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Kolumne:Cluster im Idyll

Der Corona-Ausbruch am Wolfgangsee ist unter Kontrolle, trotzdem kommt er zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt.

Von Martin Langeder

Als ich vorige Woche Zug und Hotel für meine Radtour durch das Salzkammergut buchte, habe ich nicht damit gerechnet, dass ich mich in die Region mit dem nächsten Corona-Cluster begebe. Hier gibt es keinen Ballermanntourismus, dafür sehr viel Natur, um Abstand zu halten; außerdem hat ja Tourismusministerin Elisabeth Köstinger Ende Mai verkündet, dass Österreich "das sicherste Tourismusland der Welt" werden solle.

Doch dann meldete St. Wolfgang eine Häufung von Corona-Fällen, weil sich Hotelpraktikanten beim Feiern angesteckt hatten. Nach Massentests mit mehr als tausend Teilnehmern unter Hotelmitarbeitern, Einheimischen und Gästen steht die Zahl derzeit bei 70 Covid-19-Infizierten - ausgerechnet im weltberühmten Tourismusort. Die Bild-Zeitung schrieb "Corona-Katastrophe im Ösi-Paradies", der Kurier titelte "Schatten über dem Postkarten-Idyll" und in den Salzburger Nachrichten stand: "Region kämpft um Sommersaison".

Plötzlich waren sie wieder da, die von vielen allzugern verdrängten Erinnerungen an Ischgl.

Doch der Ausbruch am Wolfgangsee ist den Behörden zufolge unter Kontrolle. Das Aufspüren aller Personen, mit denen die Infizierten in Verbindung standen, hat funktioniert; so etwas hätte auch an jedem anderen Ort passieren können. Das ist, kurz zusammengefasst, die Argumentationslinie, die Hoteliers, der örtliche Tourismusverband und die im Krisenstab beteiligten Politiker verfolgen, schreibt mein Kollege Oliver Klasen in seiner Reportage vom Wolfgangsee, für die er auch ein Statement von Waltraut Haas eingeholt hat, die im legendären Film "Im weißen Rößl" von 1960 die Wirtin gespielt hat.

Die Corona-Fälle kommen jedenfalls zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt, gerade erst hat der Tourismus nur zögerlich wieder Fahrt aufgenommen. Im April und Mai gingen die Nächtigungen in Österreich um 90 Prozent im Vergleich zu 2019 zurück, im Juni betrug das Minus immer noch 58,6 Prozent. Die meisten Gäste stammen aus Österreich (56 Prozent), gefolgt von Touristen aus Deutschland (rund ein Drittel).

Eigentlich sollten von Anfang Juli an bis zu 65.000 Tourismus-Bedienstete pro Woche auf das Coronavirus getestet werden. Damit wollte die Bundesregierung den Gästen Sicherheit bieten und den Hoteliers einen Vorteil im internationalen Wettkampf um die Urlauber verschaffen. Bundeskanzler Sebastian Kurz sprach von einem "herausragenden Konzept". Allein - den großen Worten folgten nur kleine Taten. In den ersten drei Juliwochen wurden insgesamt lediglich 10.200 Abstriche durchgeführt. Dazu kam ans Licht, dass eine ÖVP-nahe Agentur am Testprogramm mitarbeitete, das von der Opposition kritisiert wird. Gesundheitsminister Rudolf Anschober indes musste diese Woche eingestehen, dass bei den vielen Erlässen und Verordnungen zur Pandemie "Fehler passiert" sind, er kündigte Reformen in seinem Ministerium an.

Bei meiner Radtour vorbei an Fuschlsee, Wolfgangsee (mit großem Abstand zu St. Wolfgang), Bad Ischl, Hallstättersee, Attersee und Mondsee habe ich jede heikle Situation vermieden. Ein Risiko ließ sich allerdings nicht ausschließen. Eines, das man als geübter Gast im Salzkammergut nur allzu gut kennt - die Gewitterfront, die oft schneller heranzieht, als man es für möglich hält. Dieses Mal hatte ich Glück. Mit dem ersten Donner erreichte ich den Hauptbahnhof in Salzburg.

Apropos Salzburg: Hier beginnen an diesem Samstag die Jubiläumsfestspiele, mit eingekürztem Programm und strengen Corona-Maßnahmen. Hoffentlich geht alles gut.

Dieser Text ist zuerst am 31. Juli 2020 im Österreich-Newsletter erschienen.

© SZ vom 01.08.2020 / mala
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