Klimaschutz:Corona drückt die Emissionen - vorübergehend

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Treibhausgase und CO2: Rauch steigt aus Wohnhäusern auf

Seit Januar fallen Zusatzkosten fürs Heizen an, um den CO₂-Ausstoß einzudämmen.

(Foto: Jan Woitas/DPA)

Die Vereinten Nationen rechnen die Lücke zwischen Soll und Haben im Kampf gegen die Erderwärmung vor, sie hat sich nicht verkleinert. Helfen könnten aber grüne Konjunkturprogramme.

Von Michael Bauchmüller, Berlin

Die Corona-Spur ist nicht zu übersehen. Da ist eine Kurve, die geht jahre-, jahrzehntelang nach oben, stagniert mal ein paar Jahre, geht dann weiter hoch - und dann dieser Einbruch. Um sieben Prozent, so erwartet das Umweltprogramm der Vereinten Nationen, werden die globalen Kohlendioxidemissionen in diesem Jahr zurückgehen. Das passt zu den Erwartungen in Deutschland, wo die Energiestatistiker im November sogar einen Rückgang um zehn Prozent prognostizierten. Wenn Fabriken Kurzarbeit schieben, Flugzeuge am Boden bleiben und Menschen nicht mehr ins Büro fahren, dann hinterlässt das Spuren auch in den Emissionsbilanzen. Aber leider nicht bei der Erdtemperatur.

Am Mittwoch hat das UN-Umweltprogramm, kurz UNEP, in Nairobi seinen jüngsten Bericht über Soll und Haben im internationalen Klimaschutz vorgelegt. Demnach wird die Corona-Delle des Jahres 2020 die Erderwärmung nur um 0,01 Grad Celsius dämpfen. Ohne drastische Einschnitte laufe die Welt auf eine Erwärmung von über drei Grad Celsius zu. "Das bedeutet die Katastrophe", sagt UN-Generalsekretär António Guterres.

Der Bericht über die "Emissionslücke" erscheint einmal im Jahr, üblicherweise passend zur Klimakonferenz; nur fällt auch die wegen der Pandemie diesmal aus. Der Bericht zeigt auf, wie viel die bisherigen Zusagen der Staaten, sollten sie denn eingehalten werden, bis 2050 tatsächlich im Kampf gegen die Erderwärmung brächten. Und wie schon im vorigen Jahr landet die Analyse bei 3,2 Grad Celsius Erderwärmung - weit entfernt von jenen 1,5 bis zwei Grad, die sich die Staaten im Pariser Klimaabkommen als Ziel gesetzt hatten.

Aber es gibt Hoffnung. Sie stützt sich auf die vielen Konjunkturprogramme, mit denen Staaten die Corona-Krise überwinden wollen. Sollten diese Programme konsequent auf Klimaschutz, grüne Energie und saubere Mobilität ausgerichtet sein, ließen sich die Emissionen bis 2030 um ein Viertel drücken, auf jährlich 44 Gigatonnen Treibhausgase. Das würde zwar immer noch nicht reichen, um die Erderwärmung bei 1,5 Grad Celsius zu stabilisieren. Ein Erwärmungsstopp bei zwei Grad wäre aber in Reichweite, wirbt die UNEP. "Eine grüne Erholung von der Krise könnte einen großen Teil der Emissionen wegnehmen", sagt Inger Andersen, die Chefin des Umweltprogramms. Regierungen müssten die nächste Stufe ihrer Finanzhilfen daran ausrichten und ihre Klimaziele heraufstufen. Nicht zufällig kommt die Botschaft kurz vor jenem EU-Gipfel, bei dem auch die Europäer über ein höheres Klimaziel und dessen finanzielle Flankierung diskutieren.

Von dauerhaft sinkenden Emissionen ist die Welt den Zahlen zufolge derzeit weit entfernt. Vor Covid-19 stiegen die Emissionen noch, drei Jahre in Folge. So nahmen die menschengemachten Treibhausgasemissionen 2019 um 1,1 Prozent zu, auf 52,4 Gigatonnen. Den größten Anteil an diesem Zuwachs hat nach wie vor der Ausstoß von Kohlendioxid. Rechnet man hinzu, was an Kohlenstoffspeichern im Jahr 2019 zunichtegemacht wurde, etwa durch Waldbrände oder Abholzungen, gingen 59,1 Gigatonnen Treibhausgase in die Atmosphäre. Wegen der vielen Brände im trockenen Jahr 2019 war dieser Wert überdurchschnittlich. Von Schrumpfung wäre aber auch ohne die Brände keine Spur gewesen. Die kam erst 2020, durch die Pandemie.

Auch UN-Generalsekretär Guterres hat eine beunruhigende Beobachtung gemacht. Mit der Erholung der Wirtschaft stiegen auch die Emissionen nun wieder, sagt er. "Mancherorts sogar über das Niveau vor Covid."

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