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68er Bewegung:Die wilden 67er

Student Ohnesorg bei Anti-Schah-Demo erschossen

Tumulte vor dem Schöneberger Rathaus in Berlin am 2. Juni 1967: Benno Ohnesorg wurde bei einer Anti-Schah-Demo erschossen

(Foto: dpa; Bearbeitung SZ)

Der Tod von Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 war der Auftakt dessen, was wir heute als "68er Bewegung" kennen. Er verwandelte den Protest der linken Studenten in eine breite antiautoritäre Revolte, die ganz Deutschland erfasste.

Von Norbert Frei

Am Morgen nach der Bluttat hinter der Deutschen Oper war West-Berlin voll von Drohungen, Ängsten und falschen Gewissheiten. Der tote Student gehe auf das Konto der Demonstranten, hatte Heinrich Albertz, der Regierende Bürgermeister, noch in der Nacht erklärt. Und: "Die Geduld der Stadt ist am Ende."

In den Ohren jener, deren Protest gegen den Schah von Persien nur Stunden zuvor von Wasserwerfern, prügelnden iranischen Geheimdienstleuten und knüppelnden Polizisten beantwortet worden war, klangen solche Sätze wie der Beweis für eine "faschistoide Verschwörung des Senats". Entsprechend lautete die Überschrift auf einem der atemlosen Flugblätter vom 3. Juni 1967: "Geplanter Mord!"

50 Jahre 68er-Bewegung - ein Schwerpunkt

Vom tödlichen Schuss auf Benno Ohnesorg über die Massendemonstrationen bis zum blutigen Terror der RAF: Alle Analysen, Interviews und Fotos zur 68er-Bewegung finden Sie hier.

Wie sehr fast allen Beteiligten die NS-Zeit noch in den Knochen steckte

Die Nachricht vom Tod des Germanistikstudenten Benno Ohnesorg entsetzte und mobilisierte auch viele bis dahin eher unpolitische Studenten, die den Demonstrationen gegen das glamouröse Kaiserpaar ferngeblieben waren, ja denen das "Folterregime" des Mohammad Reza Pahlavi ziemlich einerlei gewesen war.

Jetzt wurden es stündlich mehr, die ungefähr so empfanden wie die Aktivisten der Humanistischen Studentenunion, deren eilig hektografierte Stellungnahme noch unter der Vermutung entstand, Ohnesorg sei erschlagen worden: "Er wollte mit eigenen Augen sehen, dass Berlin nicht Teheran ist." Darüber sei er zum Opfer geworden. "Wie viele werden ihm folgen müssen?" fragten die Autoren düster - und offerierten der "Berliner Bevölkerung" einen harten Vergleich: "Ulbrichts Bürokraten-Regime erschießt Menschen an der Mauer. Albertz' Polizei-Regime unterdrückt jetzt die ernsthafte politische Opposition gegen seine Politik, die Westberlin den Ruin bringt, durch MORD!!!"

Das war starker Tobak, auf ahnungslose Weise aber näher an der verqueren Wahrheit, als wir jahrzehntelang wissen konnten.

Wer sich die Rhetorik von damals noch einmal vor Augen führt - die Wortwahl der Studenten, die Formulierungen des sozialdemokratischen Senats, die haltlosen Erklärungen der Berliner Polizei oder gar die demagogische Berichterstattung der Springer-Presse -, der spürt nicht nur die Präsenz des Kalten Krieges und des deutsch-deutschen Systemkonflikts. Wer die Dokumente liest, die Bilder betrachtet und die erregten Stimmen der Passanten hört ("Die müsste man vergasen!"), der spürt, wie sehr fast allen Beteiligten die NS-Zeit noch in den Knochen steckte.

Habitus der Gewalt

Dazu musste man nicht schon im "Dritten Reich" Dienst getan haben oder doch aufgewachsen sein wie Tausende Polizisten und Staatsschützer, die den neuntägigen Staatsbesuch des iranischen Autokraten in der Bundesrepublik und West-Berlin begleiteten. Und noch viel weniger musste man Waffenfetischist und Inoffizieller Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit sein wie Kriminalobermeister Karl-Heinz Kurras, der Benno Ohnesorg - wie wir heute wissen: nicht etwa aufgrund der unglücklichen Verkettung von Umständen, sondern völlig ohne Not - am Abend des 2. Juni in einem Parkhof an der Krummen Straße erschoss.

Es genügte, so wie die meisten der linken Studenten, die seit ein, zwei Jahren auf die Straße gingen, in den letzten Kriegs- oder in den ersten Nachkriegsjahren geboren worden zu sein. Dann hatte man genug mitbekommen von einer Gesellschaft, die den Habitus der Gewalt und die autoritäre Mentalität der Hitler-Zeit noch mit sich führte.

Eine Tat mit generationsprägender Wucht

Die Ereignisse der ersten Junitage 1967 waren von einer so generationsprägenden Wucht, dass man sich noch heute fragen kann, weshalb in den Jahrzehnten danach nie von den "Siebenundsechzigern" die Rede war. Die Antwort liegt freilich auf der Hand, und sie verweist noch einmal auf die anhaltende Deutungsmacht derer, die seinerzeit auf die Straße gingen: Sie wollten ihren Protest als Teil einer globalen Bewegung sehen, als einen Beitrag im Kampf für eine bessere Welt - gegen den Krieg der Vereinigten Staaten in Vietnam, gegen Kapitalismus, Imperialismus und, soweit sie sich als aufrechte Antiautoritäre begriffen, auch gegen den Parteikommunismus sowjetischen Typs.

Das alles passte, zumal mit Blick auf den Prager Frühling und den Pariser Mai, viel besser unter der Chiffre '68 zusammen als unter dem verhältnismäßig frühen und sehr deutschen Datum 2. Juni 1967.

Gleichwohl gab es - jenseits des Aufschwungs der Neuen Linken überall im Westen und der aus ihrem amerikanischen Exil in die Bundesrepublik zurückkehrenden Kritischen Theorie - spezifisch deutsche Gründe für die Revolte. Sie lagen in dem, was eine schnell wachsende intellektuelle Minderheit seit den späten Fünfzigerjahren mit noch schneller wachsender Ungeduld als "unbewältigte Vergangenheit" anzuprangern pflegte. Den meisten Studenten der Sechzigerjahre war diese Vergangenheit als Anathema vom heimischen Abendbrottisch ihrer Jugendzeit vertraut; an den Universitäten begegneten sie ihnen wieder in Gestalt vieler kompromittierter Professoren.

Schon deshalb gingen den Protestbewegten in dem knappen Jahr zwischen Ohnesorgs Tod und dem Attentat auf Rudi Dutschke am Gründonnerstag 1968 - danach begann man sich bereits wieder zu zerstreuen - die Empörungsgründe nicht aus. Wichtiger als Ringvorlesungen über "braune Universitäten" und Aktionen gegen einen ehemaligen NS-Parteigenossen als Bundeskanzler der Großen Koalition wurde jetzt aber der Protest gegen die von der Regierung Kiesinger-Brandt geplante Notstandsverfassung.

Eine Außerparlamentarische Opposition, die weit über das studentische Milieu hinausgriff, erblickte darin ein neues Ermächtigungsgesetz. Wieder war die Vergangenheit höchst gegenwärtig: "Kein zweites 1933" pinselten die Münchner Kunststudenten Anfang Mai 1968 auf ihr Transparent am Siegestor. Als der Kampf gegen den "Bonner Notstand" mit friedlichen Mitteln verloren war, glaubten Teile der zerfallenden Bewegung zu anderen Formen des "Widerstands" berechtigt zu sein. Damals begann die Geschichte der RAF, wenig später auch die der West-Berliner Terrorgruppe "Bewegung 2. Juni".

Was von den 68ern bleibt
68er Revolte

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© SZ vom 27.05.2017
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