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Neue Studie zu Kita-Plätzen:Viele Familien werden leer ausgehen

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In vielen Kitas geht es nicht immer so entspannt zu wie auf diesem Bild. Überall fehlen Erzieherinnen.

(Foto: Mareen Fischinger/imago/Westend61)

Trotz Ausbildungsoffensive und Gute-Kita-Gesetz: Der Ausbau der Kindertagesstätten hält mit dem Bedarf nicht Schritt. Größtes Hemmnis ist, dass nicht genügend Fachkräfte zur Verfügung stehen.

Von Edeltraud Rattenhuber, München

Schlechte Nachrichten für berufstätige junge Eltern: Zumindest in westdeutschen Kitas steht trotz einer massiven Ausbildungsoffensive und Milliardenhilfen des Bundes durch das Gute-Kita-Gesetz auf lange Sicht zu wenig qualifiziertes Personal zur Verfügung, um mit den Wünschen der Eltern nach einem Kita-Platz Schritt halten zu können. Das liegt vor allem daran, dass die Schere zwischen Platzangebot und Nachfrage in den westdeutschen Ländern weiter auseinandergegangen ist.

Mittlerweile wünschen sich 50 Prozent der Eltern einen Kita-Platz für ihre unter Dreijährigen. Laut einer aktuellen Analyse fehlen daher für einen Kita-Ausbau in den westdeutschen Bundesländern bis 2025 mindestens 20 400, gegebenenfalls sogar bis zu 72 500 Kita-Fachkräfte, je nachdem, wie man rechnet. In den ostdeutschen Bundesländern dagegen entspannt sich die Situation zunehmend, sodass sogar Qualitätsverbesserungen möglich sind.

Die Studie "Plätze. Personal. Finanzen. Bedarfsgerechte Vorausberechnung für die Kindertagesbetreuung bis 2030" des Deutschen Jugendinstituts (DJI) und der TU Dortmund, die der Süddeutschen Zeitung vor ihrer Veröffentlichung vorlag, spricht von einem "akuten Personalmangel" in westdeutschen Kitas, sollte sich die Politik nicht auf "schnell wirkende Lösungsansätze" einigen, um weiteres Personal zu gewinnen, wie DJI-Direktor Thomas Rauschenbach fordert.

Wer soll das bezahlen?

Seine Kollegin im Forschungsverbund, Christiane Meiner-Teubner, warnt jedoch davor, zur Erfüllung des Bedarfs auf weniger qualifiziertes Personal zu setzen. "Eltern haben einen Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz für unter Dreijährige ab dem ersten Geburtstag ihres Kindes", sagte die Erziehungswissenschaftlerin an der TU Dortmund der SZ. "Die Verpflichtung, diesem Rechtsanspruch nachzukommen, besteht." Aus ihrer Sicht muss die Dynamik des Ausbaus deutlich gesteigert werden, um dem Bedarf der Eltern an Kita-Plätzen nachzukommen.

Wie dies bei prognostizierten sinkenden Steuereinnahmen der Kommunen nach der Corona-Krise gemeistert werden soll, steht in den Sternen. Schon in den vergangenen Jahren wurde zwischen Bund, Ländern und Kommunen über die Finanzierung der Kosten gestritten. Nun hat der Forschungsverbund als Finanzbedarf, der mit dem weiteren Kita-Ausbau anfällt, bis 2030 jährlich zusätzliche Betriebskosten von deutschlandweit bis zu neun Milliarden Euro und Investitionskosten in Höhe von jährlich maximal knapp drei Milliarden Euro errechnet. Diese Kosten würden ganz überwiegend in Westdeutschland anfallen.

Noch gar nicht eingerechnet sind hier die Kosten für den Ausbau der Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder, die von 2025 an einen Rechtsanspruch auf einen Hortplatz bekommen sollen. Dazu wird es demnächst vom Forschungsverbund neue Einschätzungen geben.

"Der Platz- und Personalbedarf und die damit verbundenen Kosten werden noch steigen, wenn die geplante Einführung eines Rechtsanspruchs auf einen Ganztagsplatz im Grundschulalter für West- und Ostdeutschland berücksichtigt wird", prognostiziert die Studie auf jeden Fall schon einmal.

Vor allem in Westdeutschland fehlt Personal

Tröstlich ist, dass sich die Situation wenigstens in den östlichen Bundesländern entspannen wird, auch weil dort weniger Kinder geboren werden. Hier sieht der Forschungsverbund Potenzial für Verbesserungen der zum Teil schlechten Personalschlüssel in ostdeutschen Kitas, an denen zuletzt häufig Kritik geübt wurde. Unter Umständen könnte der Westen anschließend von den dort zu viel ausgebildeten Fachkräften profitieren.

Erziehungswissenschaftlerin Meiner-Teubner warnt jedoch davor, sich darauf zu sehr zu verlassen. "Wir sehen, dass Erzieherinnen und Erzieher relativ wenig mobil sind. Sollte der Westen Fachkräfte aus dem Osten gewinnen wollen, müssten massive Anreize gesetzt werden. In grenznahen Gebieten kann das allerdings anders aussehen", sagt sie. Und: Auch in bestimmten Gebieten in Ostdeutschland wird der Bedarf an Kita-Plätzen weiter steigen, zum Beispiel im Speckgürtel von Berlin oder in Frankfurt/Oder, Jena, Leipzig und Dresden.

Daher rät die Autorengruppe von einer Senkung der Ausbildungskapazitäten in den ostdeutschen Bundesländern dringend ab. Nicht zuletzt, weil von den verfügbaren Fachkräften andere Arbeitsfelder profitieren könnten, beispielsweise die ganztägige Betreuung von Grundschulkindern.

© SZ/rop/bavo
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