Präsidentschaftswahl in Kolumbien Unzufrieden mit dem Frieden

Ob Präsident Juan Manuel Santos einen Platz in den Geschichtsbüchern verdient, darüber gehen in Kolumbien die Meinungen auseinander. Die einen halten ihn für einen Versöhner, die anderen für einen eitlen Narren.

(Foto: John Vizcaino/AFP)
  • Die Kolumbianer entscheiden an diesem Sonntag in einer Stichwahl über ihren nächsten Präsidenten. Vieles deutet darauf hin, dass der rechte Populist Duques den Sieg davonträgt.
  • Der scheidende Präsident Santos hinterlässt eine gespaltene Gesellschaft. Er hat den Konflikt mit der Farc-Guerilla beendet. Doch während ihn die einen dafür loben, denken die anderen, dass er dafür einen zu hohen Preis gezahlt habe.
  • Santos' Friedensprojekt ist auch deshalb so umstritten, weil sich an den Ursachen des Konflikts mit der Farc wenig geändert hat.
Von Boris Herrmann, Rio de Janeiro

Was hinterlässt der Friedensnobelpreisträger Juan Manuel Santos, wenn er demnächst als Präsident Kolumbiens abtritt? Kommt darauf an, wen man fragt. Er selbst würde sagen: "Ein Land ohne bewaffneten Konflikt mit der Farc." Der Friedensprozess mit der einstmals größten Guerilla-Gruppe Lateinamerikas sei "unumkehrbar". Das sehen aber längst nicht alle Kolumbianer so. Andrés Pastrana etwa, Staatschef von 1998 bis 2002, bezichtigt Santos, "ein Erbe von Koka und Gewalt" zu hinterlassen.

Was in jedem Fall von Santos, 66, bleibt, ist eine gespaltene Gesellschaft. Für die einen ist er der Mann, der einen 50 Jahre alten Bürgerkrieg mit über 200 000 Todesopfern beendete und der damit einen prominenten Platz in den Geschichtsbüchern verdient. Für die anderen ist er ein eitler Narr, der den Kriegern von der Farc so viele Zugeständnisse machte, dass der Vertrag am Ende das Papier nicht wert ist, auf dem er unterzeichnet wurde.

Die einen sagen, Santos habe das Land versöhnt. Die anderen schimpfen, er habe die Gerechtigkeit geopfert. Die einen bezeichnen es als historische Errungenschaft, dass die Farc künftig nur noch mit Worten kämpfen will. Die anderen sagen, diese "Narco-Terroristen" (Pastrana) gehören nicht in die Politik, sondern ins Gefängnis.

Politik Kolumbien Stichwahl entscheidet über Nachfolge von Präsident Santos
Kolumbien

Stichwahl entscheidet über Nachfolge von Präsident Santos

Der konservative Kandidat Duque verfehlt bei der Wahl in Kolumbien die absolute Mehrheit - und muss im Juni gegen den linken Kandidaten Petro in die Stichwahl. Es geht auch um die Zukunft des Friedenspakts mit der Farc.

Wer es gut mit Santos meint, der erinnert dieser Tage an Simón Bolívar, den allseits verehrten Befreier Südamerikas von den spanischen Kolonialherren. Auch Bolívar war zu Lebzeiten höchst umstritten. Als Präsident von Großkolumbien richtete er sich im Jahr 1830 mit einem letzten Appell an sein Volk: "Wenn mein Tod dazu beiträgt, die Spaltung zu überwinden und die Union zu konsolidieren, dann steige ich ruhigen Gewissens ins Grab hinab."

Bei Santos geht es nicht um Leben und Tod, aber immerhin um die Einordnung seines Lebenswerks. Gewisse Parallelen zum bolivarischen Abschiedsgruß schimmern schon durch, wenn er nun sagt: "Die Veränderung Kolumbiens ist eine Errungenschaft aller Kolumbianer. Vergesst mich! Vergesst - falls einige sich damit besser fühlen -, dass dies unter meiner Regentschaft geschah."

Übrig geblieben sind die Populisten

Vor der Stichwahl um seine Nachfolge fällt es aber schwer, das alles einfach so zu vergessen. Denn das Szenario für die Abstimmung an diesem Sonntag scheint eine unmittelbare Folgeerscheinung aus acht Jahren Santos-Politik zu sein. Ausgeschieden im ersten Wahlgang sind alle Kandidaten, die mehr oder weniger für eine Kontinuität der scheidenden Regierung standen: Humberto De la Calle etwa, Santos' Mann in Havanna als Chef-Unterhändler des Friedensvertrages oder Germán Vargas Lleras, der ehemalige Vizepräsident.

Übrig geblieben sind die beiden Populisten. Zur Rechten Iván Duque, 41, der von den Santos-Vorgängern und Santos-Gegnern Pastrana und Álvaro Uribe unterstützt wird. Und zur Linken Gustavo Petro, 58, ehemaliges Mitglied der Guerilla M-19, der einen Wahlkampf gegen jenes Establishment führte, zu dem auch Juan Manuel Santos gehört - er stammt aus einer Politiker- und Verlegerdynastie. Die beiden Kandidaten repräsentieren den Riss in der Gesellschaft, wobei das Lager der Friedensgegner offenbar mehrheitsfähig ist.