Rechter "Trauermarsch" in Sachsen-Anhalt Furcht vor dem nächsten Chemnitz

  • In der Kleinstadt Köthen in Sachsen-Anhalt halten am Sonntagabend rechte Parteien und Gruppierungen einen "Trauermarsch" für einen gestorbenen 22-Jährigen ab.
  • Anders als in Chemnitz ziehen die Menschen ruhig durch die Stadt.
  • Am Tatort, einem Spielplatz, bricht dann jedoch der Hass auf. Ein bekannter Neonazi fabuliert von einem "Rassenkrieg" gegen das "deutsche Volk".
Von Antonie Rietzschel, Köthen

Ein Mädchen mit Blümchen-Leggins steht auf der roten Rutsche. Vor ihr ein Junge, vielleicht ihr Bruder. "Rutsch", weist sie ihn an. Er rutscht, das Mädchen hinterher. Eine gewöhnliche Spielplatzszene. Doch an diesem Abend wirkt sie grotesk. Wenige Meter weiter hat sich ein riesiger Menschenpulk gebildet. In der Menge sind viele stiernackige Männer, auf ihren T-Shirts sind Slogans wie "White Resistance" oder "Hatred Worldwide" aufgedruckt. Sie stehen vor einem Dutzend brennender Grablichter. Regungslos. Still. Jemand hat eine weiße Taube aus Ton dazu gestellt. Einen Stein, in den die Buchstaben "R.I.P." eingeritzt sind. Requiescat in pace oder auf Englisch Rest in Peace, Ruhe in Frieden.

Der Spielplatz am Karlsplatz in Köthen, Sachsen-Anhalt, ist zum Mahnmal geworden. Für einen 22-Jährigen, der gestorben ist. Offenbar war es auf dem Spielplatz zu einer Auseinandersetzung gekommen. Zwei Männer aus Afghanistan wurden festgenommen. Die genauen Umstände des Todesfalls sind bisher unklar. Rechtsextreme Gruppen, darunter die Partei Die Rechte, riefen zu einem "Trauermarsch" auf.

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Nach einer Auseinandersetzung zwischen zwei Männergruppen stirbt ein 22-Jähriger an akutem Herzversagen. Am Abend folgen 2500 Menschen einem Aufruf rechter Gruppen zu einem sogenannten Trauermarsch.

Der Fall erinnert an Chemnitz, wo Ende August Daniel H. gewaltsam zu Tode gekommen war, verdächtig sind zwei Iraker und ein Syrer. Seit mehr als zwei Wochen missbrauchen Rechtsextreme den Tod des jungen Mannes für ausländerfeindliche Hetze. 800 Rechtsextreme und Hooligans zogen durch die sächsische Stadt, griffen Menschen an und brüllten hasserfüllte Parolen. Die Polizei war überfordert. Die Stadt auch.

Es geht nicht um Trauer, sondern um rechte Politik und Parolen

In Köthen, einer Kleinstadt mit 28 000 Einwohnern in Sachsen-Anhalt, läuft es an diesem Tag anders. Am Sonntagnachmittag treffen sich unter den schlanken Säulen der St. Jakobskirche 250 Menschen zu einem spontanen Gedenk-Gottesdienst. Bürgermeister Bernd Hauschild (SPD), ruft die Köthener auf, sich nicht an der spontanen Demo am Abend zu beteiligen, sondern daheim zu bleiben. Denn natürlich wird es bei dem anberaumten "Trauermarsch" nicht um Trauer gehen, sondern um rechte Politik und Parolen.

Auf dem Marktplatz findet an diesem Wochenende das 26. Kuhfest statt, organisiert vom örtlichen Karnevalsverein. Die Breakdance-Anlage dreht sich, es gibt gebrannte Mandeln. Doch die Worte des Bürgermeisters scheinen zu wirken, gegen halb sechs verlassen Eltern mit ihren Kindern die Gassen. Die Kinderwagen, an denen rosafarbene Luftballons zappeln, verschwinden. Dafür stehen vor Hauseingängen nun kleine Gruppen in Thor-Steinar-Klamotten zusammen.

Der Bahnhof ist an diesem Abend das Domizil derer, die ein zweites Chemnitz verhindern wollen. Die Zahl der Demonstranten wird ihm Laufe des Abends von 20 auf 100 steigen. Sie halten Transparente in die Höhe: "Wo sich der Mob formiert, funken wir dazwischen." Der Duft der gepflegten Blumenrabatten vor dem Bahnhofsgebäude liegt schwer in der Luft. Unter dem dichten Blätterdach einer Ranke sitzt ein älteres Ehepaar aus Magdeburg. Er trinkt Dosenbier. Sie trägt ein geblümtes T-Shirt. "Wir wollen Köthen kennenlernen", sagt sie. Heißt: Erst am "Trauermarsch" teilnehmen, dann eine Kleinigkeit essen. "Wir wollen ein Zeichen setzen - gegen das Abschlachten von Deutschen."

Den Ermittlungsbehörden zufolge verstarb der junge Mann in Köthen an akutem Herzversagen. Doch Details spielen an diesem Tag keine Rolle.

Ausgerechnet vor der örtlichen Feuerwehr treffen sich am Abend die Brandstifter verschiedener rechter und rechtsextremer Gruppen und Parteien, Anhänger der Gruppierung Thügida, NPD-Politiker, Mitglieder von Die Rechte, aber auch der Alternative für Deutschland (AfD). Dazwischen diskutiert ein Vater mit seinem Jungen aus, dass es nicht heißt: "Ich will", sondern: "Ich möchte". Teenagermädchen filmen und fotografieren, als seien sie beim Pop-Konzert. Kurz nach 19 Uhr setzt sich der Demonstrationszug unvermittelt in Bewegung. Anders als in Chemnitz ziehen die Menschen ruhig durch die Stadt. Vorbei am Gardinenladen, der Stadtbäckerei und an Köthenern, die in ihren Fenstern lehnen. Die Polizei sichert die Nebenstraßen. Sachsen-Anhalt hatte Beamte der Bundespolizei angefordert.

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Der Marsch zum Spielplatz dauert nur wenige Minuten. Menschen legen Blumen nieder, es fließen Tränen. Kamerateams und Fotografen stehen auf dem Klettergerüst, um die Bilder des Abends einzufangen. Zunächst scheint alles ruhig zu verlaufen. "Wir müssen das Maul aufmachen. Alle", raunt einer seinem Nebenmann zu. Man erzählt sich Geschichten von Messerstechereien, Vergewaltigungen, Diebstählen. "Haste gehört, da in Brandenburg." Man könnte meinen, die Welt außerhalb Köthens sei Krisengebiet.

"Wollt ihr weiterhin die Schafe bleiben, die blöken?"

Der Hass bricht nach Einbruch der Dämmerung auf, der Pulk hat sich Richtung Straßenkreuzung verschoben. Mittendrin steht David Köckert, ein Neonazi aus Thüringen, bis zur Glatze tätowiert. Er hat ein Mikrofon, spricht von der "asozialen, antideutschen Schweinepresse". Die Menge antwortet mit "Lügenpresse"-Rufen. Köckert nimmt das als Ansporn, fabuliert vom "Rassenkrieg" gegen das "deutsche Volk". Man müsse sich wehren: "Wollt ihr weiterhin die Schafe bleiben, die blöken, oder wollt ihr zu Wölfen werden und sie zerfetzen?" Es ist eine Rede voller Feindseligkeit. Es hört sie der Rentner, der sich oben aus dem Fenster lehnt. Es hören sie die Kinder, die mittlerweile auf der Schaukel des Spielplatzes sitzen.

In Momenten wie diesen stellt sich die Frage: Was soll werden? Dresden, Cottbus, Chemnitz - alles Orte, die mittlerweile regelmäßig von fremdenfeindlichen und rechtsextremen Gruppierungen heimgesucht werden. Köthens Bürgermeister will die Zukunft der Stadt noch an diesem Abend diskutieren. Während sich der "Trauermarsch" in der Stadt auflöst und auf dem Rückweg einzelne Böller fliegen, schließt Hauschild die Holztür des großen Saals im Rathaus auf. Ein eiserner Kronleuchter spendet warmes Licht in dem mit Holzschnitzereien geschmückten Saal.

Etwa 30 Menschen sind dem Aufruf des Bürgermeisters für ein spontanes Treffen gefolgt, darunter viele Stadträte. Aber auch ein Landtagsabgeordneter der AfD ist gekommen. Hauschild fragt ihn ohne Umschweife, ob er sich als "Demokrat auf unserer Seite" sehe. Der AfD-Politiker stammelt herum, er fühle sich in Köthen sehr wohl. Hauschild nimmt das als "Ja". Es wird diskutiert, über Trauer und Aktionismus. Am Ende sind sich alle einig, dass die beiden geplanten Friedensgebete zunächst ausreichen. Und doch sagt einer der Teilnehmer: "Wir müssen vorbereitet sein."

Anmerkung der Redaktion

In der Regel berichtet die SZ nicht über ethnische, religiöse oder nationale Zugehörigkeiten mutmaßlicher Straftäter. Wir weichen nur bei begründetem öffentlichen Interesse von dieser im Pressekodex vereinbarten Linie ab. Das kann bei außergewöhnlichen Straftaten wie Terroranschlägen oder Kapitalverbrechen der Fall sein oder bei Straftaten, die aus einer größeren Gruppe heraus begangen werden (wie Silvester 2015 in Köln). Ein öffentliches Interesse besteht auch bei Fahndungsaufrufen oder wenn die Biografie einer verdächtigen Person für die Straftat von Bedeutung ist. Wir entscheiden das im Einzelfall und sind grundsätzlich zurückhaltend, um keine Vorurteile gegenüber Minderheiten zu schüren.

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