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"Fridays for Future":"Die Klimakrise macht auch in der Corona-Pandemie keine Pause"

Protest mit Abstand: Der siebte globale Klimastreik in Bonn.

Protest mit Abstand: Der siebte globale Klimastreik in Bonn.

(Foto: THILO SCHMUELGEN/REUTERS)

Die Aktivistin Carla Reemtsma und ihre Mitstreiter von "Fridays for Future" rufen zum siebten globalen Klimastreik auf. Trotz sinkender Emissionen mache Corona im Kampf gegen die Klimakrise gar nichts besser, mahnt sie.

Interview von Jean-Marie Magro

Der siebte globale Klimastreik hat wenig mit den ersten Streiks im Jahr 2019 zu tun. Damals standen Schülerinnen, Schüler und Studierende, die sich in der "Fridays for Future"-Bewegung engagierten, noch dicht gedrängt auf der Straße und skandierten Parolen wie "Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Zukunft klaut!".

Das Programm an diesem Freitag ist wesentlich übersichtlicher. Zwar nehmen auch in Deutschland immer noch junge Menschen aus mehr als 200 Städten am Streik teil, doch die Aktionen seien "kreativer", sagt Carla Reemtsma, Sprecherin der "Fridays for Future"-Bewegung, im SZ-Podcast "Auf den Punkt", zu hören an diesem Freitag ab 17 Uhr.

SZ: Frau Reemtsma, Ihre Demonstrationen sehen anders aus, die Botschaft bleibt aber selbst nach einem Jahr Pandemie die gleiche?

Carla Reemtsma: Die Klimakrise macht auch in der Corona-Pandemie keine Pause. Auch wenn einige Leute jetzt behaupten, Corona sei gut fürs Klima. Das stimmt einfach nicht. Wir stoßen jetzt schon wieder mehr Emissionen aus als vor einem Jahr, also vor der Pandemie. Und die Klimakrise und ihre Folgen verschlimmern sich mit jedem Tag, an dem wir keine Maßnahmen zur Emissionsreduktion ergreifen und konsequent einen Weg zu einer klimagerechteren Gesellschaft einleiten. Dementsprechend fordern wir von Politikern und Parteien immer noch Maßnahmen zur Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels ein.

Jetzt ist es so, dass im Laufe dieser Pandemie einige Menschen schon ihren Job, ihr Unternehmen, ihre Existenz verloren haben. Und nun wollen Sie denen mit Klimaschutz kommen.

Diese Erzählungen, von wegen Klimaschutz sei schlecht für die Wirtschaft, sind grundsätzlich falsch. Das ist eine Frage dessen, wie man Klimaschutzmaßnahmen ausgestaltet, und im Zweifelsfall ist Klimaschutz vor allen Dingen die wichtigste Weiche, um auch die Zukunftsfähigkeit einer Volkswirtschaft langfristig zu garantieren. Ein gutes Beispiel dafür ist zum Beispiel die Automobilindustrie. Und wenn wir es nicht schaffen, in Deutschland die Weichen zu stellen, dass wir eben wegkommen von immer größeren, schwereren, emissionsintensiveren Autos, dann wird die Autoindustrie keine Zukunft mehr haben.

Denn viele, viele Länder, in die Deutschland gerade massiv exportiert, beschließen jetzt Verbrennerverbote. Das heißt, der Markt für genau diese Autos, die die deutschen Hersteller produzieren, wird einfach verschwinden. Und da ist es auch eine Frage von zukunftsfähiger Wirtschaft zu sagen: Wir nehmen Klimaschutz ernst.

Die Automobilindustrie hat im vergangenen Jahr trotz Corona-Krise Milliardengewinne eingefahren. Aber die Menschen, die ihre Existenz verloren, hatten davor eine Gastronomie oder einen Friseursalon betrieben. Und dann haben die natürlich Angst, dass jetzt zum Beispiel der Strom teurer wird und sie mit Geld bezahlen müssen, das sie gerade eben nicht haben.

Wenn wir es wirklich schaffen, eine konsequente Energiewende umzusetzen, wird Strom im Endeffekt günstiger. Erneuerbare Energien sind der günstigste Strom, den wir haben können. Dafür müssen wir keine Ressourcen irgendwo tief im Boden versteckt ausgraben und in die Luft pusten, sondern eigentlich kann genau der Umstieg auf erneuerbare Energien langfristig Strompreise senken.

In den vergangenen Monaten fiel immer wieder der Satz: Eigentlich sollte die Bundesregierung bei der Klimakrise doch genauso vorgehen wie bei der Corona-Pandemie. Würden Sie das jetzt noch immer sagen, jetzt, wo das Management dieser Krise so in der Kritik steht?

Ich glaube zuallererst, dass sich die zwei Krisen nicht so einfach vergleichen lassen. Wenn man sagt, man hätte genauso agieren sollen, dann erweckt das schnell den Anschein, man sollte massenhaft Freiheitseinschränkungen verhängen, um die Klimakrise einzudämmen. Das ist faktisch falsch.

Wir werden die Klimakrise nicht dadurch lösen, dass Menschen massenhaft zu Hause bleiben, weil sie nicht ihrer Arbeit nachgehen dürfen, weil sie nicht zur Schule können und sich möglichst wenig bewegen sollen. Bei der Klimakrise steht uns eine gesamtgesellschaftliche Transformation in allen Sektoren und Lebensbereichen vor.

Die beiden Krisen unterscheiden sich auch deshalb, weil wir ganz andere wissenschaftliche Erkenntnisse haben. Täglich gibt es Studien zum Coronavirus und damit entstehen neue Entscheidungsgrundlagen. Hinsichtlich der Klimakrise werden seit vier, fünf Jahrzehnten wissenschaftliche Erkenntnisse gesammelt, und darauf können wir unsere Politik aufbauen. Ein platter Vergleich macht die Sache ein bisschen zu einfach.

Aber es geht ja um Entschlossenheit.

Ja, und an der mangelt es definitiv bei der Bekämpfung der Klimakrise. Nicht erst seit ein paar Jahren, sondern schon seit Jahrzehnten. Wir wissen seit Jahrzehnten, dass die Klimakrise kommen wird und dramatische Folgen hat. Es gibt seit den 90er-Jahren internationale Abkommen, in denen sich Staaten verpflichten, mehr Klimaschutz umzusetzen. Was daraufhin passierte, war, dass die Emissionen jedes Jahr weiter gestiegen sind.

Wir sehen also, es mangelt genau an der Umsetzung der politischen Versprechen, die man macht. Das ist vielleicht ein bisschen ähnlich zur akuten Situation der Corona-Pandemie. Bei der Klimakrise wollen wir eben genau so einen Kontrollverlust verhindern durch eine präventive Politik, die alle Teile der Gesellschaft mitnimmt. Anders als in der Pandemie, in der wir schon mitten in der Krisensituation stecken und jetzt gerade sehr akut die Probleme bekämpfen müssen.

Fridays For Future - Berlin

Die 22-jährige Studentin Carla Reemtsma ist neben ihrer Cousine Luisa Neubauer eines der bekanntesten Gesichter der "Fridays-for-Future"-Bewegung.

(Foto: Jörg Carstensen/picture alliance/dpa)

Haben Sie aus dieser Krise etwas lernen können für die Bekämpfung der Klimakrise?

Ich glaube, was wir an der Pandemie stärker denn je sehen, ist, dass der Status quo eigentlich schon Krise ist. Das haben wir häufig schon vorhergesagt. Aber ich glaube, es fällt jetzt vielen, vielen Bürgerinnen und Bürgern noch mal stärker auf, dass wir eben schon ganz viele Bereiche haben, sei es der Pflegebereich, seien es bestimmte prekäre Arbeitssituationen, die Schulen, aber eben auch genau die Ursache für die Corona-Pandemie.

Diese entstand im Endeffekt aus einem sehr intensiven Verhältnis der Menschen zu ihrer Natur und Umwelt. Und ich glaube, dafür gibt es jetzt ein größeres Bewusstsein innerhalb der Bevölkerung, dass man Krisen eben nur als Ganzes angehen kann und nicht durch einzelne kleine Stellschrauben.

Als Ganzes angehen, das können so wahrscheinlich nur politische Entscheidungsträger. Haben Sie aus dieser Krise auch mitgenommen, dass es vielleicht schlau wäre, selbst am Tisch der Macht zu sitzen, damit man eben diese Entscheidungen nicht anderen überlässt?

Ich bin fest davon überzeugt, dass es Leute braucht, die für Klimagerechtigkeit und die Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels kämpfen. An allen Stellen. Das bedeutet, dass wir ambitionierte Personen innerhalb von Parteien und politischen Institutionen brauchen. Genauso brauchen wir sie aber auch auf der Straße, denn wir haben es die letzten Jahrzehnte gesehen: Es gab Parteien, die wollten Klimaschutzmaßnahmen umsetzen, konnten es aber innerhalb der Institutionen auch nicht so, wie sie es gewollt hätten. Denn die sind immer auf einen Kompromiss aus und im Zweifelsfall auch auf einen, bei dem dann doch noch stärkere Lobbygruppen mit am Tisch sitzen.

Deswegen braucht es eben auch den Druck von der Straße, um eben genau das möglich zu machen. Also, dass konsequente Entscheidungen im Bereich Klima getroffen werden, und auch um zu sagen, dass wir die Gesellschaft als Ganzes mitnehmen.

Druck ist eine Sache. Trotzdem wäre es doch vielleicht nicht die schlechteste Idee, dass man sich traut, selbst in die Politik zu gehen, um solche Entscheidungen eben selbst voranzubringen, oder nicht?

Es gibt auch Aktivisten und Leute, die das Klima bewegt, die sich entschieden haben, in Parteien zu gehen, für Stadträte, den Bundestag, Landtage zu kandidieren oder auch innerhalb einer Partei zu arbeiten. Ich glaube aber, dass das nicht ausreicht. Wir brauchen eben auch andere Wege, um diese Parteien voranzutreiben, damit sie konsequent Klimaschutz umsetzen, Programme schreiben, die 1,5-Grad-konform sind.

Das werden sie nicht aus sich heraus tun. Dafür sind die Widerstände innerhalb der Institutionen dann doch noch zu hoch. Und da braucht es genau dieses Sprachrohr, um damit auch von Politikern und Parteien einzufordern, dass die genau das machen, was sie 2015 in Paris unterschrieben haben.

Also eine Karriere in der Politik für Carla Reemtsma ist weiterhin nicht vorgesehen?

Nein.

Bei diesem Text handelt es sich um eine ungekürzte Abschrift des Interviews für den SZ-Podcast "Auf den Punkt", der am 19. März um 17 Uhr erscheint.

© SZ/liv
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