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Kirsten Heisig:"Dieses Buch klärt auf"

Im Internet wird mit Verve über Heisigs Thesen diskutiert. Anders als zu Lebzeiten ruft die Autorin nur wenig Widerspruch mit ihren Ansichten hervor. Immer wieder spürbar aber ist die Resignation vor der "Brutalisierung in den Köpfen der Kinder und Jugendlichen", die Heisig diagnostiziert.

Berliner Jugendrichterin verschwunden

Die kürzlich freiwillig aus dem Leben geschiedene Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig regt in ihrem Buch an, dass der Staat in Problemfamilien früher eingreifen sollte und dass die Vernetzung zwischen Polizei, Jugendamt, Schule und Gericht intensiviert werden müsste.

(Foto: dpa)

So sagte eine Kundin in einem Freiburger Buchladen dem SWR-Fernsehen: "Das Thema ist wichtig, weil die Jugendkriminalität immer mehr zunimmt und wir nur noch reagieren". Einige Internetkommentatoren fürchten, dass der Kampf gegen Jugendgewalt bereits verloren ist.

Und dann sind da noch diejenigen, die Heisig nutzen, um ausländerfeindliche Ansichten oder Verschwörungstheorien zu propagieren. Die meisten der Leser scheinen aber schlicht beeindruckt davon, wie sehr Kirsten Heisig sich für die Jugendlichen und die Gesellschaft eingesetzt hat. Und einige schöpfen daraus auch Hoffnung: User "Martin" schreibt auf Amazon: "Kirsten Heisig weist einen Weg zur Lösung, der überzeugend wirkt. Hoffentlich lesen viele Berliner Verantwortliche ihr Buch und nehmen es sich ehrlich zu Herzen."

Dass es nun eine politische Diskussion über den Sinn von geschlossenen Heimen für straffällige Kinder und Jugendliche gibt, ist ein erster Erfolg des Buches. Liecke, der Stadtrat aus dem Problembezirk, dessen Bürgermeister Heinz Buschkowsky die Richterin Heisig sehr in ihren Anliegen unterstützt hat, ist fest davon überzeugt, "dass öffentliche Aufmerksamkeit hilft, die Politik zum Handeln zu bringen". Man müsse Dinge so lange deutlich machen und ins Bewusstsein der Verantwortlichen rücken, "bis sie erkennen, dass es Lebensumstände gibt, wo der Staat machtvoll eingreifen muss".

Andere sehen die Chancen, dass das Buch tatsächlich positiven Einfluss auf den Umgang mit Jugendkriminalität nehmen wird, eher kritisch: Nadine Bals, Geschäftsführerin der Deutschen Vereinigung für Jugendgerichte und Jugendgerichtshilfen, hat die Erfahrung gemacht, dass öffentliche Diskussionen nicht immer auch gute Lösungen hervorbringen: "Vor allem in der Politik wird dann oft nicht differenziert diskutiert und überlegt."

Bals' Verband befasst sich mit Ursachen und Auswirkungen der Jugendkriminalität und mit der Gestaltung des Jugendkriminalrechts - und verfolgt öffentliche und politische Debatten zum Thema deshalb genau. "Grundsätzlich finde ich die Auseinandersetzung über gesellschaftliche Themen und die kontroverse Diskussion darüber natürlich begrüßenswert. Aber nach gravierenden Vorfällen wird häufig im Schnellschussverfahren argumentiert und es werden Vorschläge gemacht, die aus kriminologischer Sicht völlig abwegig und sogar kontraproduktiv sind."

Immer wieder würden von Politikern dann eine Absenkung des Strafmündigkeitsalters und härtere Strafen für junge Gewalttäter gefordert, sagt die promovierte Soziologin. "Aus kriminologischer Sicht sind diese Maßnahmen abzulehnen, weil sie nicht dazu führen werden, dass Jugendgewalt abnimmt. Es geht beim Jugendstrafrecht aber eben darum, weitere Straftaten des Jugendlichen zu verhindern - dabei sind das Verfahren und die Maßnahmen am Erziehungsgedanken auszurichten. Wenn junge Menschen eingesperrt werden - ob im Jugendarrest oder im Jugendstrafvollzug -, dann führt das aber in der Regel nicht dazu, dass die Jugendlichen weniger straffällig werden, sondern nur zu einer hohen Rückfallquote."

Wird die Politik also reagieren, und wenn ja - wird sie sinnvoll reagieren? Kirsten Heisig hat, so schreibt sie in ihrem Buch, sehr darunter gelitten, wenn ihre Thesen und Forderungen zwar bereitwillig erörtert wurden - sich in der Praxis aber nichts verändert hat.

Ihr Buch wird sich weiter gut verkaufen.

© sueddeutsche.de/jja
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