Klimaschutz:Eine Frage der Kohle

Lesezeit: 2 min

Nie war es so teuer, mit Kraftwerken das Klima zu schädigen.

Von Michael Bauchmüller, Berlin

Ein Mal noch wurden große Energien frei beim Kohlekraftwerk Lünen, das war am vorigen Wochenende. Sprengmeister zerlegten seine letzten Gebäude. Wo einst der Essener Steag-Konzern Strom für Industrie und Bahn erzeugte, liegen nur noch Trümmer. Drei andere Blöcke des Unternehmens stehen vor der Stilllegung. Man sei "in der glücklichen Lage", dass das Thema Kohle für das Unternehmen weitgehend abgehakt sei, sagt ein Steag-Sprecher. Mittelfristig habe die Kohle einfach nicht mehr genug gebracht.

Das wiederum hat eine Menge mit jenen Zahlen zu tun, die am Montag von der Deutschen Emissionshandelsstelle kommen, es sind Rekordzahlen. Die Behörde managt hierzulande die Vergabe sogenannter Emissionszertifikate für den Klimaschutz. Betreiber von Kohlekraftwerken müssen solche Zertifikate ersteigern, für jede Tonne Kohlendioxid eins. Und allein im ersten Halbjahr 2021 spielte die Versteigerung dieser Zertifikate für den Bund 2,4 Milliarden Euro ein, so viel wie nie. Denn auch der Preis der Zertifikate ist hoch wie nie: Seit Anfang Mai liegt er beständig über 50 Euro. Das wirkt.

Seit 2005 gibt es diesen Emissionshandel in der EU. Er legt eine Höchstmenge an klimaschädlichem Ausstoß fest, der Europas Kraftwerken und Fabriken im Jahr zusteht. Diese Menge wird von Jahr zu Jahr etwas kleiner. Und weil die Industrie in Europa immer noch viel CO₂ erzeugt, buhlen die Unternehmen um die Zertifikate - was den Preis seit ein paar Jahren kontinuierlich steigen lässt. So manche Dreckschleuder wird dadurch unrentabel.

Gerade im Kohleland Deutschland ist das spürbar. Seit dem vorigen Jahr können sich Betreiber von Steinkohlekraftwerken bei Ausschreibungen um Prämien für deren Stilllegung bewerben. Drei solcher Ausschreibungen hat es schon gegeben, zwei waren überzeichnet. "Der steigende Zertifikate-Preis wird auch den Kohleausstieg beschleunigen", sagt Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD). "Ich gehe davon aus, dass schon in zehn Jahren keine Kohle mehr in Deutschland verstromt wird." Dann hätte der Markt das offizielle Ausstiegsdatum überholt: 2038.

Die Wirkung geht weit über die Stilllegung hinaus. Die teuren Zertifikate sorgen auch für höhere Preise an den Strombörsen. Das wiederum macht Investitionen in Alternativen zur Kohle rentabel, etwa in Wind- oder Solarparks. Für die Energiewende ist der Emissionshandel damit mittlerweile so wichtig wie einst die Förderung alternativer Energien. "Er ist inzwischen das Leitinstrument der Klimapolitik", sagt Kerstin Andreae, Chefin des Stromverbands BDEW. Wenn der Ökostrom-Ausbau dennoch stocke, dann nur wegen der vielen Hemmnisse. Die müssten schleunigst verschwinden.

Schon will auch die EU noch einen Emissionshandel einführen, diesmal für Verkehr und Wärme. Doch Experten warnen vor hohen Erwartungen. "Das wird bei Autos und Heizungen nicht so einfach funktionieren wie bei Kraftwerken", sagt Felix Matthes, der sich am Berliner Öko-Institut mit dem Thema befasst. "Da braucht es neben den Marktkräften noch anderes." Sehr hilfreich hingegen seien die Einnahmen, sagt Matthes. "Jedenfalls wenn man sie gezielt für mehr Klimaschutz einsetzt."

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