeinert gleichzeitig die Gründe, die für die eigenen Ansichten angeführt werden. Sich zu fragen, was gegen die eigenen Überzeugungen spricht, eigene Widersprüche oder Ambivalenzen aufzufächern, hilft vielleicht, sich dem Wahrheitsähnlichen zu nähern. Meine Klavierlehrerin aus Kindertagen hat mich einmal ermahnt mit dem stilprägenden Satz: "Wenn du schon falsch spielst, dann wenigstens präzis." Sich zu verspielen, das war ihrer Auffassung nach tolerabel, aber ungenaues Haspeln, das war unverzeihlich. Manchem, der sich auf der Straße, in Gesprächssendungen oder im Parlament äußert, möchte man eine solche Klavierstunde empfehlen. Vielleicht würde es helfen, zu einem zivilisierteren Miteinander zurückzufinden.

© SZ vom 14.11.2015

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