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Prozessauftakt zum Fall Köthen:Tödlicher Zufall

Prozess um tödliche Auseinandersetzung in Köthen

Einer der Angeklagten im Dessauer Landgericht.

(Foto: dpa)
  • Markus B. starb in Köthen, nachdem er einen Streit zwischen mehreren Flüchtlingen schlichten wollte.
  • Zwei Afghanen müssen sich deshalb vor dem Landgericht Dessau-Roßlau wegen gefährlicher Körperverletzung und Körperverletzung mit Todesfolge verantworten.
  • Nach den Vorfällen in Chemnitz und Aufmärschen von Rechtsextremen hat der Fall auch politische Relevanz.

Die Entschuldigungen kommen wie ein Schwall über die Lippen von Ezatullah M. "Ich möchte der Familie mein Bedauern aussprechen. Es tut mir leid, dass dieser Unfall passiert ist. Ich weiß, wie es ist, einen lieben Menschen zu verlieren", sagt der 17-Jährige, während er von einem zerknitterten Blatt Papier abliest. M. hat sich dagegen entschieden, die Entschuldigung in seiner Heimatsprache Dari vorzutragen und vom Dolmetscher übersetzen zu lassen. Im Gerichtssaal reiht er die deutschen Wörter fast atemlos aneinander. Sie sind schwer zu verstehen, und doch treiben sie der kleinen, rundlichen Frau, die ihm gegenüber sitzt, die Tränen in die Augen.

Es ist die Mutter von Markus B. Ihr Sohn starb am Abend des 8. Septembers 2018 in Köthen, Sachsen-Anhalt, offenbar nachdem er einen Streit zwischen mehreren Flüchtlingen schlichten wollte. Die Familie von Markus B. verlor einen geliebten Menschen. Und die Stadt Köthen geriet mit ihren 28 000 Einwohnern in die Schlagzeilen, weil rechtsextreme Gruppen den Tod des 22-Jährigen missbrauchten. Zu einem spontan angemeldeten "Schweigemarsch" kamen 2500 Menschen, darunter bekannte NPD-Politiker und Neonazis, die vom "Rassenkrieg gegen das deutsche Volk" sprachen.

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Stadt und Land reagierten schnell, um Verhältnisse wie in Chemnitz zu verhindern, wo Rechtsextreme den Tod eines Deutsch-Kubaners instrumentalisierten. Polizei und Justiz informierten über aktuelle Ermittlungsergebnisse und widersprachen offensiv angeblichen Zeugenaussagen, die in sozialen Netzwerken kursierten. Auch das Justizministerium schaltete sich ein. Dennoch hielt sich das Gerücht, Markus B. sei von Afghanen ermordet worden, selbst als bekannt wurde, dass er an einem Herzinfarkt verstarb. Womöglich ausgelöst durch einen angeborenen Herzfehler und den Stress um die Auseinandersetzung. Dennoch müssen sich Ezatullah M. und sein Freund Hedajatullah H. vor der Jugendkammer des Landgerichts Dessau-Roßlau wegen gefährlicher Körperverletzung und Körperverletzung mit Todesfolge verantworten.

Der Staatsanwaltschaft zufolge soll der 18-jährige Hedajatullah H. im Streit einen Landsmann geschlagen haben. Als Markus B. dazwischenging, so die Anklageschrift, bekam er von Ezatullah M. einen Schlag ins Gesicht und ging zu Boden. Hedajatullah M. soll ihm dann noch einen Tritt verpasst haben. Die Familie von Markus B. tritt im Prozess als Nebenkläger auf. Beide Angeklagte stritten am ersten Prozesstag jegliche Schuld am Tod von Markus B. ab. Ezatullah M. spricht von einem "tragischen Unfall".

Tatsächlich sieht es derzeit so aus, dass Markus B. durch reinen Zufall in eine Auseinandersetzung geriet, die sich an einem Beziehungsstreit entzündet hatte. Gleichzeitig hat der Fall politische Relevanz. Vorsitzende Richterin, Staatsanwaltschaft und Anwälte verwenden deswegen sehr viel Zeit, das Geschehen in allen Details zu rekonstruieren. Keine leichte Aufgabe, wie die Einlassungen der Angeklagten zeigen.