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Kirsten Heisig:Das Vermächtnis der Richterin - ein Bestseller

Schon nach zwei Tagen war das Buch der toten Jugendrichterin Kirsten Heisig vergriffen. Was bewegt Zehntausende an "Das Ende der Geduld"? Und kann ein Buch tatsächlich etwas ändern?

Sarina Pfauth

"Dieses Buch sollte im Bundestag vorgelesen werden mit Anwesenheitspflicht für alle Abgeordneten." Das schreibt ein Rezensent namens "Chesterfield41", der sich auf der Online-Plattform Amazon äußert.

SPD: Staat muss gegen Jugendgewalt früher eingreifen

Viele Leser fürchten, dass der Kampf gegen Jugendgewalt bereits verloren ist. Andere schöpfen aber auch Hoffnung aus Heisigs Buch.

(Foto: dpa)

Chesterfield41 steht nicht alleine da mit seiner Meinung: Die anderen Kunden krönten seinen Kommentar zur "hilfreichsten" Rezension.

Das Buch der kürzlich verstorbenen Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig, das sich mit dem Umgang mit jugendlichen Gewalttätern beschäftigt, kam erst vor vier Tagen in den Handel - doch die Startauflage von 40.000 Stück ist schon längst vergriffen.

Der Verlag druckt Das Ende der Geduld nach. Doch schon jetzt haben so viele Menschen das Buch vorbestellt, dass wohl auch die nächste Fuhre sofort ausverkauft sein wird.

Bei Amazon schoss Heisigs Werk auf Platz eins der Bestenliste und ließ alle erfolgreichen Krimis, Kochbücher und Biographien meilenweit hinter sich.

In Zeitungen, im Internet - und selbst im Bundestag - wird nun über Heisigs Thesen diskutiert. Christine Weis, die Pressesprecherin des Herder-Verlags, bei dem das Buch erschienen ist, erklärt sich den großen Erfolg der Streitschrift zum einen durch die Relevanz des Themas: Da ist der Brunner-Prozess in München oder der Fall des libanesischen Jungen, der in Berlin wiederholt beim Heroin-Dealen erwischt wurde - das Thema Jugendgewalt ist präsent in den Köpfen.

Die Forderung der Autorin Heisig - "Man muss was tun" - komme an, so die Verlagssprecherin. Man könne das ja kontrovers diskutieren, was die langjährige Richterin in ihrem Buch fordert, sagt Weis, "aber fest steht, dass das Thema die Menschen berührt". Heisig legt in ihrem Werk nahe, dass das Jugendstrafrecht schneller und konsequenter umgesetzt werden sollte. Höhere und frühere Strafen lehnt sie darin aber ab - beides hätte sich langfristig nicht als hilfreich erwiesen.

Heisig erhoffte sich Erfolg von ganz anderen Schritten: Sie regte an, dass der Staat in Problemfamilien früher eingreifen sollte und dass die Vernetzung zwischen Polizei, Jugendamt, Schule und Gericht intensiviert werden müsste. Insbesondere bei schwierigen migrantischen Großfamilien halte sich die Gesellschaft bislang viel zu sehr und viel zu lange zurück. Einen bedeutenden Risikofaktor für eine kriminelle Karriere sah Heisig im Schulschwänzen - und fordert in ihrem Buch Konsequenzen wie Kindergeldkürzungen auch für arme Eltern, die ihr Kind nicht zur Schule schicken.

Es sei klar gewesen, dass Das Ende der Geduld ein Debattenbuch werde, sagt Weis - aber mit einem solchen Erfolg habe bei Herder niemand gerechnet. "Die Aufmerksamkeit hängt natürlich leider auch mit der Tragik zusammen, dass Frau Heisig nicht mehr lebt." Ihr Buch wirke "nun wie ein Vermächtnis, weil es ihre Arbeit über die letzten Jahre dokumentiert - das, was ihr wichtig war, was sie erlebt hat, was sie gearbeitet hat, was sie gestört hat, was sie gefordert hat".

Falko Liecke, CDU-Stadtrat im Berliner Bezirk Neukölln, in dem Heisig gearbeitet hat, sagt, er empfinde das Buch als sehr wichtigen Beitrag, um eine falsche Gutmenschen-Mentalität abzulegen. "Es ist nicht so, dass hier alles schick und schön ist, weil wir ein bisschen Multikulti haben. Aber wir haben viele Politiker, die so ein Bild vor Augen haben. Und dieses Buch klärt einfach mal auf, wo die Probleme und Schwierigkeiten liegen."

Dass die Erfahrungen der Neuköllner Jugendrichterin nicht nur die Berliner interessieren, sondern das Buch deutschlandweit reißenden Absatz findet, verwundert Liecke nicht weiter: "Vieles von dem, was in Berlin stattfindet, gibt es auch in Hamburg, München und Frankfurt. Und ich finde das Buch auch deshalb interessant, weil wir als Gesellschaft Hinweise bekommen, worauf wir achten müssten, und zwar nicht nur die Politik alleine."

"Dieses Buch klärt auf"

Im Internet wird mit Verve über Heisigs Thesen diskutiert. Anders als zu Lebzeiten ruft die Autorin nur wenig Widerspruch mit ihren Ansichten hervor. Immer wieder spürbar aber ist die Resignation vor der "Brutalisierung in den Köpfen der Kinder und Jugendlichen", die Heisig diagnostiziert.

Berliner Jugendrichterin verschwunden

Die kürzlich freiwillig aus dem Leben geschiedene Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig regt in ihrem Buch an, dass der Staat in Problemfamilien früher eingreifen sollte und dass die Vernetzung zwischen Polizei, Jugendamt, Schule und Gericht intensiviert werden müsste.

(Foto: dpa)

So sagte eine Kundin in einem Freiburger Buchladen dem SWR-Fernsehen: "Das Thema ist wichtig, weil die Jugendkriminalität immer mehr zunimmt und wir nur noch reagieren". Einige Internetkommentatoren fürchten, dass der Kampf gegen Jugendgewalt bereits verloren ist.

Und dann sind da noch diejenigen, die Heisig nutzen, um ausländerfeindliche Ansichten oder Verschwörungstheorien zu propagieren. Die meisten der Leser scheinen aber schlicht beeindruckt davon, wie sehr Kirsten Heisig sich für die Jugendlichen und die Gesellschaft eingesetzt hat. Und einige schöpfen daraus auch Hoffnung: User "Martin" schreibt auf Amazon: "Kirsten Heisig weist einen Weg zur Lösung, der überzeugend wirkt. Hoffentlich lesen viele Berliner Verantwortliche ihr Buch und nehmen es sich ehrlich zu Herzen."

Dass es nun eine politische Diskussion über den Sinn von geschlossenen Heimen für straffällige Kinder und Jugendliche gibt, ist ein erster Erfolg des Buches. Liecke, der Stadtrat aus dem Problembezirk, dessen Bürgermeister Heinz Buschkowsky die Richterin Heisig sehr in ihren Anliegen unterstützt hat, ist fest davon überzeugt, "dass öffentliche Aufmerksamkeit hilft, die Politik zum Handeln zu bringen". Man müsse Dinge so lange deutlich machen und ins Bewusstsein der Verantwortlichen rücken, "bis sie erkennen, dass es Lebensumstände gibt, wo der Staat machtvoll eingreifen muss".

Andere sehen die Chancen, dass das Buch tatsächlich positiven Einfluss auf den Umgang mit Jugendkriminalität nehmen wird, eher kritisch: Nadine Bals, Geschäftsführerin der Deutschen Vereinigung für Jugendgerichte und Jugendgerichtshilfen, hat die Erfahrung gemacht, dass öffentliche Diskussionen nicht immer auch gute Lösungen hervorbringen: "Vor allem in der Politik wird dann oft nicht differenziert diskutiert und überlegt."

Bals' Verband befasst sich mit Ursachen und Auswirkungen der Jugendkriminalität und mit der Gestaltung des Jugendkriminalrechts - und verfolgt öffentliche und politische Debatten zum Thema deshalb genau. "Grundsätzlich finde ich die Auseinandersetzung über gesellschaftliche Themen und die kontroverse Diskussion darüber natürlich begrüßenswert. Aber nach gravierenden Vorfällen wird häufig im Schnellschussverfahren argumentiert und es werden Vorschläge gemacht, die aus kriminologischer Sicht völlig abwegig und sogar kontraproduktiv sind."

Immer wieder würden von Politikern dann eine Absenkung des Strafmündigkeitsalters und härtere Strafen für junge Gewalttäter gefordert, sagt die promovierte Soziologin. "Aus kriminologischer Sicht sind diese Maßnahmen abzulehnen, weil sie nicht dazu führen werden, dass Jugendgewalt abnimmt. Es geht beim Jugendstrafrecht aber eben darum, weitere Straftaten des Jugendlichen zu verhindern - dabei sind das Verfahren und die Maßnahmen am Erziehungsgedanken auszurichten. Wenn junge Menschen eingesperrt werden - ob im Jugendarrest oder im Jugendstrafvollzug -, dann führt das aber in der Regel nicht dazu, dass die Jugendlichen weniger straffällig werden, sondern nur zu einer hohen Rückfallquote."

Wird die Politik also reagieren, und wenn ja - wird sie sinnvoll reagieren? Kirsten Heisig hat, so schreibt sie in ihrem Buch, sehr darunter gelitten, wenn ihre Thesen und Forderungen zwar bereitwillig erörtert wurden - sich in der Praxis aber nichts verändert hat.

Ihr Buch wird sich weiter gut verkaufen.

© sueddeutsche.de/jja
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