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Kohleausstieg:Am Rande des Kraters

RWE: Morschenich am Hambacher Forst kann bleiben

Riesige Bagger haben den Tagebau Hambach nahe an den inzwischen fast verlassenen Ort Morschenich herangegraben - und in den Forst (rechts oben), der früher Bürgewald hieß.

(Foto: Henning Kaiser/dpa)

Der Hambacher Forst muss nun doch nicht den Baggern des Tagebaus weichen. Doch viele Waldbesetzer trauen der Vereinbarung nicht - und in den Nachbarorten gibt es zwar neue Gewinner, aber auch Verlierer.

Hubert Kappert ist noch einmal zurückgekommen. Seine ehemaligen Nachbarn wollen dem alten Herrn mit der grauen Schirmmütze helfen, "nur schnell ein paar Kleinigkeiten abzuholen" aus seinem leeren, längst verlassenen Haus. Eine Lampe etwa, und ein paar Topfpflanzen. Das soll noch mit "nach drüben". Drüben, so nennt Kappert den schmucken, verklinkerten Neubau, den der pensionierte Dreher fünf Kilometer weiter südlich für sich und seine Schwester auf eine Wiese gestellt hat. Dort, wo gerade "Morschenich-Neu" aus dem Boden wächst. "Ich war ja gezwungen wegzuziehen", sagt Kappert und steckt trotzig beide Fäuste in die Taschen seiner beigen Cordhose: "Aber mein Zuhause bleibt hier."

Hier, das ist Morschenich-Alt. Hier kam Hubert Kappert vor 86 Jahren zur Welt, hier baute er vor 50 Jahren sein Eigenheim, Unterstraße Nummer 16. Dann rückten die riesigen Bagger immer näher, inzwischen stehen sie einen Kilometer nördlich des Dorfes. Dort, wo die Unterstraße am Rande des Hambacher Forstes endet, ragt aus dem Tagebau so ein Ungetüm in den blauen Himmel. Ja, man dürfe ihn "einen Heimatvertriebenen" nennen, sagt Kappert. Vor zwei Jahren hat er Haus und Garten an den Energiekonzern RWE verkauft, zwei Tage vor Weihnachten zog er aus: "Nur, wenn ich gewusst hätte, was jetzt passiert, dann wäre ich hiergeblieben."

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Morschenich ist ein Geisterdorf. 28 Häuser des einstigen 500-Seelen-Ortes sind noch bewohnt. Vor Fenster und Türen wurden Spanplatten genagelt, die Pfarrkirche ist bereits entweiht, die Toten vom Friedhof wurden umgebettet. Der Ortsteil der Stadtgemeinde Merzenich sollte der Braunkohle weichen, das war in NRW beschlossene Sache. Dann begannen 2018 die Proteste für Klima und Hambacher Wald, die Kohlekommission empfahl 2019 eine Wende - und am Montag dieser Woche bestätigte auch RWE: Morschenich, das Dorf hinterm "Hambi", darf doch bleiben. Nur kommt das für die Menschen hier zu spät, die Umsiedlung ins neue Dorf ist fast vollendet. "Es kann nur ein Morschenich geben", sagt Ortsvorsteher Michael Dohmes, "und das ist drüben." Da gebe es kein Zurück mehr.

Die Berliner Vereinbarung zum Kohleausstieg hat neue Gewinner geschaffen. Und Verlierer. Zu Letzteren zählen die noch 1500 Bewohner von fünf Dörfern am Rande des zweiten Tagebaus im Rheinischen Revier: Weil sie für die Braunkohle von Garzweiler II weichen sollen, planen Umweltgruppen bereits neue Proteste. Aber auch unter den mutmaßlichen Gewinnern am und im Hambacher Forst gärt Misstrauen. Die Waldbesetzer werden bleiben, sie haben ihre Baumhäuser besser denn je ausgestattet: mit Öfen, Fenstern aus Hartplastik, Solarpanels auf dem Dach und mit Laufstegen in 15 Meter Höhe. "Unser Protest hier geht weiter", sagt ein Aktivist mit blondem Vollbart und grüner Strickmütze, der sich Mike nennt, "und in den Dörfern bei Garzweiler geht es jetzt erst los." Und außerdem sei da auch noch Datteln IV, das Steinkohlekraftwerk, das militante Klimaschützer bereits zum "zweiten Hambi" erkoren.

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