Kolumne Experiment

Carolin Emcke, 51, ist Autorin und Publizistin. 2016 erhielt sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

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Die AfD will das öffentlich-rechtliche Fernsehen privatisieren. Was würde das bedeuten? Ein Selbstversuch vor dem TV-Gerät.

Von Carolin Emcke

Die öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten werden privatisiert", heißt es im vorläufigen Grundsatzprogramm der Partei, die sich als Alternative versteht, "sie finanzieren sich von 2018 an selbst." Etwas kryptisch wird noch beigefügt, die staatliche Informationsversorgung solle "durch einen steuerfinanzierten Rundfunk ersetzt werden". Anstatt mich über die Partei zu empören, möchte ich sie ernst nehmen und mir vorstellen, wie die Welt aussähe, die ihren Vorstellungen entspricht. Da sich eine staatliche Informationsversorgung nach ihrem Modell noch nicht betrachten lässt, bleibt mir nur eine Versuchsanordnung, in der es den von der AfD abgelehnten öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht mehr gibt. Ich werde also zwölf Stunden lang nur Privatfernsehen schauen.

Das Experiment "Fernsehen-wie-es-sich-die-Wahrer-der-Deutschen-Leitkultur-wohl-vorstellen" beginnt morgens um sieben Uhr. Ein letzter Abschied vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Ein letztes Mal die geliebten Nachrichten im Deutschlandfunk. Quasi der letzte Schuss vor dem Entzug. Dann geht es mit einer großen Kanne Tee vor den Fernseher. Ich starte, aus reiner Ahnungslosigkeit, mit RTL "Guten Morgen Deutschland". Nachrichten immerhin, denke ich, und verfolge dann ein Gespräch zwischen zwei Moderatoren unter der Kategorie VIP: Britney Spears hat ihre Drogensucht gestanden, Cora Schumacher trennt sich von ihrem Polizisten; es ist 7.39 Uhr, und so viel Tee kann ich gar nicht trinken, wie nötig wäre, um das auszuhalten.

Schwule Geier und andere Sensationen

Vielleicht sollte ich mir eh erst einmal einen Überblick darüber verschaffen, was es so gibt. Bei Vox läuft "Verklag mich doch", bei Kabel 1 eine amerikanische Krimi-Serie namens "Cold Case", bei Pro Sieben "Two and a Half Men", bei RTL 2 "Privatdetektive im Einsatz"; auf Sat 1 gibt es "Frühstücksfernsehen". Die Acht-Uhr-Nachrichten öffnen mit: "Unfall bei Borstel", es folgt ein Bericht über die Sicherheitsvorkehrungen beim Oktoberfest; und schließlich die Geschichte der "schwulen Geier" Isis und Nordhorn. Isis und Nordhorn, so wird erzählt, wollten eine Familie gründen und hatten schon ein Nest gebaut - nur der Nachwuchs fehlte. Als Geierdame Lisa im selben Tierpark ihr gelegtes Ei ignorierte und nicht bebrüten wollte, kamen Isis und Nordhorn zu ihrem Glück. Ob das so im Sinne der Partei ist, die in ihrem Programm sich vehement "gegen die Stigmatisierung traditioneller Geschlechterrollen" wendet? Eine Regenbogen-Familie unter Geiern? Isis und Nordhorn im Bildungsplan deutscher Schulen?

Beim Zappen besteht die Gefahr, dass man an den verlockenden Programmen der Öffentlich-Rechtlichen vorbei muss: Auf ZDF Info läuft eine halbstündige Dokumentation über TTIP, von neun Uhr an überträgt Phoenix live aus dem Bundestag. Man wird ja wohl mal gucken dürfen, denke ich kurz, aber ich halte mich dann doch an den selbstverordneten Entzug. Auf Sat 1 wird inzwischen ein Steak gewogen, unter dem Header "Böse Überraschung im Restaurant", in Regensburg wiegt das Fleischstück weniger, als es wiegen soll; danach gibt es einen Beitrag über "Deutschlands heißeste Botschaftsgattin". Das soll unterhaltsame Information sein, macht aber vor allem müde. "Das Vergnügen befördert die Resignation, die sich in ihm vergessen will", schrieben Max Horkheimer und Theodor W. Adorno in der "Dialektik der Aufklärung".

Ich versuche, eine ganze Sendung durchzuhalten und entscheide mich für: "Mein himmlisches Hotel". Drei Paare, die Hotels betreiben, betrachten die Zimmer eines Konkurrenten. Das Format lebt von der Lust am Kleinlichen und der Denunziation. Mit blockwartmäßiger Freude werden Steckdosen und Kleiderhaken auf mangelnde Sauberkeit untersucht. Das Prinzip "Denunziation und Konkurrenz", so weiß ich quälende Stunden später, gibt es in endlosen Varianten, in denen Hochzeitsfeste oder Lokale wechselseitig benörgelt und bewertet werden.

Ich hoffe, der Nachrichtensender N24 kann mich retten. Um 11.30 Uhr verkündet der Moderator: "Volkswagen stellt sich Aktionären . . . wir hören rein." Es folgen 15 Minuten kommentarlose PK. Gleichzeitig läuft am unteren Bildschirmrand der Börsenticker, im linken Bildfeld wird für die N24 App geworden. Der Sender scheint davon auszugehen, dass er nur tonlos auf Flughäfen oder in Büros läuft. Gegen Mittag will ich das erste Mal abbrechen. Ich habe gar nicht so viel zu bügeln, wie ich mich ablenken will von diesem Programm. Um 13.15 Uhr läuft Richter "Alexander Hold", wobei schon das Genre "Reality-Soap" die Frage aufwirft, wieso eigentlich diese Formate nicht das Etikett "Lügenpresse" bekommen. Vor dem "Richter" streiten sich eine "Mutter" und ihre "Tochter", die Sandy und Mandy heißen. Sandy hat Tom mit einer Holzlatte das Gesicht zusammengeschlagen, um diese Tat anschließend dem Freund ihrer Tochter, Armin, zu unterstellen. Sandy und Mandy sind, das muss hier betont werden, weder aus Syrien noch aus Nordafrika. Sie sind nicht einmal Muslime. Die dysfunktionale, kriminelle Familie ist eine deutsche Eigenproduktion.

Das ist keine Ausnahme: Um 16 Uhr in den "Verdachtsfällen" auf RTL betrügt Mark seine Verlobte Vera am Tag vor der Hochzeit mit Gaby, ihrer Stiefmutter. Auch hier: nix multikulti, nix schwul, sondern rein biodeutsche, heterosexuelle Polyamorie. Die Islamisierung scheint wirklich das geringste Problem des Abendlandes zu sein. Um 18.45 Uhr, in den RTL-Nachrichten. tauchen dann auch Isis und Nordhorn wieder auf. Eine Biologin erklärt so ernsthaft wie ungerührt, das mit der Homosexualität der Tiere, das sei nichts Ungewöhnliches. Ich male mir inzwischen schon eine Doku-Soap mit Isis und Nordhorn aus: "Gute Zeiten, schlechte Zeiten unter Geiern", "Eine schrecklich nette Familie - mit Isis und Nordhorn". Um 19 Uhr schließlich, nach zwölf Stunden privat-deutscher Leitkultur, reicht es: Ich gehe ins Konzert der Berliner Philharmoniker. Dort spielen übrigens Musiker aus 24 Nationen und vier verschiedenen Religionen miteinander. Manche nennen das Multikulti.