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Kohl kritisiert die deutsche Politik:"Lamento und Klein-Klein"

Einen Tag vor seinem 80. Geburtstag hat sich Altbundeskanzler Kohl in einem Interview zum Zustand Deutschlands geäußert. Er ist gar nicht zufrieden.

Der erneute CDU-Ehrenvorsitz ist für Altbundeskanzler Helmut Kohl selbst kein Thema. Die Frage stelle sich für ihn "im Moment nicht", sagte Kohl der Bild-Zeitung anlässlich seines 80. Geburtstags am 3. April. Angela Merkel gratulierte Kohl als Bundeskanzlerin sowie als CDU-Vorsitzende und hob insbesondere seine Verdienste um die deutsche und die europäische Einigung hervor.

In seinem ersten großen Interview seit einigen Monaten ließ Kohl erneut Enttäuschung über den Umgang mit ihm nach Bekanntwerden der CDU-Spendenaffäre vor gut zehn Jahren erkennen. Er habe nach dem Bruch zwischen ihm und der Partei vor allem mit den Menschen gehadert, die sich plötzlich gegen ihn gestellt hätten, weil er einen Fehler gemacht habe, sagte er der Bild.

Zuletzt hatte unter anderem die einflussreiche Senioren-Union anlässlich des runden Geburtstags gefordert, Kohl den CDU-Ehrenvorsitz erneut anzubieten. Kohl hatte im Jahr 2000 wegen seiner Rolle in der CDU-Spendenaffäre auf den Ehrenvorsitz verzichtet.

Der Altkanzler äußerte sich zudem insgesamt wenig zufrieden mit dem Gesamtzustand des Landes. Es ärgere ihn, "wenn ich sehe, wie Deutschland seine Chancen so offenkundig verspielt", sagte Kohl. Er meine damit nicht nur die Politik, sondern die Gesellschaft insgesamt. "Wir Deutschen haben alle Ressourcen und Möglichkeiten, wir haben bewiesen, dass wir leistungsfähig sind - und verlieren uns heute doch vor allem in einem Lamento und Klein-Klein, das ich nicht nachvollziehen kann", sagte der Altkanzler.

Auf sein eigenes Leben blicke er an seinem 80. Geburtstag "mit Dankbarkeit und Glück" zurück, sagte Kohl weiter. "Mein Leben hat einen Sinn gehabt. Die wichtigsten Entscheidungen würde ich alle wieder so treffen", erklärte der frühere Bundeskanzler.

Seinen runden Geburtstag wollte Kohl am Ostersamstag im kleinen Kreis in seiner Heimatstadt Ludwigshafen feiern. Eine offizielle Feierstunde ist Anfang Mai geplant.

Bundeskanzlerin Merkel, die als Generalsekretärin 1999 die Ablösung der CDU von ihrem langjährigen Vorsitzenden Kohl an vorderster Stelle betrieben hatte, würdigte in einem Glückwunschschreiben Kohls "leidenschaftlichen persönlichen Einsatz" für die Wiedervereinigung Deutschlands wie auch den europäischen Einigungsprozess. Merkel bedankte sich auch ganz persönlich bei ihrem einstigen Förderer: "Ohne Ihre Entschlossenheit und Unerschütterlichkeit wäre das Leben von Millionen Menschen, die wie ich bis 1990 in der DDR gelebt haben, völlig anders verlaufen."

Auch Außenminister Guido Westerwelle (FDP) würdigte Kohls Verdienste um die deutsche Einheit und die europäische Einigung und hob hervor: "Sie haben das Angesicht der Bundesrepublik Deutschland durch Ihre Politik gestaltet und unser Ansehen weltweit gestärkt."

Der hessische Ministerpräsident Roland Koch zeigte sich in einem Beitrag für das Hamburger Abendblatt überzeugt, dass schon "in einigen Jahren mit großer Selbstverständlichkeit Straßen und Plätze nach Helmut Kohl benannt sein" werden.