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Umwelt:Deutschland ächzt schon jetzt unter der Dürre

Bauern fürchten drittes Dürrejahr in Folge

Mittlerweile unverzichtbar, nicht nur in Südeuropa: Ein Landwirt im niedersächsischen Wardenburg wässert seinen Acker, um weiteren Schaden abzuwenden.

(Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa)

Verdörrte Felder, gefährdete Wälder: Das extreme Wetter zwingt Landwirte, sich anzupassen. Manche von ihnen experimentieren bereits mit neuen Anbaumethoden.

Benedikt Bösel geht in die Hocke, mit der Hand fährt er tief in einen Haufen Stroh. "Hier drunter ist ein Leben, das findet man so in Brandenburg nur selten." Er wühlt ein bisschen herum, dann schüttelt er die Hand aus. Er hätte jetzt gerne einen Regenwurm herausgezogen, aber gerade war keiner da. "Egal", sagt Bösel. Es geht ohnehin erst einmal ums Prinzip. Das Prinzip heißt: Überall rundherum sind die Äcker trocken wie Dünen im Hochsommer. Hier, zwischen den Bäumen, auf Bösels Experimentierfeldern, ist es anders.

Es gibt ein paar Regentropfen in diesen Tagen, mancherorts auch heftige Schauer oder sogar Starkregen. Aber was ist das schon für einen knochentrockenen Boden? So schnell kann er das Wasser gar nicht aufnehmen. Bislang hinterlassen Traktoren auf vielen Äckern in diesem April große Staubwolken: Ackerkrume, vom Wind verweht. In den Wäldern setzt sich der Trockenstress fort, in Teilen der Republik herrscht Waldbrandgefahr. Nach dem Dürrejahr 2018 und nach der Rekordhitze 2019 ist 2020 nun schon der April für Forstwirte und Bauern in Deutschland ein Monat zum Abhaken. Ein Monat fast ohne Wasser.

Bei Benedikt Bösel ist es nicht anders, jedenfalls auf seinen "klassischen" Feldern. Bösel leitet einen Betrieb vor den Toren Berlins, 1100 Hektar Land, alles Ökolandbau. Mit 450 Litern Niederschlag pro Quadratmeter im Jahr war es hier schon regenarm, bevor der Klimawandel begann, die Wetterextreme zu verschärfen. Und bevor diese seltsame Wetterlage nun wochenlang kaum eine Wolke übers Land ziehen ließ. "Wir leiden da ganz massiv", sagt Bösel. Die Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht sind so groß, dass das Getreide kaum wächst. Ein stetiger, trockener Wind hat die Äcker weiter ausgedörrt.

Bis auf jenen Acker, in dem Bösel gerade noch einen Regenwurm gesucht hat. Es ist sein Versuch, mit der Trockenheit klarzukommen, die Landwirtschaft anzupassen. Der Boden wird hier so wenig wie möglich bearbeitet, und alle paar Meter durchzieht ein Streifen von Bäumen und Hecken das Feld, der Länge nach: Obstbäume und Obststräucher, Nusssorten, schnell wachsende Bäume. Es gibt viele Begriffe dafür, "Agroforst", "regenerative Landwirtschaft" oder, nach dem Schweizer Vordenker Ernst Götsch, "syntropische Landwirtschaft". Irgendwann, sagt Bösel, sei ihm klar geworden, dass er der Trockenheit Brandenburgs nur Herr werden könne, wenn er den Boden schützt und Humus aufbaut. Die Baumstreifen verhindern, dass der Wind Boden abträgt, und im Sommer spenden sie Schatten. Vor allem baue der Boden so jene Nährstoffe wieder auf, die er über die Jahre verloren habe. "Es geht darum, die Ursachen zu verstehen", sagt Bösel, "statt am Ende die Symptome zu bekämpfen." Auf diese Art speichere der Boden auch wieder mehr Kohlenstoff, die Artenvielfalt wachse.

Die Landwirtschaft leidet unter dem Klimawandel, aber sie beeinflusst ihn auch. Nachhaltige Landwirtschaft kann CO₂ binden, intensive Düngung, Tiermast oder die Trockenlegung von Mooren setzen Treibhausgase frei. Gut 70 Millionen Tonnen Treibhausgase stammen aus der Landwirtschaft, fast ein Zehntel aller Emissionen in Deutschland. Gleichzeitig leiden die Bauern wie kein anderer Wirtschaftszweig unter Extremwetter.

Benedikt Bösel, Bauer

Benedikt Bösel versucht der Trockenheit Herr zu werden, indem er Bäume und Hecken in seine Felder pflanzt.

(Foto: Michael Bauchmüller)

So wie in den vergangenen Wochen. Normalerweise ist das Wetter über Mitteleuropa im Frühling in Bewegung. Typisch sind Tiefdruckgebiete im Norden, die immer neue Wolken vom Atlantik nach Deutschland befördern, während im Süden über dem Mittelmeerraum ein Hoch die Lage prägt. Doch in diesem Jahr war es wochenlang umgekehrt: Statt Tiefdruckgebieten lösten sich über Nordeuropa Hochdruckgebiete ab, von Mitte März an folgten auf Hoch Jürgen - wie üblich in alphabetischer Reihenfolge - Keywan, Lori, Max, Nikolas und Odilo. Sie drängten alle Tiefdruckgebiete in den Mittelmeerraum oder ins Polargebiet ab, sodass so gut wie kein Regen nach Deutschland gelangte.

Meteorologen sprechen von einer "Omega-Lage", wenn sich Hochdruckgebiete so hartnäckig im Norden einrichten. Im Südosten und Südwesten werden sie meist von zwei Tiefs flankiert, sodass die Fronten dazwischen an das große griechische Omega erinnern. Es ist eine blockierende Wetterlage, die sich durchaus über mehrere Wochen halten kann. In diesem Fall waren es etwa sechs, von Mitte März bis Ende April. Ähnliche Lagen haben schon das Sommermärchen-Wetter zur Fußball-WM 2006, den Hitzesommer 2003 oder im Jahr 2007 den trockensten April seit Beginn der Messungen begünstigt - mit rund vier Litern pro Quadratmeter war er noch einmal deutlich trockener als der diesjährige April. Der könnte es mit den nun erwarteten Niederschlägen vielleicht noch auf etwa 20 Liter pro Quadratmeter bringen. Normal wären aber 50 bis 60 Liter, und nicht nur auf die letzten Tage des Monats verteilt. Zudem ist ausgerechnet für die derzeit trockensten Regionen in Ostdeutschland am wenigsten Regen vorhergesagt.

Wenig Regen, dazu kommt der Klimawandel

Für Wälder und Landwirte ist das Problem aber nicht, dass es mal ein paar Wochen lang nicht regnet. Omega-Lagen gab es schon immer, die Natur hält das aus, für Bauern gehört es zum unternehmerischen Risiko. Schwierig wird es, weil der Klimawandel hinzukommt.

Zwar ist der Zusammenhang zwischen Klima und Regen kompliziert. Klimamodelle deuten darauf hin, dass der Osten und Süden Europas weniger Niederschlag bekommen, der Norden und Westen eher mehr. Deutschland liegt genau dazwischen. Bislang gibt es keinen klaren Trend, vielleicht bleibt das auch so. Aber für die Böden ist nicht nur die Summe der Niederschläge entscheidend, sondern auch ihre Verteilung. Wenn sich auf einen völlig ausgetrockneten Boden ein Rekordregen ergießt, mag die Niederschlagsmenge im Rahmen sein, aber das Wasser fließt größtenteils ab, der Boden bleibt zu trocken. In die Dürre hinein kann es schnell gehen, der Weg heraus ist lang.

Der Klimawandel aber könnte längere Trockenphasen wahrscheinlicher machen, weil er das Windband namens Jetstream zu stören scheint, das rund um die Arktis weht. Statt stabil aus Westrichtung zu wehen, schlägt es öfter weite Bögen, in denen sich Hochs und Tiefs festsetzen können, etwa zu Omega-Lagen wie der jüngsten. "Wir werden sehr wahrscheinlich mehr Extreme bekommen, in beide Richtungen: Die Perioden ohne Niederschläge werden länger, aber auch solche mit sehr viel Niederschlag", sagt Fred Hattermann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Solche Muster aber sind für den Boden ein Verlustgeschäft.

Hinzu kommt die Erwärmung selbst. "Auch wenn der Niederschlag sich nicht ändern würde, würde der Trockenstress für die Pflanzen mit der Erwärmung trotzdem größer", sagt Hattermann. "Die Vegetationsperiode wird länger, und bei höheren Temperaturen nimmt die Verdunstung zu, dadurch steigt der Wasserbedarf." Und so gibt es europaweit einen klaren Trend zu trockeneren Böden, den Forscher auch in Deutschland beobachten.

Das wird auch derzeit deutlich: Obwohl das vergangene Jahr unter dem Strich kaum zu trocken war und der Februar 2020 sogar extrem verregnet, startete der Gesamtboden mit einem seit 2018 mitgeschleppten Wasserdefizit ins Frühjahr - und hat jetzt nach der langen Trockenzeit einen Rückstand, der bis zum Herbst praktisch nicht mehr aufzuholen ist. In der Landwirtschaft kann der Mai in diesem Jahr noch viel retten, wenn er wenigstens für die oberen Schichten genug Regen bringen sollte. Für den Wald aber, der auf das Wasser in tieferen Schichten angewiesen ist, ist Trockenstress quasi programmiert.

Aber auch für die Bauern ist der Klimawandel längst da. "Die Landwirte spüren schon seit Längerem, dass sich etwas ändert", sagt Steffen Pingen, Umweltexperte beim Deutschen Bauernverband. Für sie gehe es nun darum, wie sie sich anpassten. Der Umgang mit Böden hat dabei einigen Einfluss. Vielfältige Fruchtfolgen werden wichtiger, und eine reduzierte Bodenbearbeitung, um durch weniger Bodenbewegung mehr Wasser im Boden zu halten.

Das Klima wandelt die Landwirtschaft, verändert Anbauregionen und Sorten. Der Wein dringt Richtung Norden vor, während in Süddeutschland nun Soja wächst. "Insgesamt spielt das Thema Trockenheitsresistenz und Hitzetoleranz von Kulturen und Sorten eine immer größere Rolle", sagt Pingen. Mithilfe der Pflanzenzüchtung lasse sich das verbessern. Auch die Bewässerung werde an Bedeutung gewinnen, ebenso wie Wasserrückhalte in der Landschaft. Bisher sind nur knapp drei Prozent der landwirtschaftlichen Fläche überhaupt für Bewässerung vorbereitet, meistens Sonderkulturen des Obst- oder Gemüseanbaus. Aber die Anlagen dafür sind extrem teuer, die Bewässerung selbst ist es auch, wenn nicht überhaupt Wasserentnahmeverbote gelten. Nicht für alle Kulturen, Standorte und Zeitpunkte kommt das infrage. Und schon gar nicht in großem Stil dort, wo auf riesigen Flächen Getreide, Grünland oder Viehfutter wächst.

Benedikt Bösel jedenfalls verfolgt sein Prinzip weiter, der nächste Acker ist an der Reihe. Letzte Woche waren 35 Freiwillige auf seinem Gut, manche aus Berlin, manche aus der märkischen Nachbarschaft. Gefunden hatte er sie über die Plattform "Das Land hilft", es war ein Lichtblick inmitten von Dürre und Corona. "Eines der schönsten Erlebnisse seit Langem", sagt Bösel. Gemeinsam haben sie 10 000 weitere Bäume gepflanzt und 100 000 Baumsamen ausgebracht, weitere Streifen im Kampf gegen die Trockenheit. Die Sonne schien dabei.

© SZ vom 29.04.2020/jael

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