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Kita-Besuch der Familienministerin:Ausgerechnet an Ursula von der Leyen erinnert

Bundesfamilienministerin Schröder besucht Kita

Knete in der Kita: Bundesfamilienministerin Kristina Schröder bei einem Kindergartenbesuch in Hamburg.

(Foto: dpa)

Kristina Schröder hat sich als Familienministerin keine Affäre geleistet. Und doch ist es selbst bei einer Wiederwahl von Schwarz-Gelb nicht sicher, dass sie in Merkels Kabinett bleibt. Am Stichtag der Kitaplatz-Garantie wird sie auch noch an ihre mächtige Gegenspielerin erinnert. Ihren Besuch in einem Hamburger Kindergarten umweht ein Hauch von Abschied.

Es beginnt tatsächlich herzlich. Als Kristina Schröder in dem völlig überfüllten Raum ankommt, als auch das knappe Dutzend Kameraleute sich irgendwie reingequetscht hat in diese kleine Erdgeschoss-Kita im Hamburger Schanzenviertel, legen die 30 Mädchen und Jungs los. "Herzlich willkommen! Herzlich willkommen!", singen sie, so laut sie können. "Halli hallo! Halli hallo!" Dabei strahlen sie, sind stolz wie Bolle, sind ein bisschen nervös, müssen lachen. Und alle, die Ministerin, der Senator, die Kita-Chefin, lachen einfach mit. Für einen Moment sind tatsächlich alle ungezwungen.

Das gilt auch für den Gast aus der Hauptstadt. Was wirklich etwas Besonderes ist, denn selbst nach dreieinhalb Jahren Amtszeit beschleicht einen bei öffentlichen Auftritten der Bundesfamilienministerin manchmal das Gefühl, dass man nicht sicher sein kann, ob sie gerade wirklich sie selbst ist. Oder ob sie doch sehr beflissen etwas anderes sein möchte, eine besonders entschlossene CDU-Politikerin zum Beispiel oder eine besonders fröhliche Ministerin.

Kaum kommt sie zu Wort in diesem deutsch-türkischen Kindergarten, kaum lobt sie den tollen Ort und die großartigen Frauen, kaum spricht sie von den lieben Kindern und dem besonders wichtigen Tag, da steht wieder die Frage im Raum, ob sie es noch einmal schaffen wird, diese Künstlichkeit abzulegen.

Immerhin, hier würde daran keiner herummäkeln. Die Kita-Leiterin lobt den Gast und ist sehr stolz darauf, ihre Kita herzeigen zu dürfen. Und Hamburgs Sozialsenator Detlef Scheele kennt an diesem Morgen überhaupt nur freundliche Worte. "Das ist ein schöner Tag", sagt Scheele, "schön, dass Sie heute in Hamburg sind. Schön, das wir uns heute in dieser schönen Einrichtung begegnen." Selbst wenn man den üblichen Höflichkeitskladderadatsch abzieht - das Lob des Sozialdemokraten freut Schröder sichtlich.

Was zu diesem Donnerstag passt, dem Tag des großen Versprechens. Vor sechs Jahren hatten Bund, Länder und Gemeinden auf einem Krippengipfel beschlossen, bis zum 1. August 2013 einen Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz einzuführen. Dem ging viel Streit und viel Kampf voraus, vor allem unter Schröders Parteifreunden, den Christdemokraten. Und dem Beschluss folgten Milliardeninvestitionen, damit das Versprechen nicht ein leeres bleiben würde. Inzwischen ist viel passiert.

Und obwohl es noch Lücken gibt und mancherorts unglückliche Eltern: Entgegen aller Prognosen sieht es gar nicht so schlecht aus. Damals wurde als Ziel eine Zahl von 780.000 Krippenplätzen ausgegeben. 720.000 bis 760.000 sollen nun da sein, also fehlen zum Ziel nicht mehr allzu viele. Das hat zum Urteil des Städtetags geführt, "für die große Mehrzahl" der Suchenden werde es einen Platz geben.

Polemik von Feind und Freund

So gesehen könnte der Tag für Schröder ein wirklich schöner Tag sein. Zumal sie es sicher gerne öfter so freundlich wie hier gehabt hätte in den letzten dreieinhalb Jahren. So respektvoll vor allem. Stattdessen musste die Ministerin quasi jeden Tag um Anerkennung kämpfen. Viele Minister sind in dieser Legislatur durch schwere Zeiten gegangen. Aber es gibt kein Mitglied in Angela Merkels Kabinett, das mehr Polemik von Feind und Freund ertragen musste als Schröder, die am Samstag 36 Jahre alt wird.

Und obwohl sie keinen Drohnenskandal und auch sonst keine Affäre überstehen musste, ist ihre Zukunft offen. Selbst für den Fall, dass diese Regierung auch die nächste sein wird, ist keineswegs sicher, ob sie ihr wieder angehören wird. Im Konflikt mit ihrem Landesverband Hessen hat sie auf die Spitzenkandidatur verzichtet. Und so weht ausgerechnet über dieser Reise ein Hauch von Abschied.

Und das ist nicht das Einzige, was einen bitteren Beigeschmack verursacht. Denn diesen 1. August kann man nicht begehen, ohne ausgerechnet an Ursula von der Leyen zu erinnern, die Schröder das Leben als Ministerin so schwer gemacht hat und sich im Frauenquoten-Streit frontal gegen sie stellte. Verständlich, dass die beiden auch dieser Tage nicht miteinander gesprochen haben. Aber von der Leyen ersann das Kita-Versprechen einst, erstritt es in der CDU und fixierte es auf dem Gipfeltreffen. Schröder hat es gegen Attacken verteidigt und zusätzliches Geld dafür erkämpft. Die Idee aber kam von jener Vorgängerin, die ihr nie Raum ließ, sich zu entfalten.

Immerhin, in der Kita in Hamburg ist das kein Thema. Und ein anderes Problem entpuppt sich wenigstens hier als ungefährlich: das ebenfalls seit dem 1. August verfügbare Betreuungsgeld. Als Schröder am Morgen aus dem Auto steigt, bauen sich drei Demonstranten vor ihr auf. Oh je, müssen sie in Schröders Tross fürchten, dass können nur Jusos sein, die uns wegen des Betreuungsgelds ärgern möchten. Schlechte Bilder! Blöde Schlagzeilen! Doch dann bemerken sie, dass die drei gar nicht wegen Schröder da sind. Sie protestieren gegen die Integrationspolitik des Hamburger Senats. Auch Schröder darf offenbar einmal Glück haben.