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Klimaschutz:Und die Erwachsenen ändern nichts

An diesem Freitag demonstrieren Schüler wieder für Klimaschutz. Lehrer, Eltern und Politiker klatschen Beifall, aber sie halten an ihrem Konsumverhalten fest. Das ist eine Kapitulationserklärung.

Wenn am Freitag wieder Tausende Schüler gegen den Klimawandel protestieren, ist eines garantiert: der Applaus. Trotz aller Sympathie erinnert einen die Begeisterung für die Freitags-für-die-Zukunft-Demos und ihre Leitfigur Greta Thunberg inzwischen an die Epoche der Kinderkreuzzüge.

Der losen Überlieferung nach sollen hierzulande die Menschen im frühen 13. Jahrhundert Jungen und Mädchen zugejubelt haben, die sich, einige mit rostigen Spießen und schartigen Schwertern, vor den Kirchen und Kathedralen versammelten. Angeblich unter Führung von Figuren wie dem siebenjährigen "Nikolaus von Köln" wollten die Kinder erreichen, was die Erwachsenen nicht geschafft hatten: den Christen die Herrschaft über Jerusalem sichern. Dort, im Heiligen Land, hatte Sultan Saladin die Kreuzritterheere gerade vernichtend geschlagen.

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Sie gehen auf der Straße statt in die Schule: Die Kanzlerin unterstützt, dass Schüler "für den Klimaschutz kämpfen". Sie hat aber auch eine Bitte an die Demonstranten.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Die 16-jährige Greta Thunberg ist kein moderner Nikolaus von Köln, die demonstrierenden Schüler sind keine Kreuzzügler. Sie tun das Richtige. Sie machen den Mund auf, üben Druck aus, treten mit der Forderung nach Schutz der Natur für Anliegen ein, die über ihre Zukunft entscheiden.

Jugendliche haben sich immer aufgelehnt, bei Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg, im Streit um die Nato-Nachrüstung, auf Ostermärschen, Kirchentagen. Der sich rasant beschleunigende Klimawandel ist mindestens so existenzbedrohend wie die Atomrüstung, deshalb haben die Schüler jedes Recht, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zum radikalen Umsteuern aufzufordern. Ob sie in oder außerhalb der Schulzeit demonstrieren, ist nebensächlich; wenn die Jugendlichen es ernst meinen, wird es ihnen den ein oder anderen Verweis wert sein.

Was wirklich irritiert, ist das kindliche Verhalten der Erwachsenen. Die ähneln dem Volk auf den mittelalterlichen Marktplätzen, welches die opferbereiten Jungen und Mädchen feierte, obwohl es um deren völlige Wehrlosigkeit wusste. Ähnlich wie diese Gaffer verhalten sich Eltern, Lehrer, Journalisten, Politiker, ja sogar die Kanzlerin. Alle loben und betwittern die Kampfbereitschaft von acht- bis 18-Jährigen. Dass die Jungen mit ihrem Protest nichts ändern werden am Abschmelzen der Gletscher und dem Ansteigen der Meere, weiß jeder. Es stört aber keinen.

Moralisch sind die Schüler im Recht; wer ihnen lautstark recht gibt, steht daher moralisch ebenfalls auf festem Grund. Und der fröhliche Happening-Charakter der Freitagsproteste erweckt den Eindruck, als ob sich politisch etwas bewege, während sich in Wahrheit nur ein fernsehgerechtes Event abspult. Zumal, wenn Greta Thunberg mit ihrem roten Anorak und der grauen Wollmütze auftaucht, Schwedens Jeanne d'Arc des Klimaschutzes.

Die Jugendlichen werden hintergangen von Eltern, Lehrern und Politikern

Wirkungsvoller, aber anstrengender wäre es, wenn die Eltern ihr Konsumverhalten änderten und selbst auf die Straße gingen gegen einen Klimawandel, den sie mit der Nutzung von Plastik, SUVs und Urlaubsflügen mit verantworten. Demos in der Arbeitszeit, bei vollem Lohnausfall, das wäre politisch eindeutig. So würde der gesellschaftliche Druck entstehen, den Bürger und Wähler in einer Demokratie aufbauen können. Daher die unschickliche Frage: Wem dient es, die Verantwortung für ein umfassendes Versagen auf Heranwachsende abzuwälzen?

Jeder weiß, dass der Klimawandel ein Jahrhundertproblem ist, das die gesamte Menschheit betrifft. Worauf es ankommt, ist das Verhalten Einzelner, aber noch mehr das Verhalten von Staaten und Konzernen. Es geht um Wohlstand, Entwicklung, Gesundheit, Arbeitsplätze, ums nackte Überleben. Angesichts solcher Komplexitäten ist das Beifallklatschen bequem. Ja, die Kinder schwänzen Schule, aber das Leben läuft bequem weiter.

Wollte man böse sein, spräche man von Helikoptermüttern und Vorbildvätern, die ihren Kindern, während diese Umweltparolen rufen, die Pausenbox mit den Brötchen und Obstschnitten reichen. Und was die Lehrer angeht, die das Schulschwänzen "solidarisch" unterstützen und den Protest zum Teil des Curriculums machen: Wollen sie beweisen, dass in ihrem Unterricht der aufrechte Gang geübt, die Zivilgesellschaft begründet wird?

Schließlich Angela Merkel. Für die will man sich fast fremdschämen. Als Kanzlerin sollte sie das Problem benennen, angehen, dem Bürger sagen, dass der Klimawandel nur noch aufzuhalten ist mit rigiden Gesetzesänderungen in Deutschland und in jahrelanger, zäher Kärrnerarbeit auf internationalen Gipfeltreffen. Aber lieber lobt sie den Umweltstreik als "sehr gute Initiative", die den "Rückhalt in der Gesellschaft" schafft für die Durchsetzung der Klimaschutzmaßnahmen - die sie nicht durchsetzen kann.

Der folgenfreie Jubel über die Schülerproteste ist die Kapitulationserklärung des Politischen, moralisch vorbildlich und doch nur Lückenbüßer für politisches Handeln. Zugespitzt gesagt: Die Schüler werden von Politikern, Lehrern und Eltern hintergangen.

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