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Klimapolitik:Wo bleiben die Zumutungen?

Volle Kraft voraus - im Braunkohlekraftwerk, ja. In der Klimapolitik, nein.

(Foto: Oliver Berg/dpa)

Einen Veggie-Tag pro Woche? Fünf wären besser. Denn ein größeres und drängenderes Problem als den Klimawandel gibt es nicht. Dass Politiker sich nicht ernsthaft trauen es anzugreifen, ist kein Wunder. Sie werden keine Risiken eingehen, solange die Menschen es nicht von ihnen verlangen.

Ein Kommentar von Detlef Esslinger

Angela Merkel hat sich in dieser Woche zu den Sondierungen mit der SPD geäußert, außerdem zur Arbeitslosigkeit in den neuen Ländern und zur Lage der Nation überhaupt. Alles Themen, an deren Bedeutung überhaupt kein Zweifel besteht und mit denen sich eine Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzende unbedingt befassen muss. Zum Bericht des Weltklimarats hat Merkel nicht gesprochen. Sie hat ihren Sprecher zwei Sätze ausrichten lassen.

In Teilen der Bürgerschaft ist über die Jahre das Vorurteil zur Gewissheit geronnen, Politiker säßen in ihren Türmen und wüssten kaum, was das Volk bekümmert, es interessiere sie auch nicht. Zu der Ansicht sind Menschen gekommen, die subjektiv allen Grund dazu haben - weil sie zum Beispiel seit Jahren Opfer von Lohndumping sind oder täglich 20 000 Autos an ihrer Haustür vorbeirauschen und für alles Geld da zu sein scheint, nur nicht für die überfällige Umgehungsstraße.

Darüber hinaus pflegen Menschen diese Ansicht, denen es zwar gut geht, die aber doch finden, dass sie es noch besser verdient hätten; und dass es nicht so komme, liege an der Politik. Das Thema Klimawandel hingegen zeigt, dass die wechselseitigen Beziehungen zwischen Politikern und Bürgern durchaus funktionieren. Allerdings auf eine Art, die man nicht unbedingt beruhigend finden muss.

Die "Energiewende" ist nicht mehr als eine Vokabel

Der Bericht, den der Weltklimarat vor einer Woche veröffentlichte, hat im Grunde nur bestätigt, was längst eine Binsenweisheit ist: dass es ein größeres Problem als den Klimawandel nicht gibt. Wenn die Gletscher des Himalaja schmelzen, geht 1,4 Milliarden Menschen in Asien das Trinkwasser aus. Wenn die Ozeane übersäuern, sterben erst Muscheln aus, dann Fische. Und wenn in Europa der Meeresspiegel steigt, müssten nicht nur 70 Millionen Küstenbewohner um ihre Heimat bangen, die Brühe würde auch Felder im heutigen Hinterland versalzen.

Jedes andere Problem ist gering dagegen. Jedes andere entscheidet nur darüber, wie Menschen ihr Zusammenleben organisieren; in einer Gemeinde, in einem Land, international. Die Klimapolitik hingegen entscheidet, wie viel an Zusammenleben eigentlich bleibt. In Umfragen erklären zwei von drei Deutschen, dass sie die Energiewende gut finden. Deshalb bekennen sich Kanzlerin und Union ja auch dazu.

Aber bisher ist Energiewende kaum mehr als eine Vokabel, bisher glauben viele Bürger, dazu brauche es nur ein paar Windräder draußen auf See und einen Umweltminister, der die dazugehörigen Stromtrassen so plant, dass keiner sie sieht. Was aber, sobald es konkret wird und die Selbstverständlichkeiten des Alltags infrage gestellt werden?

Man muss nur ein paar zufällige, willkürliche Beobachtungen zusammenfügen. Bitburg, Kleinstadt in der Eifel, 13 000 Einwohner. Die Bürger protestieren gerade gegen ihren Stadtrat, weil der fürs Zentrum einen Einbahnstraßen-Ring beschlossen hat. Sie beklagen, dass sie nun einen Kilometer fahren müssen, wenn sie zu einem Geschäft möchten, das 300 Meter entfernt ist, aber in der entgegengesetzten Richtung.

Die eigentlich naheliegende Frage fällt niemandem ein: Wieso braucht es für eine solche Strecke ein Auto? Bergisch Gladbach, östlich von Köln. Die Jungen Liberalen bauten dort im Wahlkampf einen Pavillon auf, ihre Themen waren: Freie Fahrt für freie Bürger, und Heizpilze und Plastiktüten sollen erlaubt bleiben. Borniert? Wer jetzt "Typisch FDP" denkt, geht bestimmt immer mit dem Stoffbeutel zum Einkaufen.

Wer aufklärt, wird vom Wähler bestraft

Und dann das Lehrstück um den Veggie Day. Die Grünen haben erfahren dürfen, wie gefährlich derlei sein kann, für Politiker. Mag ja sein, dass ein Drittel des Getreides auf der Welt inzwischen als Futter gebraucht wird, dass dafür die fürs Klima so wichtigen Regenwälder in Südamerika fallen, und der Dünger Treibhausgase freisetzt. Wer auf so etwas in seinem Wahlprogramm hinweist, ist ein Aufklärer im allerbesten Sinn - und so ehrlich und mutig, wie es von Politikern immer verlangt wird.

Er darf dann allerdings nicht mehr auf ein zweistelliges Wahlergebnis hoffen. Auch aus dem Wirbel um den Veggie Day lernt die Kanzlerin, dass es jemandem in ihrem Beruf wahrscheinlich mehr nutzt, in Brüssel gegen strenge Abgas-Auflagen für BMW und Daimler zu kämpfen, als über Fleischkonsum öffentlich auch nur nachzudenken.

In den Menschen steckt viel mehr FDP, als 95,2 Prozent der Wähler vermuten würden (Die restlichen 4,8 Prozent haben die Partei noch gewählt). Jeder, der sich die Freiheit nimmt, für 300 Meter das Auto zu besteigen oder siebenmal die Woche Fleisch zu essen, verhält sich zudem absolut rational: Diese eine Autofahrt bringt erheblichen persönlichen Komfort. Der Verzicht auf diese eine Autofahrt aber brächte dem Klima überhaupt nichts.

Die Politik müsste den Weg aus der Falle weisen - will aber nicht

Rationalitätenfalle nennen Ökonomen dies, und es wäre eigentlich Aufgabe von Politik, den Weg daraus zu weisen. Das tut sie aber nicht - weil es sich um eine Falle handelt, die im Jahr 2013 noch niemanden umbringt, die derzeit nicht einmal wirklich schmerzt und die deshalb kaum einer überhaupt als Falle wahrnimmt.

Alle wollen, dass Politik etwas gegen "die Banken" unternimmt. Aber niemand verlangt, dass dem Verbraucher beigebracht wird - mit Anreizen und, ja, auch mit Verboten -, dass er weniger verbraucht. Der Kapitalismus ist dabei, "seine eigenen Voraussetzungen zu konsumieren", wie der Soziologe Harald Welzer schreibt. Aber dieser Kapitalismus ist nicht irgendein Abstraktum; sondern Milliarden Menschen kosten ihn jeden Tag sehr konkret aus. Nur werden seine Folgen möglicherweise erst nachträglich geglaubt.

Der Klimawandel interessiert derzeit einfach nicht. Das zeigt sich auch an der Beiläufigkeit, mit der dieser Bericht nun aufgenommen worden ist. Es wird überdeutlich an Schlagzeilen, die es vor zwei, drei Jahren so nicht gab: "Die Alarmisten tönen wie immer" (Welt Online) oder "Das Erwärmungs-Orakel" (Spiegel Online) - eingeblockt in eine Großaufnahme, die den indischen Klimarats-Vorsitzenden, vor allem aber dessen Zauselfrisur zeigt.

Politiker sind letztlich nur Geschäftsleute, sie richten ihr Angebot an der Nachfrage aus. Barack Obama hat das vor einem halben Jahr sehr anschaulich formuliert, er sprach in Jerusalem, und es ging um den Nahost-Konflikt, es lässt sich aber auf jedes Thema übertragen. "Als Politiker kann ich Ihnen eines versichern", sagte der US-Präsident, "politische Führer werden keine Risiken eingehen, solange die Menschen dies nicht von ihnen verlangen."

Auch eine Rationalitätenfalle: Es wäre sehr rational, die Menschen mit den Zumutungen einer echten Klimapolitik zu konfrontieren. Ein Veggie Day? Fünf wären besser. Aber für jeden einzelnen Politiker: so was von irrational.

© SZ vom 05.10.2013/liv
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