Imperiale Verbrechen:Ein König kämpft mit der kolonialen Schuld

Lesezeit: 3 min

Imperiale Verbrechen: Präsident Félix Tshisekedi möchte nach vorn blicken, der belgische König Philippe (l.) ringt um die richtigen Worte für die Verbrechen seiner Vorfahren.

Präsident Félix Tshisekedi möchte nach vorn blicken, der belgische König Philippe (l.) ringt um die richtigen Worte für die Verbrechen seiner Vorfahren.

(Foto: Arsene Mpiana/AFP)

Der belgische Monarch Philippe besucht das frühere afrikanische Kolonialgebiet am Kongo. Er bedauert Unterdrückung und Gewalt. eine Entschuldigung formuliert er nicht.

Von Arne Perras

Die Kongolesen warten und warten, das alles dauert schon sehr lange. Jahrzehnte sind verstrichen, ohne Reue und ohne Sühne. Vielleicht dieses Mal? Schließlich ist das ein denkwürdiger Moment, einer, der viele im Kongo aufwühlt. König Philippe aus Belgien ist in dieser Woche angereist, mit seiner Gattin Mathilde. Die beiden reisen mit schwerem historischen Gepäck, das ihnen der frühere Monarch Leopold II. (1835 bis 1909) von Belgien aufgeladen hat.

Wird sich Philippe entschuldigen für alles, was der einstige Leopold II. an Gräueltaten in den tropischen Wäldern zu verantworten hat? Seit Dienstag weilt der belgische Monarch, dessen Ururgroßvater ein Bruder von König Leopold II. war, in der Demokratischen Republik Kongo. Er besucht ein riesiges rohstoffreiches Land, etwa 78 Mal so groß wie Belgien, das bis heute arm geblieben ist, zerrüttet von Korruption und Gewalt. Und belastet von einer kolonialen Vergangenheit, die lange in Belgien verdrängt und verharmlost wurde.

Leopold II. war es einst gelungen, ganz Zentralafrika, mit Billigung der großen europäischen Mächte, 1885 in seinen Privatbesitz zu überführen, während sich Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Portugal daran machten, den Rest des Kontinents unter sich aufzuteilen. Am Kongo sollte Freihandel herrschen, so legten es die europäischen Herren fest. Tatsächlich entwickelte sich unter Leopold II. eine Schreckensherrschaft, die Millionen Menschen ins Verderben stürzte.

Imperiale Verbrechen: Philippe besucht mit seiner Frau Mathilde (l.) und First Lady Denise Nyakeru Tshisekedi den Ngobila Strandmarkt in Kinshasa.

Philippe besucht mit seiner Frau Mathilde (l.) und First Lady Denise Nyakeru Tshisekedi den Ngobila Strandmarkt in Kinshasa.

(Foto: Arsene Mpiana/AFP)

Jahrzehntelang kam eine Aufarbeitung der Erblast nicht voran, erst seit einigen Jahren gibt es Bewegung, wie man auch an dieser Reise des Königs erkennt. Philippes Auftritt soll ein wesentlicher Baustein der Bewältigung sein. Und vielleicht auch ein Neuanfang in den Beziehungen zwischen Brüssel und Kinshasa.

Doch der Besuch rückt unweigerlich auch jene Scheußlichkeiten ins Licht, die von der einstigen Kolonialarmee Leopolds, der Force Publique, verübt wurden. Der koloniale Alltag war von Ausbeutung und einem Maß an Brutalität bestimmt, das heute sprachlos macht. Kindern wurden Hände und Füße abgehackt, wenn die Eltern oder die Gemeinden die von der Kolonialmacht geforderten Gummiquoten in den Kautschukplantagen nicht erfüllten. Menschen wurden mit der Nilpferdpeitsche gefoltert, die Qualen kannten keine Grenzen.

Bis zu zehn Millionen Menschen fielen dem Kolonialregime zum Opfer

Auch wenn umstritten ist, wie viele Todesopfer die koloniale Ausbeutung und deren Folgen forderte, so belaufen sich manche Schätzungen auf acht bis zehn Millionen Menschen, die dem Regime zum Opfer fielen. Dafür musste Philippe nun Worte finden.

"Ich möchte mein tiefstes Bedauern für diese Wunden der Vergangenheit bekräftigen", erklärte der Monarch vor dem Parlament in Kinshasa. Das Kolonialregime sei durch Paternalismus, Diskriminierung und Rassismus gekennzeichnet gewesen und habe "zu Gewalt und Erniedrigung" geführt. Doch dieses eine Wort brachte er nicht über die Lippen: eine Entschuldigung, auf die viele Kongolesen schon lange warten, hat Philippe - bislang - nicht formuliert.

Die Reaktionen sind gemischt, aus Kreisen des Regierungslagers gab es anerkennende Worte für Belgiens Bemühungen um einen Neuanfang, sie verbinden sich mit Hoffnungen auf Investitionen. Präsident Félix Tshisekedi sagte, es gehe darum, nach vorn zu blicken. Die oppositionelle Senatorin Francine Muyumba Nkanga aber schrieb auf Twitter: "Wir werden uns niemals der Zukunft zuwenden ohne Entschuldigung und Reparationen aus Belgien." Es gibt keine Einigkeit, wie der Weg zu einer Aussöhnung aussehen soll.

Imperiale Verbrechen: Mit der Rückgabe der Kakuungu-Maske soll der Anfang der Restitution geraubter Kunstschätze gemacht werden.

Mit der Rückgabe der Kakuungu-Maske soll der Anfang der Restitution geraubter Kunstschätze gemacht werden.

(Foto: Nicolas Maeterlinck/dpa)

"Wie die meisten europäischen Mächte fürchtet sich Belgien davor, einen Weg einzuschlagen, der zu umfangreichen finanziellen Reparationen führen könnte", heißt es im Blog der Fachpublikation Africa Confidential. Deutschland etwa hat seine Schuld in Namibia bekannt und einen Genozid anerkannt, allerdings gibt es weiterhin Kritik am Vorgehen Berlins, was Form und Umfang der Milliarden-Entschädigungen betrifft. Auch in der Karibik, wo der atlantische Sklavenhandel tiefe Spuren hinterließ, werden die Forderungen nach Entschädigungen lauter, sie richten sich vor allem an die frühere Imperialmacht in London und die britische Königsfamilie.

Philippe brachte bei seinem Besuch eine Maske vom Volk der Suku zurück, die bisher im Museum in Brüssel aufbewahrt wurde. Tausende geraubte kulturelle Gegenstände sollen nach und nach restituiert werden. Kommende Woche ist außerdem eine weitere bedeutsame Übergabe geplant: Belgien will die sterblichen Überreste von Patrice Lumumba dessen Familie zukommen lassen. Der erste Premierminister war 1961 von Soldaten der abtrünnigen Region Katanga, unter belgischer Aufsicht, erschossen worden, später wurde seine Leiche wieder ausgegraben und in Säure aufgelöst, um die Tat zu vertuschen. Erst Jahrzehnte nach dem Mord wurden die Umstände des Todes aufgeklärt, nun könnte zumindest der Zahn des Freiheitshelden seine letzte Ruhe auf dem Kontinent finden.

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