Kohl und Orbán Die Eurosion

Über Jahre hat der deutsche Kanzler mitgebaut am geeinten Europa. Nun reißt sein Freund, der ungarische Premier, das Erreichte wieder ein. Hoffentlich hat Kohl Orbán ins Gewissen geredet.

Von Stefan Ulrich

Gleichberechtigte Beziehungen zwischen Vätern und Söhnen sind ein Glücksfall. Häufiger scheinen jene Fälle zu sein, in denen sich Söhne den Vätern unterwerfen - oder gegen sie auflehnen. Der ungarische Premier Viktor Orbán tut beides zugleich. Er umschmeichelt Helmut Kohl als Gründervater Europas; und er macht sich daran, Kohls Werk zu zerstören. Dabei setzt Orbán wohl darauf, dass der betagte Ex-Kanzler das Doppelspiel kaum mehr durchschaut.

Obwohl der nationalistische Ungar mit rassistischen Zügen in der EU von vielen gemieden wird, hat Kohl ihn zu sich nach Hause eingeladen. So kam es jetzt zur Begegnung zweier Freunde, die eigentlich nicht mehr zusammenpassen. Hier der weltkriegserfahrene Deutsche, der zum Erz-Europäer wurde. Dort der sowjetsozialistisch geprüfte Ungar, der heute Nationalismus predigt. Hier der christdemokratische Völkerversöhner, der mithalf, die liberale Demokratie in Deutschland zu festigen. Dort der Spalter, der gegen die EU in Brüssel agitiert, Ungarn in einen illiberalen Staat verwandelt und eine unchristliche Flüchtlingspolitik betreibt.

Ungarns Premier zerstört, was der deutsche Altkanzler erbaute

Kohl und Orbán vereint in Oggersheim. Väter und Söhne können manchmal ganz schön seltsam sein.

Noch verblüffender ist, wie schnell sich heute das Europa Kohls in ein Europa Orbáns verwandelt. Die Kanzlerjahre des Alten von 1982 bis 1998 waren Aufbruchsjahre, in denen Europa gedieh. Süderweiterung, Osterweiterung, Reformverträge, Schengen, Vorbereitung des Euros - das waren Kapitel einer Erfolgsgeschichte. Der Kanzler Kohl hatte seinen Anteil daran, weil er Deutschlands Gewicht durch Kompromissbereitschaft und Rücksichtnahme auf kleine EU-Staaten klug ausglich. Seine Entente mit dem französischen Präsidenten François Mitterrand milderte die deutsche Führungsrolle ab. Am Ende glaubte Kohl, er habe Europas Einheit unumkehrbar gemacht.

Er irrte. Auf der Baustelle EU rücken Abrissbagger an. Sie werden von der ungarischen oder polnischen Regierung geschickt, von Brexit-Briten und von rechtspopulistischen Parteien in Frankreich, Deutschland oder Italien. Der Euro hat den Glanz des neuen Geldes verloren. Er entzweit mehr als er eint. Und Zäune zerschneiden Schengen-Land.

Es wäre einfach, die Schuld nur Orbán und seinen Gesinnungskameraden in vielen Ländern aufzuladen. Die Eurosion hat mehr Gründe: Versäumnisse der Kohl-Zeit, globale Umbrüche und psychologische Veränderungen in der Gesellschaft.

Kohl, Mitterrand und deren Kollegen haben Europa als Eliten-Projekt vorgefunden und weitergeführt. Sie entschieden für sich, was gut für die Bürger sein sollte. So errichteten sie die heutige EU. Doch sie schafften keine Europäer. Die Bürger konnten sich nie recht mit jenen Institutionen identifizieren, die in Brüssler Betonburgen angeblich alles überregulierten. Die Unionsbürgerschaft, 1992 eingeführt, wirkt leblos. Der Portugiese blieb Portugiese, der Deutsche Deutscher.

Europa konnte trotzdem gedeihen, solange es Sicherheit und Wohlstand schaffte. Die Zeiten sind vorbei. Statt Sicherheit erleben die Menschen heute einen neuen Konflikt mit Russland, Bürgerkriege im schrecklich nahen Osten und Terroranschläge in der EU. Hunderttausende Flüchtlinge zeigen den Europäern, dass sich die Not der Welt nicht mehr ausgrenzen lässt. Der gefühlte Wohlstand sinkt in vielen EU-Staaten. Bürger in Italien, Spanien oder Griechenland, in denen die Jugendarbeitslosigkeit zwischen 40 und 50 Prozent liegt, empfinden es als Hohn, wenn ihnen vorgerechnet wird, von der Globalisierung profitierten (fast) alle.

Schließlich ist auch die Letztbegründung Europas wirkungslos geworden. Das Schlagwort "Nie wieder Krieg", das die Väter vorantrieb, lässt die Söhne kalt. Die Weltkriege sind ihnen nicht mehr Menetekel, Kriege zwischen den EU-Staaten erscheinen ihnen unvorstellbar.

Dies alles nutzt den Nationalisten. Betörend wie Odysseus' Sirenen singen sie vom schützenden Nationalstaat unter starker Führung. Statt sich Wachs in die Ohren zu schmieren, folgen zu viele Europäer den Gesängen. Die übrigen sind zu schwach, um gegenzusteuern.

Kohl mag ein alter, kranker Mann sein. Doch er spürt wohl: Sein Europa ist in Gefahr. Er dürfte merken: Der Führungsstil seiner Nachfolgerin Angela Merkel kommt in der EU nicht so gut an wie damals seiner. Wahrscheinlich sieht er auch, was Orbán treibt. Daher schrieb der Alt-Kanzler ins Vorwort der ungarischen Ausgabe seines Europabuches, es gebe keine Alternative zum geeinten Europa. "Der Rückfall in altes, nationalstaatliches Denken ist keine Option." Hoffentlich hat Kohl seinem missratenen Sohn jetzt beim Tête-à-Tête den Kopf gewaschen.