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Klimanotstand in Heidelberg:"Wer den Klimaschutz lebt, der wird attraktiv"

Eckart Würzner

Eckart Würzner, 58, ist Professor für Umweltmanagement und seit 2006 parteiloser Oberbürgermeister von Heidelberg.

(Foto: Steffen Diemer / oh)

Heidelberg war eine der ersten Städte in Deutschland, die den Klimanotstand ausriefen. Oberbürgermeister Würzner erklärt, warum das notwendig wurde.

Berlin hat jüngst als erstes Bundesland die "Klimanotlage" ausgerufen, zuvor die Europäische Union eine "climate emergency". Was verbirgt sich hinter diesen Beschlüssen und was bewirken sie? Eckart Würzner, 58, ist Professor für Umweltmanagement und seit 2006 parteiloser Oberbürgermeister der Stadt Heidelberg. Seit Jahren engagiert er sich für den Umbau der Stadt, um Kohlendioxid-Emissionen zu senken. Er ist Präsident von Energy Cities, einem Zusammenschluss europäischer Städte, die sich strenge Klimaschutz-Ziele geben. Als zweite von inzwischen mehr als 50 Kommunen in Deutschland hatte Heidelberg im Mai den "Klimanotstand" verkündet.

SZ: Herr Würzner, Kritiker stoßen sich an dem Wort "Notstand". Es erinnert sie an die Notverordnungen in der Weimarer Republik oder an die Notstandsgesetze 1968, die jeweils demokratische Prozesse außer Kraft setzen sollten.

Eckart Würzner: Aus der Wissenschaft kommt die Erkenntnis: Wir haben großen Handlungsdruck, deshalb haben wir eine "climate emergency". Die Übersetzung ins Deutsche ist etwas schwierig, doch die Frage bleibt: Wie können wir wachrütteln? Wir befinden uns nicht auf einer normalen, politisch-programmatischen Ebene, sondern es ist fünf vor zwölf oder eigentlich schon drei nach zwölf. Dabei kam der Begriff Klimanotstand heraus. Wir müssen jetzt handeln. International, europäisch, national. Auf der Ebene der Städte haben wir über die Energy Cities oder über das Klimaschutz-Städtenetzwerk C40 vieles geschafft. Wir sind jetzt 9600 Städte, die weit über das Pariser Klimaabkommen hinaus eine Vorreiterrolle übernehmen wollen.

Wie macht sich konkret in Heidelberg der Klimawandel bemerkbar?

Ein Beispiel: Wir hatten in den vergangenen Jahren über das Ankunftszentrum des Landes 80 000 Flüchtlinge in der Stadt. Die Menschen kamen nicht nur wegen Krieg und Vertreibung, sondern auch aus Wüstengebieten, die nicht mehr landwirtschaftlich genutzt werden können. Das wird deutlich zunehmen. Wenn wir das nicht wahrnehmen, werden wir global in eine politische Instabilität rutschen.

Was kann eine Stadt da ausrichten?

Zumindest unseren Teil zur Lösung des Problems beitragen. Wir haben den Energieverbrauch der kommunalen Liegenschaften wie Schulen oder Krankenhäuser um mehr als 50 Prozent gesenkt. Wir haben ein großes städtisches Förderprogramm für Altbausanierungen. Wir bieten eine kostenlose Energieberatung an. In Heidelberg sind Photovoltaik-Anlagen für mehr als zehn Megawatt installiert. Der Anteil der Fahrradfahrer von 33 Prozent ist bundesweit ein Spitzenwert. Das sind gewaltige Anstrengungen. Das Pro-Kopf-Aufkommen ging um 30 Prozent runter. Aber gleichzeitig ist die Stadt enorm gewachsen. Deshalb sanken die absoluten CO₂-Emissionen im Vergleich zu 1987 nur um 13 Prozent. Das ist viel mehr als andere Städte getan haben, dennoch reicht es bei Weitem nicht aus. Der Gemeinderat hat nun beschlossen, bis 2030 klimaneutral zu sein. Das heißt, wir bauen weiterhin massiv aus und um. Wir haben ein neues Holz-Heizkraftwerk für 20 Millionen Euro gebaut, zuletzt nahmen wir einen großen Wärmespeicher in Betrieb, der bei der Energiewende eine große Rolle spielt. Bis 2025 werden wir 50 Prozent grüne Fernwärme haben und gehen hier raus aus der Kohleverbrennung.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Was muss sich tun, um größere Hebel in Bewegung zu setzen?

Vor 25 Jahren habe ich den US-Wissenschaftler Amory Lovins besucht in einem Skigebiet in Colorado. In seinem Haus lebten Geckos und standen Palmen, so warm war es dort. Dennoch war das Haus hundertprozentig klimaneutral. Damals schon! Technisch ist vieles möglich. Seit zehn Jahren müssen in Heidelberg alle Neubauten auf städtischen Gründstücken klimaneutral gebaut werden.

Als bundesweiter Standard ist das längst noch nicht in Sicht.

Diese technischen Potenziale so langsam zu erschließen, ist sträflich. Das können wir uns nicht leisten. Als hoch entwickeltes Land brauchen wir einen Innovationsmotor. Das ist die größte Jobmaschine, die man anwerfen kann. Man muss erkennen, dass neue, nachhaltige Wirtschaftsformen tolle Perspektiven bieten, die man nur endlich angehen muss. Wir haben mit der Bahnstadt den europaweit größten klimaneutralen Stadtteil gebaut. Diese Fläche von mehr als 110 Hektar mussten wir allerdings als Stadt kaufen, selbst entwickeln und über eigene Verträge abwickeln. Sonst hätten wir das nicht klimaneutral hingekriegt. Baurechtlich können wir so etwas nicht einfordern. Sie müssen als Stadt quasi zum Landlord werden. Das kann nicht sein, denn viele Städte können sich das nicht leisten. Sie brauchen rechtliche Handhabe.

In Ihrem Maßnahmenkatalog sind mehrere Punkte, die sich gegen den Autoverkehr richten. Gibt es in Heidelberg keine Autofahrer-Lobby?

Auch bei uns gibt es Widerstände. Aber keiner steht gerne im Stau, viele würden dann lieber Zug fahren. Dafür muss es aber ein Angebot geben. Wenn der letzte Zug in den Odenwald um 16.30 Uhr geht, dann ist das für viele Menschen dort keine Alternative. Wir haben in Heidelberg immer noch 60 000 Einpendler mit dem Auto. Dieser Verkehr ist schwierig zu fassen, da muss man mit dem Umland kooperieren. Wir bauen Park-und-Ride-Portale, die wir als Stadt bezahlen, obwohl das nicht in unserem Gebiet liegt. Doch die kleinen Gemeinden sind dazu finanziell nicht in der Lage. Dort draußen müssen die Menschen umsteigen auf den öffentlichen Nahverkehr. Es ergibt keinen Sinn, wenn die Pendler bis kurz vor das Zentrum mit dem Auto fahren, es in den Wohngebieten parken, um für den letzten Kilometer in den Bus zu steigen.

Wärmespeicher Heidelberg

Fotomontage des neuen, 55 Meter hohen Wärmespeichers in Heidelberg. Er soll dort auch eine Aussichtsplattform und Gastronomie entstehen.

(Foto: LAVA Architekten Berlin im Auftrag der Stadtwerke Heidelberg)

Das kostet alles viel Geld. Wie finanzieren Sie das?

Wer sparen will, muss rechtzeitig in die Strukturen eingreifen. Die Green Economy ist eine Frage der Planung. Seit zehn Jahren machen wir Schulungen für Architekten, die den Passivhaus-Standard gar nicht kennen. In ihrer Ausbildung setzen sie sich nur begrenzt mit Statik und Wärmeschutz auseinander. Aber der Architekt muss die Energiebilanz mitdenken, weil alles, was später korrigiert wird, viel Geld kostet. Wir haben circa 3500 Arbeitsstellen geschaffen nur durch die Erhöhung der Altbausanierungsrate. Das ist regionale Wertschöpfung. Wer den Klimaschutz lebt, der wird attraktiv für neue Unternehmen. Und das löst neue Impulse aus. Junge, gut ausgebildete Menschen gehen dorthin, wo man positiv in die Zukunft denkt. Nicht ideologisch, nach dem Motto: "Ich will die Welt retten." Sondern mit einer Vision, wie es eine Perspektive für die nächsten Generationen geben könnte.

Dennoch warnen viele Politiker vor zu schnellem Wandel. Wie schaffen Sie es, die Menschen mitzunehmen?

Offen über Zahlen und Fakten reden. Wir hatten einen Arbeitskreis mit Handwerkern, Architekten, Baufirmen, da gab es lange Diskussionen darum, wie man etwa den Passivhaus-Standard umsetzen kann. Natürlich kommen da Argumente wie: "Kennen wir nicht, können wir nicht." Aber da liegt falsches Denken zugrunde. Man will sich ja weiterentwickeln, der Konkurrenz voraus sein. Eine Baufirma kann sich Architekten suchen, die den Energiestandard gleich einplanen wollen und können. Und schon ändert sich die Diskussion.

Eine Diskussion, in der häufig Ängste und drohender Verzicht im Mittelpunkt stehen.

In vielen Talkshows reden die Menschen nur über das, was wir nicht mehr tun dürfen. Das regt mich tierisch auf. So verunsichert man die Leute. Warum redet niemand darüber, wo die Potenziale liegen? Irgendwann muss man sicher über unseren Konsum nachdenken, aber das ist nicht der erste Schritt. Erst einmal müssen wir neue Technologien nutzen. Doch diejenigen, die Innovationen hervorbringen, müssen einen Wettbewerbsvorteil haben. Das ist das Grundproblem bei uns. Wer heute ein Wasserstoff-Auto produziert, hat keinen Vorteil. Warum soll ein Unternehmen das dann machen?

Wenn sich eine Stadt nun überlegt, den Klimanotstand auszurufen: Was sollen die Kollegen als Erstes beachten?

Die Stadt muss Eigentümer ihrer lokalen Stadtwerke und Verkehrsbetriebe sein. Nur dann kann man einen Umbau bewerkstelligen. Außerdem muss man eine Vorbildfunktion wahrnehmen. Das spielt eine enorme Rolle. Klimaschutz hat momentan viel mit Kommunikation zu tun. Wenn ein Rathaus energietechnisch schlecht isoliert ist und der Oberbürgermeister mit dem dicken Benziner vorfährt, glaubt keiner, dass er ernsthaft an dem Thema arbeitet. Man muss das auch vorleben. Wobei das nicht immer einfach ist und niemand ist unfehlbar.

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