Kolumne Geben

Carolin Emcke, 51, ist Autorin und Publizistin. 2016 erhielt sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

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Die Zäsur dieses Jahres war nicht der Terror, nicht die Gewalt und nicht der Krieg, es waren nicht die hasserfüllten Gesichter der Populisten. Was bleibt, ist die Wiederentdeckung der Gabe.

Von Carolin Emcke

So gibt es in der ganzen menschlichen Entwicklung nur eine Weisheit, und wir täten gut daran, als Prinzip unseres Lebens das anzunehmen, was schon immer ein Handlungsprinzip war und es immer sein wird", schrieb der französische Ethnologe Marcel Mauss 1950 in seinem Essay "Die Gabe". "Wir sollten aus uns herausgehen, Gaben geben, freiwillig und obligatorisch, denn darin liegt kein Risiko." Am Ende dieses Jahres, in dem es so viel zu betrauern und zu beklagen gab, am Ende dieser Saison der Radikalisierung und der Gewalt, ist es trotzdem das, was bleibt und was für mich alles andere überragt: die Wiederentdeckung der Gabe.

Es sind nicht die furchtbaren Anschläge des IS in Tunis, Beirut oder Paris, die eine Zäsur markieren, nicht der fortdauernde Zerfall der Ukraine, nicht die Verschleppung der Schulmädchen von Chibok in Nigeria durch Boko Haram, nicht die hassverzerrten Gesichter all der Populistinnen und Populisten, die stolz und niederträchtig ihre Provinzialität vor sich hertragen und das zu zerstören suchen, was kostbar ist und schützenswert. Es ist kein Gesetz, das verabschiedet oder verhindert wurde, keine politische Einigung und kein Zerwürfnis, das alles überstrahlt oder verschattet hätte. Es ist diese ungeplante wie ungesteuerte Bereitschaft zahlloser Menschen, aus sich herauszugehen und anderen zu geben, freiwillig und obligatorisch, ohne Risiko.

Wie in den vergangenen Monaten überall, in den Städten und auf dem Land, jüngere und ältere, gläubige und ungläubige, zugewanderte und alteingesessene Menschen gespürt haben, dass sie gebraucht werden. Etwas, das sie haben oder was ihnen zu eigen ist, ein Ding oder eine Fähigkeit, könnte anderen etwas nutzen, das war und ist spektakulär. Wie sich dieses Geben vervielfältigt und auch verstetigt hat, erst recht. Es spielt keine Rolle, was es ist, das jemand anbieten kann, Zeit oder Geld, eine Jeansjacke oder eine Chorstunde, alles zählt, ganz gleich, woraus es besteht. Ob es der pensionierte Unternehmer ist, der in seiner freien Zeit Alt-Kleider sortiert, der selbständige Gemüsehändler, der abends einsammelt, was im Laden übrig bleibt und ins Flüchtlingsheim transportiert, die legendäre Tunte, die nun minderjährigen Geflüchteten Lesen und Schreiben beibringt, oder die Onkologin, die noch nach ihrer Schicht im Krankenhaus in der Erstaufnahme-Einrichtung Kranke und Verletzte versorgt - sie alle haben dieses Jahr verzaubert.

Aus einer einfachen Geste der Gastfreundschaft ist Engagement geworden

Es sind keineswegs nur jene, die es sich leisten können, die etwas geben. Die Menschen, wie vermögend auch immer, leisten es sich, das, was sie für richtig halten, einfach zu tun. Längst geht es dabei nicht mehr bloß um individuelle Wohltätigkeit. Es ist nicht einfach nur eine kurzfristige Geste der Gastfreundschaft, sondern längst ist aus dieser Gabe eine soziale Bewegung von Engagierten entstanden. Allen missmutigen Ankündigungen zum Trotz, die Stimmung werde kippen, ist nichts gekippt. Alle, die in einer Unterkunft waren oder auf einer Behörde, die Geflüchtete bei sich aufgenommen oder begleitet haben, erlebten die kafkaesk-undurchdringlichen Regeln und Verordnungen, die uns selbst selten behindern oder auch nur auffallen, aus der Sicht derer, die ihnen schutzlos ausgeliefert sind. Deswegen haben die meisten, die sich engagieren, keineswegs genug, sondern fragen sich vielmehr, was sie noch tun könnten. Fast keinen Satz habe ich häufiger gehört in den vergangenen Wochen als "Was sollen wir nur tun?", und zwar immer von denjenigen, die schon über sich hinausgingen und gaben, wo es nur ging.

Wer so zu geben bereit ist, erhält mannigfaltig zurück. Die Gabe ist immer auch Tausch oder Austausch: von Erfahrungen und Perspektiven, durch die eigene Überzeugungen noch einmal herausgefordert zu werden. Es ist, als ob die Geflüchteten uns auf uns selbst zurückwerfen, uns unsere privaten oder politischen Gewissheiten spiegeln. Und so halten wir inne und unterziehen uns einer reinigenden Prüfung: Wie wollen wir leben, und was braucht es dafür? Welche Geschichten wollen wir einander erzählen und vererben? Wie muss der säkulare, demokratische Staat beschaffen sein, der uns schützt vor religiösem oder ideologischem Dogma, aber auch vor Diskriminierung und Gewalt? Mit den Geflüchteten erleben wir vielfach auch eine Form der bewussteren, selbstkritischen Aneignung des eigenen Lebens und der Gesellschaft, in der wir leben.

Die schönste Gabe aber waren für mich die überraschenden Freundschaften, die entstanden sind, dieses Netz aus Menschen, die sich im Handeln begegnen und entdecken. Es sind andere Arten der Freundschaft als die geläufigen. Sie blicken nicht zurück auf ein langes Leben, sie hüten nicht die Geheimnisse der anderen und kennen auch nicht deren innere Widersprüche und Sehnsüchte. Aber vielleicht braucht es das auch gar nicht. In dem Briefwechsel mit dem südafrikanischen Schriftsteller J. M. Coetzee erörterte der amerikanische Autor Paul Auster einmal das rätselhafte Wesen von Freundschaft. Die Kommunikation mit seinem besten Freund beschränke sich eigentlich "auf ein paar Grunzlaute", schrieb Auster in einem Brief vom 29. Juli 2008, und doch teilten sie "unausgesprochene, aber gemeinsame Vorstellungen davon, wie man leben sollte".

Das mit den Grunzlauten haben wir noch nicht probiert, aber es stimmt schon: Die wunderbarsten Menschen, die ich dieses Jahr neu entdeckt habe, sind die, bei denen keine Zweifel auftauchen darüber, wie man leben sollte, mit denen sich hinausgehen lässt, ob sie zugewandert oder alteingesessen, muslimisch oder katholisch sind, ob sie als Polizisten arbeiten oder als Barkeeperin, als Erzieher oder als Violinistin, ob sie einen Pass besitzen oder nicht - diese Begegnungen haben all die konventionellen Bezüge von Herkunft oder Glauben, all die fragwürdigen Koordinaten aus Identität und Differenz durchkreuzt und in fraglose Freundschaften übersetzt. Bei allem, was einen ratlos und sorgenvoll zurücklassen konnte dieses Jahr, sind es diese Begegnungen, die mich dankbar und zuversichtlich stimmen.