Kolumne Böses

Carolin Emcke, 51, ist Autorin und Publizistin. 2016 erhielt sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

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Ein Mensch, den man einmal für sympathisch hielt, wird des sexuellen Missbrauchs beschuldigt - das verstört. Tätern ist ihre Tat in den seltensten Fällen ins Gesicht geschrieben.

Von Carolin Emcke

Am Anfang ist das Staunen. Man ist "entsetzt", so heißt es dann, "fassungslos" und vor allem "schockiert". In der ersten Reaktion auf die Nachricht von bösen Taten artikuliert sich oft die Überraschung, dass so etwas, ein Vergehen, das den moralischen Erwartungen widerspricht, überhaupt möglich ist. Misshandlungen und Erfahrungen der Gewalt brechen ein in ein bis dahin beschütztes Leben. Sie verletzen und versehren nicht nur jene, die ihnen unterworfen werden, sie verstören auch die, die davon hören oder lesen. Das menschlich Böse soll, so die implizite Hoffnung, die Ausnahme bleiben. Es will uns nicht einleuchten, es will sich nicht begreifen lassen, wie ein Mensch einem anderen nur so etwas antun kann. Dieses ungläubige Staunen ist auch ein Selbstschutz derer, die nicht betroffen sind. Es lässt sich nicht leben im permanenten Misstrauen den Mitmenschen gegenüber. Es lässt sich nicht leben mit der Erwartung, der oder die andere würde einen jederzeit misshandeln oder angreifen können. Insofern stellen Vergehen oder Verbrechen nicht allein ein moralisches, sondern schon auch ein kognitives Problem dar: Sie wollen nicht verstanden werden, weil sie sich nicht einreihen lassen in die eingeübte Erwartung an die Welt und an andere Menschen. Sie müssen Unverständnis erzeugen.

In einer Welt, in der jede Tat als selbstverständlich hingenommen wird, möchte niemand leben

Und so erklären sich auch intuitiv die ersten Äußerungen, mit denen auf die unterschiedlichsten Fälle reagiert wird, bei denen Staatsanwälte wegen des Verdachts auf sexuellen Missbrauch oder auf Gewalt Ermittlungen gegen eine Person des öffentlichen Lebens aufgenommen oder abgeschlossen haben. In der öffentlichen Fassungslosigkeit artikuliert sich nicht nur die moralische Empörung über eine inakzeptable Tat, sondern eben auch die wechselseitige Versicherung, dass sie etwas Außerordentliches darstellt, etwas, das auf keinen Fall als Normalität angesehen werden darf. Das hat als Zeichen gesellschaftlichen Entsetzens auch etwas Beruhigendes. Eine Welt, in der jede Misshandlung und jeder Akt der Gewalt als selbstverständlich und natürlich hingenommen würde, wäre keine, in der man leben wollte.

Etwas ganz anderes ist es allerdings, wenn eine böse Tat nicht einfach nur moralisch irritiert oder verstört, sondern wenn sie für undenkbar oder unmöglich erklärt wird, weil die Person, der diese Tat zugeschrieben wird, einem nicht wie ein klassischer Täter vorkommt. Wenn die Tat angeblich deswegen nicht geschehen sein kann, weil die Person, die unter Verdacht steht, doch bislang eine harmlose Nachbarin gewesen ist oder ein unbescholtener Bürger oder ein engagierter Aktivist oder ein guter Freund, dessen besondere künstlerische oder pädagogische oder politische Lebensleistung doch für sich selbst spricht. Kurz, weil das Bild der bislang bekannten und vertrauten Person sich nicht deckt mit dem Bild einer Person, die zu bösen Taten fähig sein soll. Die Vorstellung, dass jemand Sympathisches oder Hochbegabtes kein Verbrechen begehen könnte, ist verständlich, aber nichtsdestotrotz historisch wie analytisch irgendwo auf einer Skala zwischen naiv und absurd anzusiedeln.

Das radikal Böse in der Denktradition Immanuel Kants, daran hat die Philosophin Bettina Stangneth in ihrem grandiosen neuen Buch "Böses denken" gerade wieder erinnert, ist nicht etwa deswegen radikal, weil es besonders abscheulich oder rücksichtslos wäre. "Radikal bezeichnet das, was den Menschen überhaupt auszeichnet." Insofern sind mit dem radikal Bösen all jene Schlechtigkeiten und all jene unmoralischen Taten gemeint, zu denen die Spezies Mensch grundsätzlich fähig ist. Es gibt keine Hinweise darauf, dass nur Menschen, denen das Böse ins Gesicht geschrieben steht, zu Verbrechen neigen oder dass Menschen, die Schubert-Sonaten spielen oder Sicherheitstechnik für Computerprogramme entwickeln können, nie jemanden malträtieren könnten. Bislang gibt es leider keinerlei Indizien dafür, dass irgendeine Begabung - die zur bildenden Kunst, zur Mathematik oder auch zur Freundschaft - verhindern könnte, dass ein Mensch einen anderen in einer bestimmten Situation demütigt, missbraucht oder quält. Intelligenz oder Nettigkeit im Allgemeinen schließen die Fähigkeit zu sexueller Gewalt oder Nötigung nicht aus.

Das Umgekehrte gilt allerdings auch: Noch das dummbatzigste, selbstgefälligste Ekelpaket kann unschuldig sein. Nur weil eine Person allerlei widerwärtige Eigenschaften und liederliche Gewohnheiten aufweist, neigt sie noch lange nicht zu krimineller Energie oder zu Gewalt. Auch müssen die Opfer von Verbrechen keineswegs sympathisch oder gänzlich unbescholten sein. Auch Menschen mit einer eher erfolglosen oder turbulenten Lebensgeschichte, auch Menschen, die schon einmal straffällig geworden sind, können Opfer von Gewalt werden. Nur weil jemand drogensüchtig ist oder auf der Straße lebt oder auch nur querulantisch und mühsam daherkommt, heißt das nicht, dass ihm oder ihr nicht Unrecht widerfahren sein könnte.

Es mag unpraktisch und verwirrend sein, aber die Bilder von Menschen und die von ihren Vergehen sind nicht unbedingt deckungsgleich. Eine dämonische Tat und die dazugehörigen Täter müssen sich nicht ähneln. "Ich begreife nichts," ruft Iwan in Dostojewskis "Brüder Karamasow", "und ich will auch nichts begreifen. Ich will bei den Tatsachen bleiben. Ich habe schon längst beschlossen, nicht begreifen zu wollen. Sobald ich etwas begreifen will, entstelle ich ja sofort die Tatsachen." Das sollten alle bedenken, die vorschnell urteilen wollen über einen Fall oder die darin verwickelten Menschen. Für die Ermittlung von Tatsachen sind erfahrene, nüchterne Kriminalbeamte und Staatsanwälte zuständig, die nicht an Bildern von sympathischen oder unsympathischen, genialen oder trotteligen Personen hängen, sondern die Indizien sammeln, damit ein Gericht später Hinweise darauf hat, welche Version eines mutmaßlichen Tathergangs die glaubwürdigste - und was tatsächlich geschehen ist.