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Kolumne:Heimat

Die Kolumne der kroatisch-deutschen Schriftstellerin Jagoda Marinić, 40, erscheint alle vier Wochen samstags an dieser Stelle.

Zum deutschen Volk gehören auch die Einwanderer, die vor Jahrzehnten gekommen und geblieben sind, und ihre Kinder. Es geht um das große Wir-Gefühl der wehrhaften Demokraten.

Von Jagoda Marinic

Wut" und "Wir" - zwei Worte, die eng zusammengehören. Wer sich in einem "Wir" nicht wiederfindet, obwohl er sich gemeint wissen will, reagiert oft mit Wut. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat in seiner Rede zum Tag der deutschen Einheit das "Wir" beschworen. Doch bevor "Wir" so gesagt werden kann, dass sich die gesamtdeutsche Bevölkerung gemeint fühlt, ist noch viel zu tun.

Die deutsche Gesellschaft ist eine vielfältige. In einer vielfältigen Gesellschaft schafft man Zusammenhalt nur dadurch, dass man unterschiedliche Positionen anerkennt und demokratisch einen Konsens aushandelt. Gerade dieses Aushandeln bringt jedoch die Differenzen ans Tageslicht. In diesem Licht müssen sie als das Eigene und nicht als das Fremde anerkannt werden. Als Christian Wulff sich vor die Öffentlichkeit stellte und sagte, der Islam gehöre zu Deutschland, meinte er auch: Das ist ein Unterscheidungsmerkmal, das zu uns gehört. Es darf kein Ausschlusskriterium sein, im Gegenteil, es gehört zu unserem "Wir". Steinmeiers "Wir" hingegen bleibt abstrakt. Eine Behauptung. Wen schließt er ein, wen nicht? Wem widmet er seine Aufmerksamkeit?

Es gilt, das gemeinsame Wir zu verteidigen gegen jene, die es zur Ausgrenzung nutzen wollen

Die Frage richtet sich auch an Medienvertreter: Ist die Wut der 13 Prozent nun das lauteste Sprachorgan Deutschlands? Weshalb ist es so einfach, diesen Wütenden ein Mikrofon hinzuhalten, ihnen Sendezeit zu widmen, während sich Deutsche mit Migrationshintergrund hierfür mit hundert Migrantenorganisationen bundesweit verbünden müssen - wie jetzt der Zusammenschluss "Neue deutsche Organisationen"?

Menschen mit Migrationsgeschichte sind keine homogene Gruppe. Meine Familie zum Beispiel stammt aus dem ehemaligen Jugoslawien, heute Kroatien. Unter den ehemaligen Gastarbeitern aus ganz Europa streiten die einen für eine offene Gesellschaft und die anderen dagegen. Die Mehrheit der Menschen mit Migrationsgeschichte ist sich jedoch dessen bewusst, dass sie ohne eine gewisse Offenheit dieser Gesellschaft nie hier angekommen wären. Auch sie sind jetzt besorgte Bürger. Um zu beschwichtigen, wird gern eine Studie herangezogen, nach der 60 Prozent behaupten, die AfD nur aus Enttäuschung gewählt zu haben. Wenn einer jedoch aus Enttäuschung eine Partei wählt, die noch kurz vor der Wahl die Wehrmacht verherrlicht, dann hat er ein Problem im Umgang mit seiner Enttäuschung.

Dieses Problem wird beschönigend "Protestwahl" genannt. Wenn einer mit seiner "Protestwahl" Abgeordnete in den Bundestag wählt, die mit Nazis sympathisieren, wogegen hat er dann protestiert? Schäuble rät entspannt, wir sollten alle etwas selbstbewusster sein. Ich erinnere ihn selbstbewusst an die Wahlnacht, in der im Jahr 2017 ein deutscher Abgeordneter ins Mikrofon rief: "Wir werden uns unser Land und unser Volk zurückholen." Wie passen jene, die dieses Land zurückholen wollen, und jene, die es angeblich in Besitz genommen haben, in ein gemeinsames "Wir"? Wäre es nicht zutreffender, Folgendes zu sagen: "Wir müssen dieses große gemeinsame Wir verteidigen gegen jene, die es in Besitz nehmen wollen, um andere auszugrenzen." In diesem großen "Wir" war bislang Platz für viele. Die Vielen haben sich in ihren Verschiedenheiten sichtbarer gemacht: LGBTQ+, zum Beispiel. Mit der Sichtbarkeit wurden sie verletzlicher. Und somit noch schutzbedürftiger.

Auf AfD-Wahlplakaten stand: "Neue Deutsche? Machen wir selbst." Wer ist dieses "Wir", das seine Nachfahren selbst macht? Sind auch sie Teil des "Wir", das der Bundespräsident meint? Ein Land, in dem es Antidiskriminierungsgesetze gibt, duldete offenen Rassismus auf Wahlplakaten. Adressat war ein kleineres " Wir": die Nachfahren von Einwanderern, die dieses Land nach der Nazizeit mit aufgebaut haben, deren Eltern keine Bürgerrechte erhielten, die lange warten mussten, bis sich dieses Land von seinem Staatsbürgerschafts-Blutrecht trennen konnte. Wir sind zwanzig Millionen Menschen mit Migrationsgeschichte. Bald zehn Millionen sind Eingebürgerte. Für Rechtsaußen sind wir "Ausländer mit deutschem Pass". Jetzt einfach von "Wir" zu sprechen, hieße die Augen vor der Arbeit zu verschließen, die Deutschland noch vor sich hat.

Diese Gesellschaft muss lernen, aus vielen verschiedenen "Wir-Einheiten" ein großes Wir zu schaffen, das die anderen in ihrer Unterschiedlichkeit erträgt und nicht ausgrenzt. Diese Gesellschaft muss lernen, dass nicht alle Gruppen näher miteinander zu tun haben wollen. Doch aushalten müssen sie einander. Man muss jedoch in einem gemeinsamen "Wir" jene nicht widerspruchlos aushalten, die sexuelle, ethnische oder andere Minderheiten ihrer Rechte berauben wollen. Ohne heftige Auseinandersetzung kann man solchen nicht das "Wir" anbieten.

Viele Deutsche mit Migrationshintergrund sind deutscher als so mancher, der jetzt in den Bundestag einzieht. Unsere Zugehörigkeit zum "Wir" begann in der fünften Klasse, als man uns Bilder vom Holocaust zeigte. Viele Lehrer verdrängten, dass die meisten von uns auf der Seite der Opfer gestanden hätten und lehrten uns deutsche Geschichte als wären wir Deutsche. Deutsche wurden wir erst später. Doch schon damals brachte man uns den Unterschied zwischen Verantwortung und Schuld nahe, ohne den deutsche Identität nicht denkbar ist. Keiner der deutschen Nachfahren von Nationalsozialisten trägt Schuld am Tun seiner Vorfahren. Doch jeder trägt Verantwortung. Verantwortung ist teilbar. Sie kann ein Wir-Gefühl stärken. Auch wir, die zweite und dritte Generation, sind zu wehrhaften Demokraten herangewachsen und wollen unseren Beitrag leisten.

Derzeit ist der Ruf nach Heimat lauter als jeder Muezzin. Wenn Heimat so unabdingbar ist, muss es sie auch für uns geben. In einer ersten Klasse in Hamburg haben inzwischen 51 Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund. Wenn Deutschland sich jetzt in alte Integrationsdiskurse drängen lässt, wird das Zugehörigkeitsgefühl der nächsten Generation junger Deutscher nachhaltig geschädigt. Wer sorgt für diese Kinder und ihr Recht auf Heimat? Ich sehe in die erschöpften Gesichter der ersten Arbeitsmigranten, die Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg mit aufgebaut haben. Ich möchte diese Generation nicht in einem Land alt werden sehen, in dem "Volk" weiterhin sie nicht meint.

© SZ vom 07.10.2017

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