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Kirchentag:Tiefpunkt beim Thema sexuelle Gewalt

Fortsetzung 3. Ökumenischer Kirchentag

Praktizierte Ökumene: Johannes zu Eltz, katholischer Stadtdekan, teilt die Heilige Kommunion an Bettina Limperg aus, evangelische Präsidentin des Ökumenischen Kirchentages.

(Foto: Sebastian Gollnow/dpa)

Der Kirchentag sendet bei gemeinsamen Mahlfeiern ein wichtiges Signal an die Gemeinden. Ganz anders läuft es bei Debatten zum Umgang mit sexualisierter Gewalt.

Von Annette Zoch

"Die Eucharistiefeier beginnt immer mit dem Bußakt", sagt Johannes zu Eltz, der Frankfurter katholische Stadtdekan, zu Beginn des Gottesdienstes im Dom St. Bartholomäus in Frankfurt. "Ich mache da mal den Anfang." Und dann findet der katholische Priester bemerkenswerte Worte: "Es gibt eine sehr lange Reihe von evangelischen Christen, die es mit Hochmut und Heuchelei und Herzenshärte in der katholischen Kirche zu tun bekommen haben. Ich stehe hier oben allein und ich stehe hier auch für meine Kirche", und er bitte die evangelischen Christen und Christinnen hier im Dom und daheim an den Bildschirmen, um Verzeihung.

Es war einer der Höhepunkte dieses dritten Ökumenischen Kirchentags, der am Sonntag zu Ende ging: Entgegen dem klaren Nein aus dem Vatikan entschlossen sich die Gastgeber des Kirchentags, ausdrücklich die jeweils andere Konfession zu Eucharistie beziehungsweise Abendmahl einzuladen. Von einer liturgisch gemeinsamen Mahlfeier ist man damit zwar immer noch weit entfernt, es ist trotzdem ein wichtiger ökumenischer Schritt: Was in vielen Gemeinden längst praktiziert wird - die Teilnahme an der Mahlfeier nach persönlicher Gewissensentscheidung - erhielt an diesem Samstag auch einen offiziellen Rahmen.

Und so teilte Dekan zu Eltz die Heilige Kommunion nicht nur an Bischof Georg Bätzing aus, sondern auch an seine Sitznachbarin, die evangelische Kirchentagspräsidentin Bettina Limperg. Der katholische Kirchentagspräsident und Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg, nahm in der evangelischen Gemeinde Frankfurt-Riedberg am Abendmahl teil. Zum Abschluss des Gottesdienstes spendete zu Eltz den Wettersegen - dieser diene nicht nur der Vegetation, sagte er, sondern auch allem anderen, "was lebt und wächst und ökumenisch sensibel kultiviert werden muss".

Sexuelle Gewalt - nun stehen die Protestanten im Mittelpunkt

"Schaut hin" lautete das Motto dieses Kirchentags, man beschäftigte sich mit vielen gesellschaftspolitischen Fragen, mit Klimawandel, Migration und Seenotrettung, mit Rassismus und Antisemitismus, Frieden, Sterbehilfe. Rund 160 000 Menschen hätten die um die 200 Podien, Gespräche, Veranstaltungen und Gottesdienste online verfolgt, hieß es vom Kirchentagsbüro.

Doch wo Höhepunkte sind, da sind auch Tiefpunkte: Inhaltlich geprägt wurde der Kirchentag von Diskussionen über den Umgang der Kirchen mit sexueller Gewalt. Stand beim letzten Ökumenischen Kirchentag im Krisenjahr 2010 die katholische Kirche im Feuer der Kritik, konzentrierten sich die Debatten nun auf die Protestanten. Die EKD hatte nur wenige Tage vor Beginn des Kirchentags ihren erst vor Kurzem gegründeten Betroffenenbeirat aufgelöst, gegen den erklärten Willen einer Mehrheit der verbliebenen Teilnehmer.

"Fatal und fürchterlich" nannte die Pädagogin Katharina Kracht, selbst Mitglied im Betroffenenbeirat, diese Entscheidung. Kracht sprach neben Johanna Beck, Mitglied im Betroffenenbeirat der Deutschen Bischofskonferenz, bei einem Podium zum Thema Macht und Autorität. Beck und Kracht hatten in dem einstündigen Gespräch insgesamt nur sieben Minuten Redezeit. "Ich hatte mir geschworen, nie wieder etwas mit einem Kirchentag zu tun zu haben", sagte Kracht. In den 1980er- und 1990er-n sei sie von einem Pastor der Landeskirche Hannovers missbraucht worden. "Der Missbrauch hat sich über fast 10 Jahre erstreckt und hat unter anderem auf zwei Kirchentagen stattgefunden." Geglaubt worden sei ihr jahrelang nicht. Nun erlebe sie dieselbe Machtlosigkeit wieder: "Die Entscheidung, den Beirat aufzulösen, hat die Kirche im Alleingang getroffen. Wir hatten lediglich einen 90-minütigen Austausch dazu."

Bischof Ackermann kritisiert "Aktivisten"

Direkt konfrontieren konnte Kracht die Zuständigen für diese Entscheidung nicht: Der Sprecher des EKD-Beauftragtenrats zum Schutz vor sexualisierter Gewalt, der Braunschweiger Landesbischof Christoph Meyns, saß ohne Betroffenenbeteiligung auf einem anderen Podium und hatte - gemeinsam mit dem Trierer Bischof Stephan Ackermann und der Autorin Petra Morsbach - knapp 60 Minuten Redezeit. Es schmerze ihn sehr, dass es nicht gelungen sei, mit dem Betroffenenbeirat eine konstruktive Zusammenarbeit zu finden, sagte Meyns. Es habe einen Antrag von drei der sieben Verbliebenen gegeben, das Gremium aufzulösen, vier hätten weiterarbeiten wollen. Im Herbst wolle man - nach einer externen Evaluierung - mit den verbliebenen Mitgliedern sehen, wie es weitergehe.

Der Missbrauchsbeauftragte der katholischen Bischofskonferenz, Bischof Ackermann, sagte, es sei nicht hilfreich, wenn Betroffenenbeiräte "mehrheitlich durch Aktivisten besetzt" seien. Auf die Nachfrage, was er mit "Aktivist" meine, sagte Ackermann: "Wenn man sagt, wir bleiben immer nur im klaren Gegenüber zur Kirche, wir werden kompromisslos die Fehler aufdecken und wir werden zu keiner Kooperation bereit sein, sondern unsere Rolle ist die Rolle aufzudecken, immer den Finger in die Wunde zu legen, und wir werden das auch politisch öffentlich tun."

Betroffene kritisierten Ackermanns Worte scharf: Die Theologin Doris Reisinger nannte die Aussagen "skandalös": Er wolle damit den Betroffenen ihre Rolle und deren Grenzen zuweisen und als Bischof festlegen, was diese tun dürften, schrieb sie auf Twitter: "Zur Erinnerung: Die Bischöfe tragen die institutionelle Verantwortung für die Gewalt, die die Betroffenen als Kinder erlitten haben. Die Bischöfe stehen in der Schuld der Betroffenen, nicht umgekehrt."

Am Sonntag bedauerte Ackermann, den Begriff "Aktivisten" verwendet zu haben, dieser sei missverständlich gewesen, erklärte er: "Selbstverständlich ist es gut, hochaktive Mitglieder in den Beiräten zu haben. Wir sind auf die Hilfe und die kritische Beratung der Betroffenen angewiesen."

© SZ/jok
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