Kolonialismus Wie Afrika von Europa nur als Objekt behandelt wurde

Bis heute ist die Berliner Konferenz für viele Afrikaner ein mächtiges Symbol dafür, wie Afrika von Europa nur als Objekt behandelt wurde. Demgegenüber müssen wir Sensibilität und Haltung entwickeln. Dabei geht es mitnichten um Selbstgeißelung, schon gar nicht um Schuldzuweisung für die aktuellen Probleme des Kontinents. Es geht um die Ahnung, dass viele koloniale Einstellungen noch heute weiterleben, mal schamlos offen, mal unbewusst schlummernd. Und es geht darum, es afrikanischen Despoten und Kleptokraten nicht allzu leicht zu machen: Nur zu gerne verbergen sie ihre eigene politisch-moralische Verkommenheit, indem sie auf unsere Sorglosigkeit im Umgang mit der Vergangenheit verweisen.

Der Zynismus, mit dem auf der Berliner Konferenz die in der Schlussakte genannte "Hebung der sittlichen und materiellen Wohlfahrt der eingeborenen Völkerschaften" als Begründung für imperialistische Gier herhalten musste, mahnt uns noch heute. Gute Absichten, ob vorgetäuscht oder ehrlich gemeint, reichen als entwicklungspolitisches Qualitätssiegel nicht aus. Man sollte die selbstgerechten Sprach- und Denkmuster, mit der damals die knallharten Eigeninteressen humanistisch übertüncht wurden, genau studieren, um bei den heutigen Beziehungen zu Afrika nicht in die Falle des Paternalismus zu tappen. Es ist bezeichnend, dass die Initiative "Partnerschaft mit Afrika" aus meiner Zeit als Bundespräsident in der Berichterstattung teilweise immer noch mit "Partnerschaft für Afrika" betitelt wird.

Afrika darf nicht weiter ignoriert werden

In unserem Land, in dem der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel einst Afrika jegliche Geschichte und Relevanz absprach, darf dieser Kontinent nicht weiter ignoriert werden. Gerade hier in Deutschland gibt es eine besondere Verantwortung, die gemeinsame, schmerzhafte Vergangenheit lebendig zu halten. Der Mangel an historischem Afrika-Bewusstsein in Deutschland ist überdies zukunftsvergessen und politisch unklug.

Wohl kein Kontinent wird nämlich für eine gute Zukunft des Planeten im 21. Jahrhundert so entscheidend sein wie Afrika. Es wäre ein schwerer strategischer Fehler, dies zu unterschätzen. Schon heute lebt dort die größte Jugendbevölkerung in der Geschichte der Menschheit, das Median-Alter liegt bei achtzehn Jahren. Bis zum Jahr 2050 wird sich die Bevölkerung Afrikas auf mehr als zwei Milliarden Menschen verdoppeln. Wer kann glauben, dass diese Entwicklungen ohne Folgen für Europa sein werden? Die aktuellen Herausforderungen - Ebola, Terrorismus, Flüchtlingskrisen - zeigen sehr deutlich, wie unmittelbar die Risiken afrikanischer Instabilitäten uns in Europa betreffen. Deshalb brauchen wir jetzt einen strategischen und langfristigen Blick, der diese Risiken, aber vor allem auch die gigantischen Chancen sieht, die dieser Kontinent für die gesamte Welt hat.

Ghana Keine Lust mehr auf Europa
Mittelschicht in Ghana

Keine Lust mehr auf Europa

Zu Besuch in einem afrikanischen Boomstaat: Die Mittelschicht in Ghana zeigt, was möglich ist, wenn Krieg und Krisen ausbleiben. Viele der jungen Menschen haben in Deutschland oder England studiert - und sind froh, wieder zurück in ihrer Heimat zu sein.   Von Isabel Pfaff

Nach einer Vergangenheit europäischer Habgier braucht Afrika jetzt eine Zukunft europäischer Neugier. Die heute endende Ausstellung "Wir sind alle Berliner" des Berliner Kunstlabors Savvy Contemporary, die den Spuren der Konferenz von 1884/85 in der modernen Kunst nachging, ist ein wundervolles Beispiel, wie dies unverkrampft gelingen kann. Und dass Außenminister Steinmeier in der letzten Woche bewusst eine Reise nach Afrika nutzte, um das im Berliner Stadtschloss entstehende Humboldt-Forum als "Treffpunkt der Bürger der Welt" erstmals prominent im Ausland vorzustellen, ist ermutigend. Welcher Ort könnte sich besser eignen, Impulsgeber für ein neues europäisch-afrikanisches Verhältnis zu werden, als das weltoffene Berlin von heute, 130 Jahre nach Unterzeichnung der Kongoakte?

Horst Köhler war von 2004 bis 2010 Bundespräsident. 2012 berief ihn der Generalsekretär der Vereinten Nationen in ein Beratergremium zur globalen Entwicklung.