Süddeutsche Zeitung

Kleiderverbote:Reizwäsche

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In Klassenzimmern und in sozialen Netzwerken wird aufgeregt über die Frage diskutiert, ob ein schmaler Streifen Stoff über dem Hintern als Bekleidung angemessen ist.

Von Verena Mayer

Das Teufelsfenster. Die weite Öffnung an der Seite von Oberkleidern, die den Blick auf die etwas enger anliegenden Unterteile freigab, war der Look des späten Mittelalters. Aufmerksamkeit war garantiert. Allerdings auch ein großer Aufreger. So wollten Franziskanermönche Frauen, die Teufelsfenster trugen, die Absolution verweigern.

Kleiderverbote sind so alt wie Modetrends. Und eben keineswegs mittelalterlichen Gesellschaften vorbehalten. Seit Tagen nun schon diskutiert Deutschland über ein Stück Stoff, das den Blick auf Beine freigibt: Hotpants. Begonnen hat alles mit dem Elternbrief einer Schuldirektorin aus Baden-Württemberg. Sie beklagte, dass ihre Schülerinnen "sehr aufreizend" unterwegs seien, und sprach sich dafür aus, knappe Kleidung wie Hotpants an der Schule zu untersagen. Wer trotzdem darin erscheine, sollte bis Unterrichtsende ein XXL-T-Shirt überziehen.

Eine heftige Debatte ist die Folge. Die einen fürchten eine zunehmende Sexualisierung Jugendlicher, Hotpants als Symptom der Generation Porno. Die anderen sehen eine reaktionäre Moral am Werk, die nach der Sittenpolizei schreit. Die sozialen Netzwerke kochen unter dem Hashtag #hotpantsverbot über. Die Schulleiterin wurde mit Häme und Hass überschüttet. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, machte sich Sorgen um die jungen Männer. Weil Hotpants "beim einen oder anderen das Kopfkino durchgehen" ließen. Zuletzt erregte eine Frage der Kleiderordnung die Öffentlichkeit ähnlich stark, als es darum ging, ob und wann man sich verschleiern darf. Die Hotpants sind das Teufelsfenster des Jahres 2015.

Es ist nicht die erste Diskussion dieser Art. Der Jugendforscher Klaus Hurrelmann beobachtet seit etwa fünf Jahren, wie an Schulen um Shorts und Tops gerungen wird. Eine britische High School hat kürzlich sogar sehr kurze Röcke verboten, weil sie "männliche Lehrer und Schüler ablenken" würden. Hurrelmann kann das nachvollziehen. Er sieht Hotpants, Muscleshirts oder Marken, die mit der Skinhead-Szene assoziiert werden, in einer Liga mit Handys: Jede Schule muss ihren Umgang damit finden. Ein Dresscode sei angemessen, wenn er auf den "Organisationszweck einer Institution abgestimmt" sei. An einer Schule gehe es nun mal darum, "sich zu konzentrieren und nicht zu präsentieren".

Die jüngste Hotpants-Debatte ist mehr als ein Sommerloch-Thema, was auch daran liegt, dass sie sich allein um Mädchen und Frauen dreht. Selbst im späten Mittelalter, als die ersten Hexen verfolgt wurden, kamen bei Kleiderverboten ebenso die Männer unter Beschuss, etwa die aufkommende Mode, den Hosenlatz als riesige "Schamkapsel" auszustellen, worin die Kirche eine Gefahr für "arme, wahnsinnige und unschuldige Mädchen" sah. In der westlichen Welt des Jahres 2015 wird nun allein der weibliche Körper zum Projektionsfeld einer Gesellschaft, die ihn wahlweise als bedrohlich oder als sexuell verfügbar wahrnimmt. Vom Gedanken, Hotpants als "aufreizend" zu verbieten, sei es nicht weit zum Vorwurf, Frauen in körperbetonter Kleidung seien selbst schuld, wenn ihnen sexuelle Gewalt angetan werde, sagt Stevie Schmiedel von "Pinkstinks", einer Plattform, die Sexismus bekämpfen will. Für Schmiedel sind die Diskussionen um Hotpants und Verschleierung zwei Seiten derselben Medaille. "Eine aufgeklärte Gesellschaft sollte sich nicht anmaßen, den Frauenkörper zu kontrollieren." Im Umkehrschluss heißt das: Ob sich eine Frau aus freiem Willen dafür entscheidet, sich mit Stoff bis auf einen schmalen Streifen zu verhüllen oder ihren Hintern lediglich mit einem schmalen Streifen Stoff zu bedecken, muss ihr selbst überlassen sein.

Alle 30 Minuten denkt eine Frau daran, ob mit ihrem Aussehen alles stimmt

Mit Sexualmoral kommt man bei dem Thema ohnehin nicht weit. Die meisten Mädchen, die Hotpants tragen, machten das nicht, weil sie sexy sein wollen, sagt Stevie Schmiedel, die selbst zwei Töchter hat. Sondern weil Popstars wie Rihanna oder Katy Perry sich so anziehen. Und weil es bei den beliebten Textilketten gar keine anderen Shorts als Hotpants mehr gebe, selbst für kleine Mädchen. Je weniger man anhat, desto mehr gehört man dazu.

Andererseits ist Blöße nie neutral. Sie stand mal für den fruchtbaren Körper, später für den befreiten Leib. Letzteres schon für die Nudisten im 19. Jahrhundert. Auch Minirock und Hotpants stehen in dieser Tradition, sie galten als Ausdruck, sich Zwängen zu entziehen. Der größte Einwand, den man gegen Hotpants haben kann, ist allerdings nicht der, dass Frauen der entblößte Körper seit Längerem als Form weiblicher Selbstbestimmung präsentiert wird. Vielmehr, dass dieser Mode ein ganz bestimmtes Körperbild zugrunde liegt: der weibliche Körper, der kontrolliert und optimiert wird, um bestimmten Vorgaben zu entsprechen. Einem Trend namens "Thigh Gap" etwa. Das meint den Raum zwischen den Innenseiten der Oberschenkel, der erst in Hotpants richtig sichtbar wird. Ganze Instagram-Kanäle drehen sich darum, wie man sich den zurechthungert oder -trimmt.

Hotpants sind das Symptom einer Gesellschaft, die ein Idealbild des weiblichen Körpers vorgibt. Das wird in Fernsehshows wie "Germany's Next Top Model" vorgezeigt, die Studien zufolge Essstörungen fördern können. Und das führt dazu, dass kleine Mädchen empfinden wie eine "Lui110005", die im Forum der Kindersendung "Logo" zum Thema Hotpants schreibt: "Ich trage sie manchmal, aber meine Oberschenkel sind so fett, das mag ich nicht." Die Mode, die befreien sollte, dient der körperlichen Selbstzensur.

Alle 30 Minuten, so hat die amerikanische Politologin Caroline Heldman festgestellt, denkt eine Frau heutzutage an Body Monitoring, also daran, ob mit ihrem Aussehen alles stimmt. Eine "kognitive Leistung, die man besser in Mathe erbringen sollte", so Heldman. Sie spricht von "Selbstobjektifizierung". Dass es nämlich gar keine Männer mehr braucht, um Frauen auf ihren Körper zu reduzieren. Frauen und Mädchen erledigen das gleich selbst. Und so wäre der ideale Ort nicht einer, an dem Hotpants als unangemessen gelten oder gar verboten sind. Sondern einer, an dem sich kein Mädchen und keine Frau mehr gezwungen fühlen muss, welche zu tragen.

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Quelle:
SZ vom 11.07.2015
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