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Kolumne:Brummding

Kurt Kister

Kurt Kister ist Chefredakteur der SZ.

Nicht einmal zehn Jahre ist es her, dass die ersten Mobiltelefone viel mehr waren als nur tragbare, modernere Fernsprecher. Das Smartphone hat seitdem die Welt so sehr verändert, dass sie in eine neue Ära eingetreten ist.

Von Kurt Kister

Nine Eleven, der 11. September, ist nicht nur irgendein Tag im Spätsommer. Das Datum steht für den Eintritt der Welt in eine neue Ära, in die Zeit der großen Unordnung, die mit den Flugzeug-Attentaten in New York und Washington 2001 so spektakulär begann. Vorher war die Welt vom Kalten Krieg und dessen weitgehend friedlichem Ende geprägt. Danach war alles anders. So ist es bis heute.

Ein Datum kann ein Symbol sein für unerhörtes Geschehen oder gar eine Zeitenwende. Viele dieser Symbole verblassen, so wie auch die Erinnerung verblasst. Der 22. November zum Beispiel war mal so ein Tag, zumindest im Westen. Die Älteren erinnern sich noch an den Schock von Dallas, wo an ebenjenem Tag, dem 22. 11. 1963, John F. Kennedy ermordet wurde. Für viele Jüngere aber hat dieser Tag heute keine Bedeutung mehr.

Es gibt auch Epochentage, die man erst erkennt, wenn die Epoche, die neue Ära weiter fortgeschritten ist. Nicht alle werden damit einverstanden sein, dass ein Tag, den sie selbst erlebt, aber nicht als Epochentag wahrgenommen haben, diese besondere Bedeutung bekommen soll. So ein Tag war der 9. Januar 2007.

Damals stellte Steve Jobs, Kopf der Firma Apple, das erste iPhone der Öffentlichkeit vor. Nein, dieser Text ist nicht von Apple bezahlt, aber es ist nun einmal die Wahrheit, dass mit diesem Telefon, das mehr war als nur ein tragbares Fernsprechgerät, eine Revolution der Art und Weise einsetzte, wie Menschen miteinander umgehen und wie sie auf die sie umgebende Welt reagieren. Wollte man philosophisch werden, könnte man jene mit dem Internet verbundenen Klugtelefone, die zehn Jahre nach Steve Jobs überall in Betrieb sind, als Mittel der Weltbetrachtung und der Einordnung verstehen, die gleichzeitig die Welt verändern.

Zu hoch gegriffen? Nein. Natürlich hat nicht jeder Mensch so ein Ding, und selbst in den entwickelten Gesellschaften gibt es immer noch eine beträchtliche Minderheit von Leuten - überwiegend, aber nicht nur Ältere -, die das Mobiltelefon gerade mal für eine andere Erscheinungsform eben des alten Fernsprechers halten. Ja, das Mobiltelefon hat die Telefonzelle getötet und es wird in absehbarer Zeit den Festnetzanschluss, so wie man ihn heute noch kennt, obsolet machen. Das aber ist nur ein kleiner Teil der Wahrheit.

Ich speichere, also bin ich. Wir sharen, also sind wir

Das Klugtelefon ist, nicht einmal zehn Jahre nach seiner Einführung, ein Gerät, das im Alltag so gut wie alle anderen Arten der nicht direkten Kommunikation ersetzt hat. Das beginnt mit den Briefen, geht weiter mit der Benutzung von Telefonen, Faxen, Fernschreibern und hört nicht damit auf, wie sich Menschen bisher über Medien im weiteren Sinne informiert oder unterhalten haben. Das Klugtelefon ist auf dem Wege - ob es der beste ist, sei dahingestellt -, die Vielfalt der Kommunikationsgeräte, aber auch der Kommunikationsmedien, die ein Identitätsmerkmal der Moderne im 20. Jahrhundert war, in einem Gerät zu bündeln - es ist gleichzeitig Radio, Fotoapparat, Fernseher, natürlich Telefon, Buch, nein: Bibliothek, Computer, Plattenspieler, Videogerät und, leider, auch Zeitung.

Man mag nun einwenden, das Brummding sei im Prinzip ja nichts anderes als nur ein tragbarer Zugang in das Netz, in dem all die Bücher, Filme, Artikel, Symphonien, Verbindungsmöglichkeiten, Profile gespeichert seien. Das stimmt, aber nichts anderes ermöglicht dem Individuum ähnlich unabhängig von Ort und Zeit und ähnlich unkompliziert den Zugang in jene Speicherwelten, die immer mehr das, was viele Menschen für ihr Sein halten, überlagern. Der Begriff "Mobiltelefon" ist eigentlich irreführend. Das Ding ist mehr, viel mehr.

Ein Beispiel aus der Welt des Seins, bei dem man allerdings auch den Eindruck gewinnen kann, manche Telefone seien vielleicht klüger als ihre Benutzer: Immer mehr Menschen führen den Nachweis der eigenen Existenz dadurch, dass sie das, was sie durch ihr Mobiltelefon "sehen", ins Netz stellen, um anderen zu zeigen, was sie gesehen haben. Ich speichere, also bin ich. Wir sharen, also sind wir.

Dies bringt nicht nur mit sich, dass unablässig Speisen, Straßenschilder, Menschen, Sehenswürdigkeiten zuerst über die Kamera optisch im Telefon festgehalten und sogleich ins Netz gestellt werden. Wer heute die Piazza dei Miracoli in Pisa besucht, der muss den Eindruck bekommen, dass die Mehrheit der Anwesenden nur dort ist, um am langen Arm oder an einem Selfiestock das Telefon dem Schiefen Turm entgegenzurecken. Der Zweck einer Reise ist nicht mehr das Sehen, geschweige denn das Staunen, sondern das Speichern und Gespeichertwerden. Das hört sich einigermaßen witzig an, ist aber sehr ernst gemeint.

Es ist auch deswegen ernst, weil die Auswüchse des Sehens mit dem Telefon sogar lebensbedrohend sein können. Man denke nur an die unheimliche Aufrüstung, die das erweiterte Gaffertum durch die stetige Verfügbarkeit von Kamera und Verbreitungstechnik erfahren hat. Bei einem Unfall, bei einem Brand oder gar bei einem Terrorakt werden die Telefone gereckt, weil diese Form der Dokumentation des Da-Seins offenbar mittlerweile bei etlichen als ein auch gegen die Polizei durchzusetzendes Menschenrecht gilt.

Smartphone und Internet haben das Alltagsleben in den vergangenen zehn Jahren so sehr verändert, wie das der Buchdruck in den vergangenen 500 Jahren geschafft hat. Das Smartphone macht vieles bequemer, es verringert bei vielen Tätigkeiten bis hin zur Arbeit die Notwendigkeit, an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit zu sein. Jeder, der so ein Ding nutzt, kann sich selbst prüfen, wie viel seines privaten und beruflichen Umgangs mit anderen Menschen bereits heute über sein "Telefon" stattfindet. Und er kann auch noch darüber nachdenken, wie sich all dies in der fern erscheinenden Zeit der sehr eingeschränkten Erreichbarkeit abgespielt hat. Es war damals nicht unbedingt besser. Aber es war sehr anders.

Doch, es ist eine neue Epoche. Und wenn man ein Datum dafür sucht, war es der 9. Januar 2007.

© SZ vom 08.10.2016

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