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Klimapolitik:Wer aufklärt, wird vom Wähler bestraft

Und dann das Lehrstück um den Veggie Day. Die Grünen haben erfahren dürfen, wie gefährlich derlei sein kann, für Politiker. Mag ja sein, dass ein Drittel des Getreides auf der Welt inzwischen als Futter gebraucht wird, dass dafür die fürs Klima so wichtigen Regenwälder in Südamerika fallen, und der Dünger Treibhausgase freisetzt. Wer auf so etwas in seinem Wahlprogramm hinweist, ist ein Aufklärer im allerbesten Sinn - und so ehrlich und mutig, wie es von Politikern immer verlangt wird.

Er darf dann allerdings nicht mehr auf ein zweistelliges Wahlergebnis hoffen. Auch aus dem Wirbel um den Veggie Day lernt die Kanzlerin, dass es jemandem in ihrem Beruf wahrscheinlich mehr nutzt, in Brüssel gegen strenge Abgas-Auflagen für BMW und Daimler zu kämpfen, als über Fleischkonsum öffentlich auch nur nachzudenken.

In den Menschen steckt viel mehr FDP, als 95,2 Prozent der Wähler vermuten würden (Die restlichen 4,8 Prozent haben die Partei noch gewählt). Jeder, der sich die Freiheit nimmt, für 300 Meter das Auto zu besteigen oder siebenmal die Woche Fleisch zu essen, verhält sich zudem absolut rational: Diese eine Autofahrt bringt erheblichen persönlichen Komfort. Der Verzicht auf diese eine Autofahrt aber brächte dem Klima überhaupt nichts.

Die Politik müsste den Weg aus der Falle weisen - will aber nicht

Rationalitätenfalle nennen Ökonomen dies, und es wäre eigentlich Aufgabe von Politik, den Weg daraus zu weisen. Das tut sie aber nicht - weil es sich um eine Falle handelt, die im Jahr 2013 noch niemanden umbringt, die derzeit nicht einmal wirklich schmerzt und die deshalb kaum einer überhaupt als Falle wahrnimmt.

Alle wollen, dass Politik etwas gegen "die Banken" unternimmt. Aber niemand verlangt, dass dem Verbraucher beigebracht wird - mit Anreizen und, ja, auch mit Verboten -, dass er weniger verbraucht. Der Kapitalismus ist dabei, "seine eigenen Voraussetzungen zu konsumieren", wie der Soziologe Harald Welzer schreibt. Aber dieser Kapitalismus ist nicht irgendein Abstraktum; sondern Milliarden Menschen kosten ihn jeden Tag sehr konkret aus. Nur werden seine Folgen möglicherweise erst nachträglich geglaubt.

Der Klimawandel interessiert derzeit einfach nicht. Das zeigt sich auch an der Beiläufigkeit, mit der dieser Bericht nun aufgenommen worden ist. Es wird überdeutlich an Schlagzeilen, die es vor zwei, drei Jahren so nicht gab: "Die Alarmisten tönen wie immer" (Welt Online) oder "Das Erwärmungs-Orakel" (Spiegel Online) - eingeblockt in eine Großaufnahme, die den indischen Klimarats-Vorsitzenden, vor allem aber dessen Zauselfrisur zeigt.

Politiker sind letztlich nur Geschäftsleute, sie richten ihr Angebot an der Nachfrage aus. Barack Obama hat das vor einem halben Jahr sehr anschaulich formuliert, er sprach in Jerusalem, und es ging um den Nahost-Konflikt, es lässt sich aber auf jedes Thema übertragen. "Als Politiker kann ich Ihnen eines versichern", sagte der US-Präsident, "politische Führer werden keine Risiken eingehen, solange die Menschen dies nicht von ihnen verlangen."

Auch eine Rationalitätenfalle: Es wäre sehr rational, die Menschen mit den Zumutungen einer echten Klimapolitik zu konfrontieren. Ein Veggie Day? Fünf wären besser. Aber für jeden einzelnen Politiker: so was von irrational.

© SZ vom 05.10.2013/liv
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