bedeckt München 26°

Kolonialismus:Deutschland erkennt Verbrechen an Herero und Nama als Völkermord an

Nach jahrelangen Verhandlungen will sich die Bundesrepublik mit dem heutigen Namibia aussöhnen. Es geht um ein Schuldeingeständnis, eine Bitte um Vergebung - und um einen Milliardenbetrag.

Von Daniel Brössler, Berlin

Mehr als 110 Jahre nach dem Völkermord an den Herero und Nama im heutigen Namibia bekennt sich Deutschland zu seiner historischen Schuld und bittet um Vergebung. "Ich bin froh und dankbar, dass es gelungen ist, mit Namibia eine Einigung über einen gemeinsamen Umgang mit dem dunkelsten Kapitel unserer gemeinsamen Geschichte zu erzielen", erklärte Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) zum erfolgreichen Abschluss sechs Jahre dauernder Verhandlungen. In einer gemeinsamen Erklärung erkennt Deutschland die Geschehnisse in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika zwischen 1904 und 1908 als Völkermord an und sagt als "Geste der Anerkennung" Zahlungen in Höhe von 1,1 Milliarden Euro über einen Zeitraum von 30 Jahren zu.

"Unser Ziel war und ist, einen gemeinsamen Weg zu echter Versöhnung im Angedenken der Opfer zu finden", betonte Maas. Dazu gehöre, die Ereignisse der deutschen Kolonialzeit im heutigen Namibia und insbesondere die Gräueltaten in der Zeit von 1904 bis 1908 "ohne Schonung und Beschönigung" zu benennen. "Wir werden diese Ereignisse jetzt auch offiziell als das bezeichnen, was sie aus heutiger Perspektive waren: ein Völkermord", erklärte Maas. "Im Lichte der historischen und moralischen Verantwortung Deutschlands werden wir Namibia und die Nachkommen der Opfer um Vergebung bitten", kündigte er an.

Über den Wortlaut der Deklaration war seit September 2015 in neun Verhandlungsrunden unter Leitung des CDU-Politikers Ruprecht Polenz und des namibischen Chefunterhändlers Zedekia Ngavirue gerungen worden. Sie soll den Willen beider Seiten zur Versöhnung unterstreichen und einen gemeinsamen Blick auf die Vergangenheit ermöglichen. Strittig gewesen war vor allem die Entschädigungsfrage. Die beiden Delegationen hatten bereits am 15. Mai eine Einigung erzielt, die allerdings noch von den Regierungen gebilligt werden musste. Das Bundeskabinett war am Mittwoch von Maas unterrichtet worden.

Die Erklärung muss nun noch von beiden Parlamenten ratifiziert werden, was im Bundestag noch vor der Bundestagswahl geschehen soll. Zur Unterzeichnung der Erklärung will Maas demnächst nach Windhoek reisen. Geplant ist auch, dass Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei einem Festakt im namibischen Parlament offiziell um Entschuldigung bittet.

Die Bundesregierung legt Wert darauf, dass sich aus der Anerkennung des Völkermordes keine rechtlichen Ansprüche ableiten lassen. Deutschland will aber durch einen mit 1,05 Milliarden Euro ausgestatteten Fonds für Wiederaufbau und Entwicklung zusätzlich zur Entwicklungshilfe Projekte in Bereichen wie Landreform, Landwirtschaft, Wasserversorgung und Berufsbildung finanzieren und damit insbesondere Herero und Nama fördern.

50 Millionen Euro sollen außerdem in eine Versöhnungsstiftung fließen. "Einen Schlussstrich unter der Vergangenheit kann es nicht geben. Die Anerkennung der Schuld und unsere Bitte um Entschuldigung ist aber ein wichtiger Schritt, um die Verbrechen aufzuarbeiten und gemeinsam die Zukunft zu gestalten", sagte Maas.

Das Deutsche Reich war von 1884 bis 1915 Kolonialmacht im heutigen Namibia und ging dabei zum Teil vielfach brutal gegen die einheimische Bevölkerung vor. Historikern zufolge kamen bei der Niederschlagung von Aufständen durch die deutsche Schutztruppe zwischen 1904 und 1908 etwa 65 000 von 80 000 Herero und mindestens 10 000 von 20 000 Nama ums Leben.

© SZ
Zur SZ-Startseite
Kamelreiter der Schutztruppe während des Herero-Aufstandes, 1904

SZ PlusKolonialgeschichte
:Gewalt, Enteignung, blutig niedergeschlagene Aufstände

Deutschland hat eine dunkle Vergangenheit als Kolonialmacht. Manche Länder prägt diese Zeit noch heute. Ein Überblick.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB