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Bonner Republik:Kohls Kosmos

Die Toten des Jahres 2017 - Kohl

Helmut Kohl kurz nach seiner Wahl zum Bundeskanzler im Oktober 1982

(Foto: dpa)

Eine Studie über die "Holocaust-Angst" des CDU-Kanzlers belegt, wie Kohl Einfluss nehmen wollte auf das Geschichtsbild der Amerikaner von der Nazi-Zeit und der Schoa.

Rezension von Barbara Distel

Die Studie von Jacob S. Eder mit dem Titel "Holocaust-Angst" ist in den USA bereits im Jahr 2016 erschienen. Das Buch handelt von den Bemühungen deutscher Regierungsstellen seit den 1970er-Jahren, Einfluss auf die US-Geschichtspolitik im Hinblick auf deren Umgang mit dem nationalsozialistischen Völkermord an den europäischen Juden zu nehmen. Vier Jahre später kommt die Studie nun auf Deutsch heraus - jedoch unter stark veränderten Rahmenbedingungen.

Die Erkenntnisse werden zu einem Zeitpunkt präsentiert, in dem sich der Zusammenbruch der nationalsozialistischen Terrorherrschaft und damit auch die Befreiung der Todeslager zum 75. Male jähren.

Mit Ausnahme der Gedenkfeiern im Januar 2020 anlässlich der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz mussten alle darauffolgenden, seit Langem geplanten Veranstaltungen aufgrund der weltweit ausgebrochenen Corona-Pandemie abgesagt werden.

Die deshalb vollständig in die mediale Welt verbannten, von der Politik ersatzweise organisierten Akte des Gedenkens und des Erinnerns ohne internationale Gäste und ohne deutsches Publikum schienen das dramatische Geschehen im Frühjahr 1945 noch weiter in die Vergangenheit zu versetzen.

Überlebende Opfer aus aller Welt, die zu diesem Anlass noch einmal nach Deutschland reisen wollten, mussten ausgeladen werden. Diese unvorhersehbaren Umstände trugen nicht unerheblich zur Marginalisierung des Themas in der öffentlichen Wahrnehmung bei.

Zweitens fällt die Veröffentlichung in einem Zeitabschnitt, in dem sich die deutsch-amerikanische Politik so kontrovers und konfliktreich wie nie nach dem Ende der Besatzungszeit entwickelt hat und in dem die diplomatischen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und den USA einen bislang nicht vorstellbaren Tiefpunkt erreicht haben. Beide Aspekte lassen die vorgelegte Studie über die Entwicklung der bilateralen Aufarbeitung des Holocaust in einem veränderten Licht erscheinen.

Der CDU-Politiker fürchtete, dass deutsche Geschichte auf den Holocaust reduziert würde

Der Autor umreißt in fünf Kapiteln die Geschichte der Auseinandersetzungen zwischen Akteuren der in den USA entstehenden Erinnerungskultur zum nationalsozialistischen Genozid an den Juden Europas und den Versuchen Bonns, auf diplomatischen Weg darauf Einfluss zu nehmen. Im Mittelpunkt steht die Person Helmut Kohls, promovierter Historiker und Kanzler während der Jahre 1982 bis 1998.

In diesem Zeitraum machte er die deutsche Geschichtspolitik in den USA mithilfe eines Netzwerks von Mitarbeitern und Vertrauten zur Chefsache. Er war von der Furcht getrieben, die Haltung der amerikanischen Öffentlichkeit gegenüber der Bundesrepublik werde maßgeblich von jüdischen Organisationen und prominenten Einzelpersonen geprägt, welche die deutsche Geschichte ausschließlich auf das Thema "Holocaust" beschränken wollten.

Sein Anliegen war es, im Hinblick auf die jüngste Vergangenheit die deutsche Opposition gegen Hitler hervorzuheben und darüber hinaus die positiven Entwicklungen des demokratischen Nachkriegsdeutschlands in den Vordergrund zu stellen.

Mithilfe diplomatischer Kanäle, aber auch durch Bemühungen von Sonderbeauftragten wollte Kohl das Geschichtsbild insbesondere jüdischer Organisationen in den USA beeinflussen und sogar ein Mitspracherecht von deutscher Seite bei den inhaltlichen Konzepten für die seit dem Jahr 1978 laufenden Vorbereitungen für ein zentrales US Holocaust Memorial Museum in Washington erwirken.

Nach einem Exkurs über die Vorgeschichte der Ära Kohl umreißt Eder die wichtigen Meilensteine der Entwicklung während der 1980er- und 1990er-Jahre, die mit der Ausstrahlung der US-Fernsehserie "Holocaust" (1978 in den USA, 1979 in der Bundesrepublik) begann und über den umstrittenen Besuch von Ronald Reagan und Helmut Kohl auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg (1985) bis zur Eröffnung des US Holocaust Memorial Museum in Washington (1993) führte.

Vorgestellt werden zudem Bemühungen, mithilfe von Stiftungen und dem Aufbau von Verbindungen in die akademische Welt Einfluss auf das Deutschlandbild in den USA zu nehmen. Eder konnte sich für seine Recherchen auf umfangreiches Quellenmaterial stützen. Für die deutsche Seite standen ihm die Unterlagen der Regierung Kohl und für die USA die Hausakten des US Holocaust Memorial Museum sowie die des American Jewish Committee zur Verfügung.

Jacob S. Eder: Holocaust-Angst. Die Bundesrepublik, die USA und die Erinnerung an den Judenmord seit den Siebzigerjahren. Aus dem Englischen von Jörn Pinnow. Wallstein- Verlag, Göttingen 2020. 365 Seiten, 42 Euro.

Auf deutscher Seite waren die Agierenden mehrheitlich Männer des politisch konservativen Lagers, die während des Krieges geboren worden waren. Sie waren selbst nicht mehr in die nationalsozialistischen Verbrechen verstrickt gewesen, aber doch noch von der Ideologie geprägt und in ihrem Denken den Klischees und den Stereotypen der Nationalsozialisten verhaftet.

Unter ihren amerikanischen Gesprächspartnern befand sich eine große Zahl von Überlebenden des Judenmords und deren Nachkommen, die es als ihre Lebensaufgabe ansahen, alles zu tun, um den Holocaust vor dem Vergessen zu bewahren. Von deutscher Seite gab es jedoch weder Interesse noch Empathie für das Anliegen der Opfer und die Sichtweise ihrer oftmals traumatisierten Gesprächspartner.

Die deutschen Quellen offenbaren durchgängig tief sitzende Ressentiments gegen Juden und ihre angebliche Macht. Es scheint, als ob es zwei Parallelwelten gab, für die keine gemeinsame Basis zu finden war.

Aber auch wenn die von offizieller deutscher Seite angestrebte Mitsprache bei der Planung des Washingtoner Museums scheiterte, entstanden im Laufe der Jahre doch eine Vielzahl deutsch-amerikanischer Kooperationen und Forschungsprojekte.

Aufgrund der Beschränkung der Studie auf die deutsche Regierungspolitik und deren amerikanische Gesprächspartner fehlt leider die Kehrseite der Medaille - die sich im gleichen Zeitraum entwickelnde fruchtbare und vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen den US-Protagonisten der Erinnerungsarbeit und den Gedenkstätten in der Bundesrepublik.

Beide Seiten profitierten von dieser Kooperation: Die amerikanischen Partner konnten die Archivbestände und das angesammelte Wissen der Gedenkstätten nutzen, und die finanziell und institutionell schlecht ausgestatteten Gedenkstätten erhielten im Gegenzug großzügige Unterstützung für ihre Arbeit.

In seinem Epilog geht der Autor, der Geschichte an der Barenboim-Said-Akademie in Berlin lehrt, kurz auf die Entwicklung nach der deutschen Wiedervereinigung ein. Am Beispiel des deutschen Beitrags zum 20-jährigen Bestehen des US Holocaust Memorial Museum im Jahr 2013 skizziert er die Entwicklung bis zur grundlegend veränderten Haltung zum Thema Holocaust.

Im Laufe der 1980er- und 1990er-Jahre hatte sich ein zunehmendes öffentliches Interesse an der nationalsozialistischen Gewaltpolitik und dem Schicksal ihrer Opfer nicht nur in der Bundesrepublik und in den USA, sondern auch in vielen anderen Ländern entwickelt. Und nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und den politischen Veränderungen in Osteuropa geriet das Thema auch in diesen Ländern in den Fokus von Öffentlichkeit und Forschung.

Es dauerte lange, bis die Basis für eine Zusammenarbeit gefunden war - sie ist heute wieder in Gefahr

Die dichte Studie von Jacob S. Eder führt uns den Verlauf der deutsch-amerikanischen Auseinandersetzungen um die Bedeutung des Holocaust nach 1945 auf eindringliche Weise vor Augen. Sie hatten vor einem halben Jahrhundert begonnen und sich über mehr als dreißig Jahre hingezogen.

Man glaubte schließlich eine gemeinsame Basis für eine dauerhafte Zusammenarbeit gefunden zu haben. Heute jedoch bedrohen ansteigender Nationalismus, das Wiederaufleben von Antisemitismus und Xenophobie die inzwischen als gesichert geglaubte Verankerung der Gedenkarbeit in Politik und Gesellschaft.

Barbara Distel war von 1975 bis 2008 Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau.

© SZ vom 20.07.2020/odg
Ronald Reagan und Helmut Kohl, 1985

CDU-Kanzler
:Helmut Kohl sprach abfällig über Juden

Aktenfunde belegen, dass sich der Kanzler und sein Umfeld in den achtziger Jahren negativ über Juden äußerten. Wegen der Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen fürchtete Kohl um Deutschlands guten Ruf.

Von Oliver Das Gupta

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