Wahlen in Kolumbien:Ex-Guerillero auf dem Weg ins Präsidentenamt

Lesezeit: 4 min

Anhängerinnen und Anhänger von Gustavo Petro und Fráncia Márquez bei einer Wahlkampfveranstaltung in Bogota.

Anhängerinnen und Anhänger von Gustavo Petro und Francia Márquez in Bogotà

(Foto: Juan Pablo Pino/AFP)

In Kolumbien könnte mit Gustavo Petro erstmals ein linker Kandidat die Wahlen gewinnen: Es wäre eine Zeitenwende für das Land.

Von Christoph Gurk , Buenos Aires

Gustavo Petro war noch ein Teenager, als er sich einen neuen Namen suchen musste. Damals, in den späten 70ern, hatte Petros Heimat Kolumbien schon mehrere Jahrzehnte Gewalt hinter sich: Konservative gegen Linke, Großgrundbesitzer gegen Kleinbauern, Armee gegen Guerillaorganisationen. Eine von ihnen war das Movimiento 19 de Abril, kurz M-19. Ideologisch vergleichsweise gemäßigt, hatte ihre Führung dafür umso mehr Sinn für publikumswirksame Aktionen. Das M-19 überfiel Lieferwägen und verteilte die Beute an Bedürftige. Einmal klauten die Guerilleros aus einem Museum auch den Säbel von Simón Bolívar, Südamerikas größten Unabhängigkeitshelden.

All das machte Eindruck auf junge Studenten und auch auf Gustavo Petro, Sohn eines Lehrers, begabter Schüler und noch begeisterterer Leser. Als Petro sich der Guerilla anschloss, war er gerade einmal 17 Jahre alt. "Ich konnte beim M-19 nicht meinen richtigen Namen benutzen", schrieb er später in seiner Biografie. "Ich musste mir also einen neuen suchen".

So kam er auf Aureliano, wie die Hauptfigur aus "100 Jahre Einsamkeit", dem Roman von Literaturnobelpreisträger Gabriel García Márquez, der die Geschichte des Dorfes Macondo erzählt, aber eben auch die von Aureliano Buendía, dem Oberst, der so überzeugt in den Krieg zieht, aber dennoch alle seine Schlachten verliert - und so zum Schluss der Gewalt abschwört.

Rückblickend betrachtet wirkt das wie ein Omen: Nach Jahren in der Guerilla und einer Haftstrafe, setzte sich Petro für einen Friedensvertrag zwischen M-19 und der Regierung ein. Er ging in die Politik, wurde Abgeordneter und Bürgermeister von Bogotá. Nun könnte der 62-Jährige sogar an die Spitze des südamerikanischen Landes aufsteigen: Am 29. Mai sind Präsidentschaftswahlen in Kolumbien und Petro, der Ex-Guerillero, gilt als aussichtsreichster Kandidat.

Die Gewalt eskaliert, der Drogenhandel boomt, die Wirtschaft schwächelt

Die Abstimmung gilt schon jetzt als Scheideweg. Eine Wahl, die Einfluss auf den Kurs Kolumbiens auf Jahrzehnte hinaus haben könnte - und die gleichzeitig zu einem Zeitpunkt stattfindet, an dem die Lage nicht angespannter sein könnte.

2016 unterzeichnete die Regierung einen Friedensvertrag mit der größten Guerillaorganisation Farc. Damals war die Hoffnung groß, dass nun Ruhe einkehren würde im Land. Doch auf beiden Seiten wurden Versprechen gebrochen, längst eskaliert die Gewalt wieder, gleichzeitig boomt der Drogenhandel, während die Wirtschaft schwächelt.

Schon vor der Corona-Pandemie war Kolumbien eines der Länder weltweit, in denen der Reichtum am ungerechtesten verteilt war. Heute leben 40 Prozent der Menschen im Land unterhalb der Armutsgrenze. Letztes Jahr gab es heftige Massenproteste mit Straßenblockaden, Molotowcocktails flogen, die Polizei reagierte mit brutaler Gewalt. Nur mühsam bekam der konservative Präsident Iván Duque die Lage wieder unter Kontrolle.

In der Bevölkerung aber ist er heute so unbeliebt, wie kaum ein Präsident je zuvor. Bei den Wahlen Ende Mai tritt er gar nicht erst wieder an, und seine Partei unterstützt heute die Kandidatur von Federico "Fico" Gutiérrez, dem ehemaligen Bürgermeister von Medellín, der grundsätzlich für eine Weiterführung des politischen Status Quo in Kolumbien steht.

Über Jahrzehnte hinweg wurde das Land von mehr oder minder konservativen Politikern regiert. Linke Kandidaten kamen schnell in den Ruf, mit der Guerilla in Verbindung zu stehen und hatten darum an den Urnen kaum Chancen. Als Gustavo Petro 2010 das erste Mal bei Präsidentschaftswahlen antrat, landete er so noch abgeschlagen auf einem vierten Platz: Nicht einmal ein Zehntel der Stimmberechtigten hatte damals bei ihm ihr Kreuz gemacht. 2018 aber, bei seinem nächsten Versuch, war der Friedensvertrag zwischen Regierung und der Farc-Guerilla schon unterschrieben. Das Vertrauen der Wähler auch in linke Kandidaten wuchs - und so zog Petro diesmal immerhin in die Stichwahl ein.

Glaubt man den jüngsten Umfragen, sieht es nun so aus, als ob Petro tatsächlich die Abstimmung gewinnen könnte. Es wäre eine Zeitenwende: Petro wäre der erste dezidiert linke Präsident in der Geschichte seines Landes. Kritiker aus konservativen und rechten Kreisen warnen davor, dass Kolumbien sich unter ihm in ein zweites Venezuela verwandeln könnte. "Du bist Chávez und Maduro!", warf der konservative Mitbewerber Fico Gutiérrez bei einer Wahlkampfdebatte Petro vor.

Petro kann auf die meisten Stimmen der Erstwähler hoffen

Hinter der Warnung steckte natürlich ein Hintergedanke: Konservativen Politikern in Südamerika dient das sozialistische Regime in Venezuela immer dann als Schreckgespenst, wenn Wahlen anstehen und linke Kandidaten Aussichten auf Erfolg haben. So war dies in Chile, wo letztes Jahr der ehemalige Studentenführer Gabriel Boric ins Präsidentenamt gewählt wurde, und so ist dies nun auch wieder in Kolumbien.

Die Realität sieht in beiden Fällen jedoch recht anders aus: So wie Boric in Chile ist auch Petro in Kolumbien alles andere als ein radikaler Revolutionär. In Deutschland würde man ihn vielleicht dem linken Flügel der SPD oder der Grünen zurechnen: Er will Steuererhöhungen für die reichsten der Reichen im Land und Sozialprogramme für Bedürftige. Kolumbien soll sich unabhängig machen von der Extraktions- und Exportwirtschaft, von Kohle, von Gas und auch von Erdöl. Dafür will Petro den Umweltschutz vorantreiben und den Tourismus. So sollen Jobs entstehen, die Armut sinken und am Ende auch die Gewalt ein Ende finden.

Seit den Präsidentschaftswahlen 2018 haben rund vier Millionen junge Kolumbianer erstmals die Wahlberechtigung erhalten -und die meisten von ihnen werden ihre Stimme nun wohl Petro geben. Er hat dazu auch noch Francia Márquez in sein Team geholt, eine Umwelt- und Bürgerrechtlerin, die bei einem Sieg an den Urnen zur ersten schwarzen Vizepräsidentin werden könnte, die es in der Geschichte des Landes je gegeben hat.

Die Aufgabe, die auf die beiden wartet, wäre keine einfache: Schwer bewaffnete kriminelle Banden haben ganze Landesteile unter ihrer Kontrolle. Die Armut muss ernsthaft bekämpft, die Wirtschaft und alte Eliten mit ins Boot geholt werden. Zuallererst aber müssen Petro und Márquez überhaupt die Wahlen gewinnen. Sollte ihnen das nicht in der ersten Runde am 29. Mai gelingen, kommt es zu einer Stichwahl, die für den 19. Juni angesetzt ist.

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