Kitas und Horte:So hart arbeiten Erzieherinnen

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Kita: Erzieherin mit zwei Mädchen im Kindergarten

Gefragt, aber rar: Mitarbeiterinnen in Kitas leisten wegen Personalmangels laut Bundesregierung 16 Millionen Überstunden im Jahr.

(Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

Eltern sind nach zwei Jahren Corona vom neuen Kita-Streik genervt. Neue Daten zeigen aber, wie aufreibend die Arbeit der Erzieherinnen ist. Ohne Zugeständnisse an sie drohen noch viel mehr Streiks.

Von Alexander Hagelüken

So wie an diesem Donnerstag geht es die ganze Woche: Deutschlandweit streiken immer wieder Erzieherinnen kommunaler Kitas und Schulhorte. Viele Eltern denken vermutlich: Auch das noch. Sie sind ausgelaugt nach zwei Jahren Pandemie, in denen die Kinder dauernd zu Hause waren. Ob ihr Verständnis wächst, wenn sie mehr über den Berufsalltag der Streikenden erfahren?

Wie Sozialarbeiter und Kita-Kräfte arbeiten, hat die Bundesregierung in einer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage beleuchtet, die der SZ vorliegt. Auf den 74 Seiten findet sich der Satz, dass Sozial- und Erziehungsbeschäftigte "im Vergleich zu allen Berufsgruppen häufiger unter Zwangshaltungen arbeiten". Zwangshaltungen? Gebückt, kniend, über dem Kopf. Um Kinder anzuziehen, zu trösten, aufs Klo zu setzen oder vom Spielgerät zu wuchten. Solche Körperhaltungen kommen doppelt so oft vor wie bei anderen Berufen - ebenso wie Lärm. Wer mal eine Kita von innen gesehen hat, und sei es für fünf Minuten beim Abholen, glaubt das sofort.

Das Kita-Personal muss laut Regierung überdurchschnittlich oft Verschiedenes auf einmal machen. Es erlebt doppelt so häufig wie andere Berufsgruppen Situationen, die gefühlsmäßig belasten. Und es leistet wegen Personalmangels 16 Millionen Überstunden im Jahr - die Hälfte unbezahlt. "Viele Beschäftigte arbeiten schon seit Jahren am Limit", sagt der Linken-Abgeordnete Pascal Meiser, der die Anfrage gestellt hat.

Im vergangenen Jahr meldeten sich Erzieherinnen besonders oft krank

In den Daten, die etwa von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin stammen, ist die Pandemie noch gar nicht erfasst. 2021 fehlten Erzieher laut Krankenkasse DAK-Gesundheit 13 Prozent öfter wegen Krankheit - so einen Anstieg erlebte keine andere Berufsgruppe. Kleine Kinder tragen keine Maske. Sie konnten erst spät oder bis heute gar nicht gegen Corona geimpft werden. Aber sie wollen natürlich auf den Schoß.

Es besteht kein Zweifel daran, dass die Kita-Kräfte gebraucht werden. Die Zahl der Plätze für Kinder ist stark gestiegen, weil mehr berufstätige Mütter und Väter nach Betreuung suchen. Forscher warnen, Ende des Jahrzehnts fehlten Hunderttausende Erzieherinnen, wenn nichts geschieht.

Mit ihren Streiks versucht das Kita-Personal, Druck auf Städte und Gemeinden auszuüben. Erzieher verdienen im Schnitt 1000 Euro weniger als Bankkaufleute, bei gleich langer Ausbildung. Die Gewerkschaft Verdi fordert, Kita-Kräften 4100 Euro brutto im Monat zu bezahlen, wenn sie zehn Jahre im Beruf sind. Bisher sind es 3700 Euro. Und sie sollen Zeit bekommen, das Kita-Programm vorzubereiten, statt das wie bisher nebenbei zu erledigen. Oder in der Freizeit.

Ab Montag verhandelt Verdi wieder mit den Arbeitgebern. Ein Abschluss für die gut 300 000 kommunalen Erzieher und Sozialarbeiter hätte Signalwirkung für die mehr als 1,5 Millionen Menschen, die insgesamt in der Branche arbeiten. Doch die Kommunen sperren sich. Das Gehalt der Erzieher sei bereits doppelt so stark gestiegen wie Gehälter im öffentlichen Dienst generell. Was Verdi-Vizechefin Christine Behle für ein Scheitern der Verhandlungen ankündigt, werden die geplagten Eltern nicht hören wollen: "Dann müssen wir die Streiks massiv ausweiten."

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