Kolumbien:Das Lächeln des Kartell-Chefs

Dairo Antonio "Otoniel" Úsuga nach seiner Festnahme in Bogotá.

Dairo Antonio "Otoniel" Úsuga nach seiner Festnahme in Bogotá.

(Foto: Prensa Policia Nacional/AFP)

Kolumbien rätselt über die Hintergründe und den Nutzen der Festnahme von Drogenboss "Otoniel"

Von Christoph Gurk, Buenos Aires

Wenige Tage nach der Festnahme des Drogenbosses Dairo Antonio "Otoniel" Úsuga klingt in Kolumbien die Freude langsam ab - und gleichzeitig mehren sich die Zweifel am Nutzen der Ergreifung, ebenso wie an deren Umständen. Als vermutlicher Chef des sogenannten "Clan del Golfo" war Otoniel wohl mitverantwortlich dafür, dass in den letzten Jahren Tonnen von Kokain aus Kolumbien in die USA geschmuggelt wurden. Dazu soll der Kolumbianer auch Morde in Auftrag gegeben haben, an Entführungen beteiligt gewesen sein, ebenso wie am Missbrauch von Minderjährigen.

Seit Jahren fahndeten die kolumbianischen Behörden nach dem Drogenboss. Doch trotz großen Aufwands gelang es nicht, Otoniel zu schnappen. Während andere Kartell-Chefs in Luxus und Villen lebten, versteckte sich Otoniel im Dschungel, er ernährte sich angeblich unter anderem von dort erlegten Tieren und hatte Bodyguards, die mehrere Sicherheitsringe um ihn gezogen hatten. Nur mit großen Aufwand war es nun möglich, Otoniel zu fassen: 500 Soldaten waren an der Aktion beteiligt, 22 Hubschrauber, 150 Polizisten.

Die Festnahme sei der größte Erfolg seit der Ergreifung von Pablo Escobar in den 1990er-Jahren, sagte Präsident Iván Duque. Fotos des Verhafteten wurden stolz verbreitet. Diese allerdings zeigen keinen geschockten oder wütenden Mann, im Gegenteil: Otoniel lächelt in die Kamera. Dies hat nun zu Spekulationen geführt, ob der Chef des Clan del Golfo wirklich in seinem Dschungelversteck aufgespürt wurde - oder ob er sich nicht doch den Behörden ergeben hat.

Tatsächlich hatte Otoniel schon vor Jahren Angebote gemacht, seine Organisation aufzulösen. Damals hatte gerade der Friedensprozess mit linken Guerilla-Organisationen begonnen. Otoniel wollte wohl diesen Wandel nutzen, vielleicht auch, weil er persönlich von Jahrzehnten des Kampfes und der Flucht zermürbt war: Bereits als Jugendlicher hatte er sich einer linken Guerilla angeschlossen, war dann zu rechten Paramilitärs gewechselt; schließlich war er in den Drogenhandel eingestiegen. Otoniel ist nun 50 Jahre alt, er soll ein Rückenleiden haben und selbst in Dschungelverstecken auf orthopädischen Matratzen geschlafen haben. Dazu war seine Macht in den letzten Jahren geschwunden. Vielleicht also, so die Mutmaßungen, könnte sich der Drogenboss gestellt haben.

Angst vor einem blutigen Machtkampf um die Nachfolge

Dagegen spricht, dass die Regierung bereits angekündigt hat, Otoniel an die USA auszuliefern - ein Schicksal, wie es schon anderen Bossen zuteil geworden ist, allen voran Joaquin "El Chapo" Guzmán: Der Mexikaner wird wohl bis an sein Lebensende wegen Drogenschmuggels in einem Hochsicherheitstrakt in den Vereinigten Staaten sitzen. Otoniel wird wohl alles versuchen, um das zu verhindern - und vielleicht könnte ihn das dazu bewegen, mit den kolumbianischen Behörden zusammenzuarbeiten und Aussagen zu machen, über die Struktur seiner Organisation, ebenso wie über Verbrechen, die er begangen hat.

Für die Opfer in seiner Heimat und ihre Angehörigen wäre dies die Chance auf juristische Aufarbeitung. Wie weit allerdings selbst eine Mitarbeit Otoniels dazu beitragen würde, den Drogenhandel zu bekämpfen, ist zweifelhaft. Die Nachfrage nach Kokain weltweit ist ungebrochen, die Schmuggelrouten und Netzwerke des Clan del Golfo dürften auch nach der Festnahme ihres Chefs weiter intakt sein. Bei Experten gibt es darum kaum Zweifel, dass das Geschäft unvermindert weitergehen wird. Gleichzeitig besteht aber die Angst, dass nun ein blutiger Machtkampf ausbricht um seine Nachfolge.

Den größten Nutzen von der Verhaftung dürfte am Ende darum Kolumbiens Präsident haben: Iván Duque ist ein rechter Hardliner, der trotz aller Bemühungen daran gescheitert ist, die Kokain-Produktion einzudämmen. Gleichzeitig sinken seine Umfragewerte. Auch darum feierte Duque überbordend die Festnahme Otoniels: "Das ist der schwerste Schlage gegen den organisierten Drogenhandel, den es in diesem Land in diesem Jahrhundert gegeben hat", sagte der Präsident, nur um kurz darauf hinzuzufügen, dass der nächste Drogenboss bereits auf der Fahndungsliste stehe: Jesús Ávila Villadiego, alias Chiquito Malo, ein enger Mitarbeiter Otoniels und nun wohl dessen Nachfolger. "Die Botschaft ist klar: Entweder ihr ergebt euch - oder wir holen euch", sagte Duque.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusWahlkampf in Kolumbien
:Drogenkrieg mit Pflanzengift

Um die Kokainkartelle zu schwächen, will Kolumbiens Präsident Duque das Pflanzengift Glyphosat aus der Luft über die Plantagen versprühen. Dabei ist dieser Plan schon einmal gescheitert.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB