Bundestagswahl Es riecht nach Schwarz-Grün in Berlin

Bundeskanzlerin Angela Merkel zwischen Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) und Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen)

(Foto: picture alliance / dpa)

Ein solches Bündnis wünschen sich derzeit mehr Menschen als eine vierte Amtszeit der Kanzlerin. Für sie wäre Schwarz-Grün ein Vitalisierungsprogramm - und selbst für die SPD böte es eine Chance.

Kommentar von Heribert Prantl

Die Gerüche des Sommers sind mannigfach: Es riecht nach Salzwasser, Sonnenmilch und frisch gemähtem Gras; nach Chlor im Schwimmbad, nach Holzkohlengrill und Pommes frites.

In diesem Jahr riecht der Sommer auch nach Schwarz-Grün. Das ist ein politischer Geruch: Wenn man den Umfragen glaubt, empfinden ihn viele Menschen als frisch und fruchtig, obwohl der Duftbaron, der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann, schon ein älterer und etwas umständlicher Herr ist. Die Zustimmung zu Schwarz-Grün im Bund ist derzeit höher als die zu einer vierten Kanzlerschaft von Merkel; Schwarz-Grün wäre also auch ein Vitalisierungsprogramm für Merkel.

Grün ist nicht mehr so grün wie früher

Soeben hat sie sich mit dem grünen Kretschmann getroffen. Es wird auch darum gegangen sein, ob aus dem schwäbischen Duftbaron ein Bundespräsident werden könnte. Es wäre dies ein Signal; in einem Jahr sind Bundestagswahlen. Es riecht nach Schwarz-Grün, trotz aktueller Hakeleien etwa in der Steuerpolitik. In Hessen regiert Schwarz-Grün seit zweieinhalb Jahren, in Baden-Württemberg seit drei Monaten, und in Sachsen-Anhalt sind Schwarz und Grün Teil einer Dreierkoalition mit der SPD.

Es liegen nicht mehr Welten zwischen Schwarz und Grün. Schwarz ist nicht so schwarz wie früher; schon der Atomausstieg Merkels wurde als Einstieg in ein Bündnis mit den Grünen empfunden. Grün ist nicht mehr so grün wie früher; das Engagement der Spitzengrünen für Minderheiten hat nachgelassen, das militärische Engagement der Spitzengrünen hat zugenommen; oft ist man dankbar dafür, dass im Außenministerium in Frank-Walter Steinmeier ein Sozialdemokrat aus der Schule von Brandt sitzt, nicht ein beflissen-bellizistischer grüner Gaudibursch.

Was liegt eigentlich noch zwischen Schwarz und Grün? Nicht mehr die Atompolitik, nicht mehr die Außenpolitik. Zwischen Schwarz und Grün liegen vor allem die Basis der Grünen und die CSU. Der grünen Basis wäre ein rot-rot-grünes Bündnis viel lieber. Und die CSU hält selbst das schon entchlorophyllierte Grün der Grünen noch für ein Giftgrün. Aber immerhin verstehen sich CSU-Chef Seehofer und Kretschmann ausgezeichnet. Wenn die CSU einerseits Kretschmann akzeptiert und andererseits AfD-mäßige Politik macht, könnte ein Seehofer das für ausgewogene Politik halten.

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Es riecht nach Schwarz-Grün. Merkel hätte dann ein weiteres Alleinstellungsmerkmal: Noch nie in der Bundesrepublik hat ein Kanzler in drei verschiedenfarbigen Bündnissen regiert - Schwarz-Rot, Schwarz-Gelb, Schwarz-Grün.

Gewiss: Die CDU hätte bei Schwarz-Grün im Bund womöglich noch mehr Probleme mit der AfD; aber in einem Baden-Württemberg ohne Kretschmann hätte Schwarz wieder Oberwasser. Deutschland insgesamt hätte wieder eine starke Opposition - die SPD hätte in der Opposition die Chance, wieder unterscheidbar, links und stärker zu werden. Das bedeutet: Mit gewisser Wahrscheinlichkeit führt ein Weg zu Rot-Rot-Grün über Schwarz-Grün. Das könnte ein Gedanke sein, der die grüne Basis besänftigt.

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