Koalitionsgespräche in Griechenland "Das Land muss bis morgen Abend eine Regierung haben"

In Griechenland läuft der Koalitionspoker: Antonis Samaras, Vorsitzender der siegreichen Nea Dimokratia, will möglichst viele Parteien an seiner Regierung beteiligen. Doch Syriza, die radikale Linke, erteilt ihm eine Absage. Und der Chef der Sozialisten hat eine klare Zeitvorstellung.

Griechenland hat gewählt - und sich für Europa und den Euro entschieden. Das Ausland reagiert erleichtert, auch an den Finanzmärkten wird aufgeatmet - aber nur kurz.

[] Das Wahlergebnis: Die konservative Partei Nea Dimokratia (ND) wird stärkste Kraft im Parlament. Sie will den Sparkurs fortsetzen - braucht zur Regierungsbildung aber einen Partner. ND-Parteichef Samaras will eine Koalition der nationalen Einheit bilden. Die zweitstärkste Partei, Syriza, erteilt ihm eine Absage.

[] Debatte um Reformen: Samaras will mit den internationalen Kreditgebern Griechenlands über Lockerungen des Sparzwangs diskutieren, um das Volk nicht zu verprellen. Die EU-Kommission und die Bundesregierung reagieren ablehnend. Außenminister Westerwelle signalisiert Gesprächsbereitschaft, was den Zeitplan angeht, revidiert sein Statement aber wieder. Mit welchen Forderungen Athen und die Troika in Verhandlungen gehen könnten, können Sie hier lesen.

[] Reaktion der Märkte: Die Leitindizes der Börsen deuten am Morgen auf eine Entspannung hin. Doch der Fokus richtet sich schnell auf Spanien. Die Zinsen auf spanische Anleihen steigen auf ein Rekordhoch.

Im SZ-Liveblog berichten Hans von der Hagen, Bastian Brinkmann und Michael König.

21:41 Uhr Kreise: Neue Regierung wird um zeitlichen Aufschub der Sparmaßnahmen bitten

Sollte eine neue griechische Regierung aus Nea Dimokratia und Pasok zustandekommen, wird sie ihre internationalen Geldgeber nach Angaben aus Kreisen um eine zeitliche Streckung der Sparzusagen bitten. Man werde darum ersuchen, Sparmaßnahmen über 11,7 Milliarden Euro binnen vier und nicht wie vereinbart binnen zwei Jahren umsetzen zu können, sagte ein Vertreter der ND am Montagabend. Er erklärte zudem, Griechenland werde sein Privatisierungsprogramm ausweiten und vorantreiben. Man werde für den nächsten Troika-Besuch der internationalen Geldgeber bereit sein.

20:49 Uhr Barroso verbittet sich Belehrung aus den USA

Mit scharfen Worten hat EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso die Kritik an den Europäern wegen ihres Umgangs mit der Schuldenkrise zurückgewiesen. "Wir lassen uns hier von niemandem belehren", sagte Barroso am Montag im mexikanischen Los Cabos. Die Krise sei nicht von Europa ausgelöst worden, sondern habe in den USA "durch die unorthodoxe Praxis in einigen Bereichen des Finanzmarktes" ihren Ausgang genommen. Dadurch seien europäische Banken infiziert worden.

20:14 Uhr Griechenland soll Einhaltung der Sparmaßnahmen schriftlich zusagen

Griechenland wird nach EU-Angaben erst dann neue Milliarden von EU, IWF und EZB erhalten, wenn die neue Regierung die Einhaltung von Sparzusagen schriftlich zusichert. "Es wird keine neuen Entscheidungen über Auszahlungen geben, bevor eine neue Übereinkunft ausgehandelt und unterzeichnet ist", sagte der Vorsitzende der Arbeitsgruppe der Euro-Finanzminister, Thomas Wieser, in Wien.

Jean-Claude Juncker warnte im ZDF davor, die an Griechenland gerichteten Auflagen aufzuweichen. "Ein Entgegenkommen ohne Grund wäre ein absolut falsches Signal", sagte der Eurogruppen-Chef. Es komme sehr darauf an, dass die Troika von EU-Kommission, IWF und EZB in den kommenden Tagen bei ihrem Besuch in Athen feststelle, was möglich sei und was nicht und wo Griechenland nachbessern müsse. Einen zeitlichen Aufschub der Sparmaßnahmen betrachtet Juncker dagegen als möglich.

19:36 Uhr Barroso: Griechenland muss Reformen rasch umsetzen

Nach dem Willen der Europäischen Union muss die Regierung in Athen die eingeleiteten Reformen rasch umsetzen. EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso sagte vor Beginn des Gipfels der großen Industrie- und Schwellenländer im mexikanischen Los Cabos, die EU sei bereit, Griechenland zu helfen, wieder auf die Füße zu kommen.

Die Europäische Union müsse außerdem die Architektur ihrer wirtschaftlichen Gemeinschaft vorantreiben, sagte Barroso. Die finanziellen Strukturen müssten der politischen Union entsprechen. Die Fiskalunion müsse ausgebaut werden. Unbeirrt von der Ablehnung aus Berlin wiederholte Barroso seine Position zu Euro-Bonds: "Künftige Euro-Bonds werden keine Lizenz zum Ausgeben sein." Vielmehr sollen sie ein Werkzeug sein, um Stabilität zu wahren.

Ratspräsident Herman Van Rompuy sagte: "Diese Krise braucht Zeit, um gelöst zu werden." Es gebe keine einfache Lösung. Die Reformen müssten vorangetrieben werden: "Wie eine Feuerwehr zu arbeiten, ist nicht genug." Er sprach sich gegen eine massive Ausgabenpolitik aus: "Wir werden uns nicht mit Ausgaben aus der Krise freikaufen."

19:10 Uhr Obama will Finanzmärkte stabilisieren

Auch der US-Präsident meldet sich zu Wort: Barack Obama fordert vom G20-Gipfel, die Finanzmärkte in der Euro-Schuldenkrise endlich zu stabilisieren. Bei einem Treffen mit seinem mexikanischen Kollegen Felipe Calderón sagte Obama: "Wie wir besprochen haben, ist es jetzt an der Zeit sicherzustellen, dass alle von uns das Nötige tun, um das globale Finanzsystem zu stabilisieren."

Obama zeigte sich am Montag vor dem G20-Gipfel im Badeort Los Cabos erfreut, dass bei der Wahl in Griechenland die Euro-Befürworter gewonnen hätten. Aber es müsse mehr gegen die Euro-Schuldkrise getan werden, damit die Märkte wieder Vertrauen fassten.

18:50 Uhr Ratingagentur Fitch gibt sich gnädig

Angesichts des Wahlsiegs der pro-europäischen Konservativen in Griechenland will die Ratingagentur Fitch die Länder der Eurozone vorerst nicht kollektiv herabstufen. Der Sieg habe die unmittelbare Gefahr einer sofortigen Herabstufung anderer Länder der Eurozone zunächst beseitigt, schreibt Fitch in einer jetzt veröffentlichten Studie. Fitch hatte dies für den Fall eines Austritts Griechenlands aus der Währungsunion angedroht. Zudem würden auch die Ratings der Staaten der Eurozone nicht mit einem negativen Ausblick versehen.

Dennoch ist die Agentur skeptisch. Die Regierung sei schwach. Einer Sparpolitik und schmerzhaften strukturellen Reformen stehe eine starke Oppositionspartei Syriza gegenüber. Der Rückgang der Wirtschaft dürfte sich laut Fitch noch beschleunigen.

18:05 Uhr Sozialisten in Griechenland bereit zu Regierungsbildung

Die griechischen Sozialisten sind grundsätzlich bereit, an einer Koalitionsregierung in Griechenland teilzunehmen. "Das Land muss bis morgen Abend eine Regierung haben", sagte der Chef der Sozialisten, Evangelos Venizelos, nach einem Treffen mit dem Vorsitzenden der konservativen Partei Nea Dimokratia, Antonis Samaras.

Venizelos kritisierte auch das Bündnis der radikalen Linken (Syriza), weil es sich nicht an einer Regierungskoalition beteiligen will. Das ist eine "unverantwortliche Haltung", sagte Venizelos. Die Konservativen und Sozialisten gehören zu den Reformbefürwortern. Sie haben im Parlament eine Mehrheit von 162 der 300 Sitze.

17:54 Uhr Dax verliert alle Gewinne

Die Händler beenden ihren Arbeitstag mit gemischten Gefühlen. Der Dax, der wie andere europäische Börsen am Morgen ordentlich zugelegt hatte, gab seine Gewinne im Laufe des Tages wieder ab und schloss bei 6248 Punkten, einem minimalen Plus.

Die Sorge um Spanien trieb die Händler um. Die Zinsen für 10-jährige Staatsanleihen liegen nun bei fast 7,2 Prozent, ein eigentlich unerträglich hohes Niveau, das kein Land lange durchhält. Spanien soll bald bis zu 100 Milliarden Euro an Notkrediten bekommen, um seinen Bankensektor zu sanieren. Die Details stehen aber noch nicht fest.

17:11 Uhr Merkel will keine Abstriche beim Athener Reformprogramm

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat Forderungen nach einem Verringern der Reformen durch eine neue griechische Regierung eine klare Absage erteilt. Auch eine neue Regierung müsse die eingegangenen Verpflichtungen einhalten, sagte Merkel vor Beginn des G20-Gipfels.

Die Kanzlerin sprach von Anlass zur Hoffnung, dass in Athen jetzt schnell eine stabile Regierung gebildet werde. "Das ist eine wichtige Nachricht für ganz Europa", sagte sie. Sie sprach sich dafür aus, dass die Troika-Mission rasch einen Bericht zur Lage in Griechenland vorlegt. "Ich spreche ausdrücklich nicht über ein neues Hilfspaket", sagte Merkel. Die Geldleistungen seien unfassend. Natürlich könne über zusätzliche Wachstumsimpulse geredet werden. "Das ändert aber nichts an den Rahmenbedingungen."

16:38 Uhr EZB: Mehr Zeit für Griechenland heißt mehr Rettungsgelder

Zur Troika, die Griechenlands Hilfstranchen freigibt, gehört auch die EZB. Der deutsche Vertreter im Direktorium, Jörg Asmussen, hat sich nun zur Wahl geäußert. Er drängt Griechenland, weiter einen Kurs von Sparen und Reformen zu fahren. "Das Land braucht beides", sagte Asmussen. Er erkannte an, dass es eine Debatte geben könnte, den Griechen mehr Zeit zu geben. Doch das bedeute in einem Land mit einem Haushaltsdefizit automatisch auch, dass das Land mehr Rettungsgelder brauche. "Das muss man der Ehrlichkeit halber dazusagen", betonte Asmussen.

16:02 Uhr "Niederlage für die Demokratie"

Der Blogger Michalis Pantelouris sieht in den Wahlergebnissen eine Niederlage für die Demokratie in ganz Europa: "Immer mehr Regierungen sind nicht gewählt. Die Wahl in Griechenland ist in bisher ungekannter Intensität durch Angst- und Droh-Propaganda von außen beeinflusst und immer mehr lebensbestimmende Entscheidungen werden in Kommissionen von Beamten getroffen, die nie ein Bürger gewählt hat."

15:35 Uhr Das Wahlergebnis im interaktiven Überblick

Die griechische Agentur iGraphics hat die Wahlergebnisse in einer Infografik zusammengefasst. Sie verdeutlicht, welche Regionen mehrheitlich für Syriza gestimmt haben und wo Nea Dimokratia dominiert. Auch der Erfolg der Rechtsextremen lässt sich nachzeichnen: Die Partei "Goldene Morgenröte" (in der Grafik: Golden Dawn) erreichte in der Region Lakonien mit 10,8 Prozent ihr bestes Ergebnis.

14:54 Uhr Irland bekommt offenbar mehr Zeit zur Schuldentilgung

Griechenland will die Bedingungen für das Rettungspaket neu verhandeln - Irland ist offenbar schon einen Schritt weiter. Dem TV-Sender RTE zufolge könnte Dublin doppelt so viel Zeit für die Rückzahlung der internationalen Notkredite in Höhe von 85 Milliarden Euro eingeräumt werden. Es werde eine Verlängerung der Frist von 15 auf 30 Jahre erwogen, meldete der Fernsehsender unter Berufung auf Kreise der Europäischen Union und des Internationalen Währungsfonds (IWF).

14:21 Uhr Samaras will Regierung der nationalen Einheit bilden

ND-Parteichef Samaras reagiert unbeeindruckt auf die Syriza-Absage. "Das griechische Volk will unsere europäische Politik. Wir halten das Versprochene ein. Herr Tsipras will nicht an einer solchen Regierung teilnehmen", sagte er nach dem Treffen mit Linken-Chef Tsipras.

Samaras bekräftigten den Willen, eine möglichst breite Koalition zu schmieden. Griechenland brauche eine Regierung der nationalen Einheit mit so vielen Parteien wie möglich, sagte er. Als Partner kommt die kleinere Partei der Demokratischen Linken in Frage, die bei der Wahl sechs Prozent erhielt. Sie signalisierte Bereitschaft, Nea Dimokratia zu unterstützen - vorausgesetzt, das Sparprogramm werde neu verhandelt.

13:35 Uhr Syriza lehnt Koalition mit Konservativen ab

Das war zu erwarten: Syriza erteilt Samaras eine Absage. Die Nachrichtenagentur dpa meldet, Alexis Tsipras habe die Beteiligung der radikalen Linken an einer Koalition mit Nea Dimokratia abgelehnt. "Wir werden in der Opposition sein", sagte der Syriza-Chef demnach. "Wir werden Gegner bleiben."

Die Zwickmühle, in der Samaras steckt, beleuchten die Kollegen Johannes Kuhn und Bastian Brinkmann in ihrer Analyse: "Spielraum am Rande des Zusammenbruchs."

13:21 Uhr "Es war eine Wahl der Angst"

Wie sehen die Griechen das Ergebnis ihrer Wahl? Die Kollegin Nakissa Salavati hat mit dem Biologiedozenten Spyros Gkelis gesprochen, der seine Meinung in vier Sprachen auf Twitter kundtut.

"Gestern saß ich den ganzen Tag vorm Fernseher und habe die ersten Hochrechnungen beobachtet. Es war eine Wahl der Angst: Eine Freundin von mir ist politisch eher links und hat zum ersten Mal in ihrem Leben die Konservativen gewählt. Sie arbeitet in einem Schmuckladen und daher große Angst davor, dass Griechenland aus dem Euro austritt, dann wäre ihr Geschäft am Ende.

Ich habe Syriza gewählt, denn ich habe nicht daran geglaubt, dass Griechenland aus dem Euro verstoßen worden wäre. Was mir an dieser Partei gefällt, ist, dass sie für die Menschen handelt und nicht nur die Märkte im Blick hat. Natürlich bin ich für Sparen und dafür, dass die Griechen ihre Steuern zahlen. Aber ich glaube nicht, dass wir nur sparen können, das zerstört Griechenland."

12:37 Uhr Sparprogramme sind "fiscal waterboarding"

Eine neue griechische Regierung kann mit zwei Argumenten in die Verhandlungen mit Brüssel, Berlin und Frankfurt einsteigen, sagt der griechische Ökonom Yanis Varoufakis. Zum einen ist da der Wahlerfolg von Syriza. Wird der Sparkurs wie bisher weitergefahren, wird Syriza bei den nächsten Wahlen noch stärker sein - und eine von ihr geführte Regierung könnte einen Stopp der Rückzahlungen oder gar einen Euro-Austritt provozieren.

Die bisherigen Sparprogramme haben nicht funktioniert, sagt Varoufakis, der in diesem Zusammenhang gerne auch mal von "fiscal waterboarding" spricht - das Sparprogramm als Folter. Sie ließen Wirtschaftsleistung und Steuerzahlungen radikal einbrechen.

Die Pläne der Troika seien damit hinfällig. Er rechnet nun mit einem dritten Rettungspaket für Griechenland, das dem Staat mehr Zeit geben soll. Er warnt jedoch davor, einfach ein neues milliardenschweres Hilfspaket aufzulegen. "Es bringt nichts, schlechtem Geld gutes hinterher zu werfen", sagt er. Das sei ein Schneeballsystem.

Stattdessen spricht er sich dafür aus, den griechischen Banken direkt zu helfen, die einen Großteil der Staatsschulden halten. Zudem müssten Schulden in der Euro-Zone zu einem gewissen Punkt vergemeinschaftet werden, dazu brauche es ein echtes Investitionsprogramm für mehr Wachstum.

12:24 Uhr Samaras will über Lockerungen verhandeln - Berlin reagiert ablehnend

Samaras geht auf Konfrontationskurs. Er wolle mit den internationalen Kreditgebern über eine Lockerung der Sparauflagen verhandeln, um weitere Härten vom griechischen Volk abzuhalten, zitiert die Agentur Reuters den Wahlsieger.

Die Aussage passt zu Samaras' Terminplan: Nachdem er von Präsident Papoulias den Auftrag zur Regierungsbildung erhalten hat, will er sich zunächst mit Alexis Tsipras von der radikalen Linkspartei Syriza beraten. Syriza lehnt den Sparkurs strikt ab - eine Zusammenarbeit mit Nea Dimokratia ist deshalb unwahrscheinlich. Samaras muss aber Entgegenkommen signalisieren, um die Sozialisten der Pasok-Partei nicht zu verprellen, die für eine Beteiligung Syrizas geworben hatten.

Die Bundesregierung reagiert mit einem Machtwort auf die Debatte um Lockerungen des Sparprogramms: "Es ist jetzt nicht die Zeit für irgendwelche Rabatte", sagte ein Regierungsvertreter. Es gelte, was vereinbart worden sei.

Ähnlich hatte sich zuvor EU-Haushaltskommissar Janusz Lewandowski im Handelsblatt geäußert: "Wir wollen helfen und Griechenland in der Euro-Zone halten. Aber wir haben schon äußerste Flexibilität angewandt gegenüber Athen."

12:10 Uhr Gewinne schmilzen - nur in Athen geht die Party weiter

An der deutschen Börse schmilzen die morgendlichen Gewinne zusammen. Zur Mittagszeit liegt der Dax nur noch mit 0,7 Prozent im Plus. Die Erleichterung der Investoren über den Wahlsieg der Spar-Befürworter in Griechenland währt also nur kurz. In Athen allerdings wird nach wie vor gefeiert: Dort liegt der Aktienmarkt noch mit mehr als fünf Prozent im Plus. Der Euro verliert unterdessen fast ein Prozent und notiert derzeit bei 1,2639 Dollar.

12:06 Uhr Verwirrung um Westerwelle-Statement

Bekommt Griechenland mehr Zeit für das Erreichen seiner Sparziele? Außenminister Westerwelle hatte das am Montagmorgen im Deutschlandfunk angedeutet: Es habe Verzögerungen bei der Umsetzung gegeben, sagte der FDP-Politiker. "Wir sind bereit, über den Zeitplan zu reden."

In Berlin sorgte das offenbar für Irritationen. Die Nachrichtenagentur Reuters zitierte kurz darauf einen anonymen Regierungsvertreter, der beklagte, die "Äußerungen Westerwelles sind nicht abgestimmt". Der Zeitrahmen werde nicht geändert.

Später legte Westerwelle nach: Er habe sich mehrfach mit Kanzlerin Merkel abgestimmt. Sie seien sich einig, dass es bei der Umsetzung der griechischen Reformen Verzögerungen gegeben habe. Die Troika der Gläubiger aus Internationalem Währungsfonds, Europäischer Zentralbank und Europäischer Union solle dies untersuchen.

11:55 Uhr Spanien und Italien rücken in den Fokus der Märkte

Europa hat nur mal kurz Luft geholt, prompt geht es weiter mit der Krise. Die Spanier profitieren nicht von der leichten Entspannung in Griechenland. Die Renditen für die Anleihen des Landes schnellten erneut über die Marke von sieben Prozent. Damit wächst das Risiko, dass Spanien nun doch ganz unter den Rettungsschirm der EU muss, da Zinssätze in dieser Höhe langfristig als nicht tragbar gelten.

Auch in Italien schnellten die Renditen nach oben: Dort kletterten sie über die Schwelle von sechs Prozent. Ungeachtet der Entwicklungen in Athen blieben die strukturellen und konjunkturellen Probleme der übrigen Krisenländer bestehen, warnen Analysten. Exemplarisch sei hier Ralf Umlauf zitiert, Anleihe-Experte der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba): "Eine schnelle Lösung der europäischen Probleme ist nicht in Sicht und der EU-Gipfel Ende Juni wird vermutlich noch nicht die Wende in dieser Krise mit sich bringen."

Entziehen die Märkte den beiden Schwergewichten Spanien und Italien das Vertrauen, wird es für die Regierungen immer schwieriger, neues Kapital zur Finanzierung der Staatshaushalte aufzunehmen. Die bisherigen Rettungsschirme gelten aber für umfangreiche Hilfen an diese Länder als zu klein. Spanien soll bereits bis zu 100 Milliarden Euro Kredite zur Stützung seiner Banken erhalten.

11:22 Uhr "Die Feier ist schon wieder vorbei"

"Ja, aber" ist auch die herrschende Meinung in den Kommentarspalten der Online-Medien. "Europas zweite Chance" titelt Spiegel Online und führt aus: "Griechenland hat gewählt, aber Europa ist damit noch lange nicht gerettet."

Bei Bild.de heißt es einerseits "Die Welt atmet auf", andererseits kommentiert Nikolaus Blome: "Am Morgen danach ist nur eines klar: Das quälende Gewürge wird weitergehen."

Das Handelsblatt konzentriert sich auf die Reaktion der Märkte und schlagzeilt: "Die Feier ist schon wieder vorbei". Die "Erleichterung über die Griechenwahl verpufft", mahnt auch die Financial Times. Und der Londoner Guardian meldet: "Wahl in Griechenland schafft es nicht, die Ängste der Eurozone zu beruhigen."

11:15 Uhr "Ich bin sehr erleichtert"

Noch eine Stimme, eingeholt vom Kollegen Kuhn: Theodore Couloumbis, Professor für internationale Beziehungen an der Universität Athen, bewertet den Wahlausgang positiv: "Ich bin sehr erleichtert. Die Bürger hatten die Wahl zwischen einer schlimmen Gegenwart und einer schmerzhaften Zukunft auf der einen Seite, und einer schlimmen Gegenwart und katastrophalen Zukunft auf der anderen Seite."

Er rechnet damit, dass eine schnelle Regierungsbildung erfolgen und Athen sich mit der Troika einigen wird. "In den nächsten Monaten wird es eine Art Waffenstillstand zwischen den Regierung und Opposition geben, ab Herbst wird sich dann zeigen, ob die Umsetzung angekündigter Sparmaßnahmen erfolgt und die Menschen wieder auf die Straße bringt."

11:06 Uhr "Wenn Deutschland Europa erhalten will, wird Griechenland überleben"

Der Kollege Johannes Kuhn spricht für eine Wahl-Analyse mit griechischen Experten über das Ergebnis. Hier vorab die Einschätzung von Nikos Xydakis, Chefredakteur der griechischen Zeitung Kathimerini, der die Zukunft seines Landes weiterhin gefährdet sieht: "Die Griechen wollen, dass die neue Regierung sie rettet. Doch das ist viel verlangt, denn die Regierung wird stark von der Troika abhängig sein."

Am Ende liege der Schlüssel zur Lösung in Berlin: "Wenn Deutschland Europa erhalten will, wird Griechenland in der Euro-Zone überleben. Wenn nicht, dann wird Griechenland in wenigen Monaten die Euro-Zone verlassen und das politische Gleichgewicht in Europa kippen. Ich sehe leider weder finanzielle Bereitschaft, noch den politischen Willen, das Europa Griechenland retten möchte."

10:55 Uhr Spanische Renditen überlagern Dax-Entwicklung

Ach, die Märkte. Bei genauerem Hinsehen gibt es doch nicht nur positive Reaktionen auf das Wahlergebnis. Die Zinsen auf spanische Anleihen sind gestiegen, die Renditen für zehnjährige Kredite liegen nun bei mehr als sieben Prozent. Das ist enorm hoch und auf Dauer für den Staat nicht zu bezahlen.

Nach einem anfänglichen Anstieg bis auf 6316 Punkte schmolzen die Gewinne im Dax auf 0,31 Prozent und 6248,95 Punkte zusammen. Zwischenzeitlich lag der Leitindex sogar minimal im Minus. Offensichtlich hat sich die Meinung vieler Politiker, der Euro habe einen Schritt aus der Krise gemacht, an den Börsen nicht durchgesetzt.

10:48 Uhr "Ich bin absolut überzeugt, dass dies den Euro stärkt"

Weitere Reaktionen aus der Rubrik "Ja, aber": Der italienische Ministerpräsident Mario Monti sagte, der Sieg der Konservativen in Griechenland sei gut für die Zukunft Europas und der Eurozone. Jetzt müsse jedoch schnell eine Regierung gebildet werden.

Ähnlich äußerte sich sein spanischer Kollege Mariano Rajoy: "Ich bin absolut überzeugt, dass dies den Euro stärkt." Jetzt sei es an der Zeit, eine Botschaft des Vertrauens in den Euro zu senden.

10:37 Uhr Vorläufiges amtliches Endergebnis im Überblick

Der griechische Interims-Innenminister Antonis Manitakis hat das vorläufige amtliche Endergebnis der Wahl bekanntgegeben. Hier im Überblick:

Nea Dimokratia (Konservative): 29,66 Prozent, 129 Sitze; Syriza (Radikale Linke): 26,89 Prozent, 71 Sitze; Pasok (Sozialisten): 12,28 Prozent, 33 Sitze; Unabhängige Griechen (AE): 7,51 Prozent, 20 Sitze; Goldene Morgenröte (Rechtsradikale): 6,92 Prozent, 18 Sitze; Demokratische Linke (Dimar): 6,26 Prozent, 17 Sitze; Kommunistische Partei (KKE): 4,50 Prozent, 12 Sitze.

10:04 Uhr Finanzmarkt reagiert positiv

Erleichterung auch an den Börsen dieser Welt: Alle wichtigen Indizes können am Montagmorgen Kursgewinne verbuchen. Der Dax startete mit einem Plus von 1,4 Prozent in die Woche. Die Leitindizes in Paris, Madrid und Mailand gewannen zwischen einem und 1,8 Prozent dazu. Auch die asiatischen Börsen legten deutlich zu. Der Nikkei-Index in Tokio schloss 1,8 Prozent im Plus bei 8721 Punkten. Auch in Hongkong und Südkorea verzeichneten die Aktienmärkte Gewinne.

09:33 Uhr Erleichterung in aller Welt

Im Ausland rief das Ergebnis keine Freudensprünge hervor, wohl aber Erleichterung. Kein Wunder: Zwar werden die Konservativen und Wahlsieger Antonis Samaras dafür mitverantwortlich gemacht, dass Griechenland überhaupt so tief in die Krise rutschen konnte. Doch ein Sieg der radikalen Linken hätte unabsehbare Folgen gehabt und die Euro-Krise womöglich deutlich verschlimmert. "Griechenlands Position in Europa wird nicht mehr gefährdet sein", sagte Samaras in Athen.

So sprach Bundeskanzlerin Merkel dann auch von einem "guten Wahlergebnis" - mahnte aber zugleich die Einhaltung der "europäischen Verpflichtungen" an. Außenminister Westerwelle bot Griechenland Aufschub bei der Umsetzung des Sparprogramms an. "Ich kann mir gut vorstellen, über Zeitachsen noch einmal zu reden", sagte Westerwelle am Sonntagabend in der ARD. Am Weg der Reformen führe aber " kein Weg vorbei".

Viele Reaktionen folgten diesem Ja-aber-Prinzip (hier eine Übersicht). Zu viel Euphorie wollte niemand verbreiten. Der Weg ist noch lang, der Reformbedarf noch immer gewaltig. Gelingt die Koalitionsbildung, reist anschließend die Troika aus EU, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds nach Athen, um die Fortschritte zu prüfen. Erst dann fließen weitere Rettungsmilliarden nach Griechenland.

09:00 Uhr Griechenland wählt proeuropäisch

Liebe Leser, willkommen zum SZ-Griechenland-Liveblog. An dieser Stelle werden wir Sie über die Nachwehen der Wahl informieren, die am Sonntag zwar ohne klaren Sieger blieb, der konservativen Partei Nea Dimokratia (ND) aber die meisten Stimmen brachte.

Für die Pro-Europäer ist das eine gute Nachricht: ND-Parteichef Samaras will dem Euro und dem Sparkurs treubleiben. Die Konkurrenz von Syriza, dem "Bündnis der radikalen Linken", wurde nur zweitstärkste Kraft. Ihr Vorsitzender Tsipras hatte angekündigt, das Rettungspaket für Griechenland im Falle eines Sieges neu verhandeln zu wollen. Nach der Wahl erklärte er, in die Opposition gehen zu wollen.

Die Frage ist: Mit wem regiert Samaras? Vermutlich mit den Sozialisten von Pasok, die aber Bedingungen stellen wollen. Zunächst muss der ND-Chef sich ohnehin den offiziellen Auftrag des Staatspräsidenten Karolos Papoulias abholen, eine Regierung zu bilden. Das Treffen der Politiker ist für den frühen Nachmittag anberaumt. Dann hat Samaras drei Tage Zeit, eine Lösung zu finden.