Kohleausstieg Beim Strom ist der Süden solidarisch

Politisch trennt die Ministerpräsidenten Söder in Bayern und Kretschmann in Baden-Württemberg vieles. Ein sicheres Energiekonzept für ihre Industrien aber brauchen beide. Das fordern sie nun von Berlin.

Von Wolfgang Wittl

Nach dem angekündigten Kohleausstieg fordern Bayern und Baden-Württemberg von der Bundesregierung einen konkreten Plan für die energiepolitische Zukunft in Deutschland. In einem gemeinsamen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) verlangen die Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) und Winfried Kretschmann (Grüne) "ein schlüssiges Gesamtkonzept, wie die Stromerzeugung künftig verlässlich, sicher, umweltfreundlich und bezahlbar gestaltet werden kann". Söder und Kretschmann befürchten offenbar erhebliche Nachteile für ihre Länder. "Ohne ein solches Gesamtkonzept wäre die Leistungsfähigkeit unserer Wirtschaft und damit der Wohlstand im Land ernsthaft gefährdet", heißt es in dem Schreiben, das der Süddeutschen Zeitung vorliegt.

Die beiden Ministerpräsidenten kritisieren, dass sich die politische Debatte zum Kohleausstieg bislang vor allem auf strukturpolitische Kompensationsmaßnahmen für den Osten und Westen Deutschlands konzentriert habe. "Wichtige Belange Süddeutschlands mit seinen industriellen Zentren kommen und kamen dabei jedoch zu kurz." Schon seit dem 2011 beschlossenen Atomausstieg gibt es Kritik, dem Bund mangele es an einem zukunftsweisenden Konzept. Sie hat sich noch einmal verschärft nach dem angekündigten Abschied von der Kohle im Jahr 2038. "Es braucht endlich eine richtige Energiewende 4.0", sagt Söder der SZ: "Der Süden darf nicht vergessen werden." Im anstehenden Gesetzgebungsverfahren sei es daher erforderlich, auch für Bayern und Baden-Württemberg "eine nachhaltige energiepolitische Perspektive zu entwickeln".

Gemeinsame Kabinettssitzung folgt: Markus Söder, Bayerns Regierungschef (li.), und sein Stuttgarter Kollege, der Grüne Winfried Kretschmann.

(Foto: Kay Nietfeld/dpa)

Die Einigung der Kohlekommission stellt für Söder und Kretschmann eine Zäsur in der deutschen Energiepolitik dar. Damit der Strom aus erneuerbaren Energien schneller in den Süden gelange, fordern sie einen beschleunigten Ausbau der bereits beschlossenen Stromleitungen. Die bayerische Staatsregierung favorisiert etwa Erdkabel entlang von Autobahnen. Außerdem müsse der Ausstieg aus Kohle und Atom "im Sinne der Energiewende von einem Einstieg in flexible Gaskraftwerke und -turbinen begleitet werden". Gerade mit Blick auf die Pipeline Nord Stream 2, mit der zusätzliches russisches Gas nach Deutschland geliefert werden soll, komme solchen Anlagen immer mehr Bedeutung zu. Im bayerischen Irsching bei Ingolstadt steht eines der modernsten Gaskraftwerke der Welt, das jedoch kaum genutzt wird. "Gaskraft muss endlich faire Rahmenbedingungen bekommen", verlangt Söder. So müsse Gas-Strom analog zu den erneuerbaren Energien bezahlt werden, auch wenn er nicht abgenommen werde. Denn es handele sich um eine der saubersten und effizientesten Formen der Stromerzeugung.

Auch bei der Wärmeversorgung haben Söder und Kretschmann klare Vorstellungen. Der Ersatz der bislang genutzten Kohle müsse von CO₂-armen oder CO₂-freien Technologien kommen. Auch die Kraft-Wärme-Kopplung bedürfe verlässlicher Rahmenbedingungen bis 2030. "Auf eine energiepolitische Unsicherheit können sich die industriellen Kraftzentren Deutschlands nicht einlassen", heißt es in dem Schreiben an Merkel. "Wir dürfen nicht deindustrialisiert werden", warnt Söder.

Für den Kohleausstieg

260 Millionen Euro sollen NRW, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg erhalten.

Mit dem Brief an die Kanzlerin setzen die beiden Ministerpräsidenten die angekündigte Belebung der Südschiene fort. Schon Söders Vorgänger Horst Seehofer hatte mit Kretschmann eng zusammengearbeitet. Obwohl CSU und Grüne in parteipolitischen Fragen oft weit auseinanderliegen, schätzen die beiden Regierungschefs die jeweils pragmatische Art des anderen. Als starke Wirtschaftsstandorte haben Bayern und Baden-Württemberg zudem ähnliche Interessen. Ende Juli wollen sich die Kabinette beider Länder zu einer gemeinsamen Sitzung treffen. Mitte März hatte bereits der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) mit seinem Kabinett in München getagt. Söder setzt damit seinen Weg fort, Allianzen mit anderen Ländern zu schließen. Er sagt: "Bayern und Baden-Württemberg wollen Ökonomie und Ökologie zusammenbringen."