Klimapolitik In Zeiten der Erhitzung

Nicht die Braunkohle, sondern der Planet Erde müsse politisch an erster Stelle stehen, forderten Demonstranten am Samstag in Leipzig.

(Foto: Sebastian Willnow/dpa)

Klimaschützer versammeln sich am Rande eines Tagebaus bei Leipzig, um gegen Kohleabbau zu demonstrieren. Die Regierung befürchtet Krawall.

Von Ulrike Nimz, Leipzig

Wenn in Sachsen Menschen von einer Bühne herab verkünden, dass sie für ihre Heimat kämpfen werden, mit allen Mitteln, dann geschieht das für gewöhnlich montags, in Dresden, in einem Meer aus Deutschlandfahnen. Dies aber ist ein Samstag in Leipzig und Jens Hausner steht vor dem Naturkundemuseum. Ein runder Mann mit sanfter Stimme, dessen Heimat nicht nur gefühlt, sondern tatsächlich in Gefahr ist. Hausner lebt in Pödelwitz, einem kleinen Dorf 22 Kilometer südlich von Leipzig. In Pödelwitz gibt es eine romanische Chorturmkirche, eine Bushaltestelle, an der morgens zwei Schulkinder warten, und die Kohle im Boden. Sie ist der Grund, warum Hausner heute in die Großstadt gekommen ist. Unter dem Motto "Klima schützen! Kohle stoppen!" werden 300 Demonstranten durch das Leipziger Stadtzentrum ziehen und die gebräunten Einkaufsbummler daran erinnern, dass 35 Grad im Schatten langfristig ein Problem sind.

Workshops sind geplant, ein Umweltgottesdienst - aber auch Blockaden

In Pödelwitz bewohnt Hausner, 52, mit seiner Familie einen 300 Jahre alten Vierseithof. 500 Meter weiter beginnt der Tagebau Vereinigtes Schleenhain, eine staubige Kraterlandschaft, in der Schaufelradbagger und Eimerkettenbagger sich tief ins Erdreich graben. Bis 2040 ist der Tagebau genehmigt. Und obwohl die von der Bundesregierung eingesetzte Kohlekommission um ein Ausstiegsdatum ringt, will die Mitteldeutsche Braunkohlegesellschaft (Mibrag) den Tagebau erweitern. Das Dorf Pödelwitz würde verschwinden. Die Bürgerinitiative "Pro Pödelwitz" um Jens Hausner versucht, das zu verhindern: "Wir wollen, dass man die genehmigten Abbaufelder verkleinert, dass keine weiteren Dörfer geopfert werden müssen", so Hausner.

Von 130 Pödelwitzern leben noch 27 im Ort. In vielen Vorgärten wächst das Unkraut ungestört. Doch in dieser Woche soll Schluss sein mit der Ruhe. Bis kommenden Sonntag findet das "Klimacamp Leipziger Land" statt. Wie schon in der Lausitz oder im Rheinland wollen sich etwa 1000 Aktivisten vor Ort einrichten. Seit Tagen werden Zelte und Komposttoiletten aufgebaut. Workshops zur Postwachstumsgesellschaft sind geplant, ein Umweltgottesdienst, aber auch Blockaden.

Letzteres versetzt die Mibrag in Alarmbereitschaft. Unternehmenschef Armin Eichholz appellierte noch vor Beginn des Camps an die Teilnehmer: "Es muss oberstes Gebot für alle Beteiligten sein, dass ausgehend vom Klimacamp weder Teilnehmer noch Mibrag-Mitarbeiter zu Schaden kommen." Das Bergbauunternehmen fördert mit 1900 Mitarbeitern in den Tagebauen Vereinigtes Schleenhain und Profen in Sachsen-Anhalt bis zu 18 Millionen Tonnen Rohbraunkohle im Jahr, beliefert unter anderem die Kraftwerke Schkopau und Lippendorf. Im November 2015 hatten Greenpeace-Aktivisten das Mibrag-Industriekraftwerk Deuben besetzt und mittels Installation eines riesigen Ballons am Schornstein - ein symbolischer Korken - eine Teilevakuierung ausgelöst.

Der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) schlug über die sozialen Medien eine Einladung in das Camp aus: "Ich wäre nach Pödelwitz gekommen, aber die Initiatoren verhindern eine gemeinsame Erklärung und ein klares Bekenntnis zu friedlichem Protest", schrieb Kretschmer, der erst im März die Mibrag besucht hatte - jedoch ohne mit den Pödelwitzern ins Gespräch zu kommen.

In einem offenen Brief verteidigten die Camp-Organisatoren Aktionen des zivilen Ungehorsams. Viele Teilnehmer fühlen sich kriminalisiert. Das hat auch damit zu tun, dass der Survivor R am Camp gesichtet wurde. Ein Panzerfahrzeug, das zur Terrorabwehr gedacht ist. Nach aufbrandender Kritik stellte die sächsische Polizei via Twitter klar, das Gefährt sei nicht etwa auf dem Weg zum Klimacamp, sondern zu "einer langfristig geplanten Fortbildungsmaßnahme" gewesen.