Süddeutsche Zeitung

Evangelischer Kirchentag:Ein gefährlich netter Verein

Die Debatte über sexuelle Gewalt auf dem Evangelischen Kirchentag zeigt eines: Ohne den Dialog mit den Opfern geht nichts. Zu dieser Veranstaltung sind sie gekommen - auch wenn sie dort erst nicht vorgesehen waren.

Jetzt reicht es Kerstin Claus. Nikolaus Schneider, der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, hat erzählt, wie schwer es in einer Landeskirche werden kann, mit Fällen sexualisierter Gewalt umzugehen: Die Gemeinden seien unabhängig, da seien Regeln von oben manchmal leicht zu beschließen, aber schwer durchzusetzen. Kerstin Claus hält dagegen: "Bei der Brandschutzverordnung sagt doch auch niemand, das ist aber alles schwer durchzusetzen - die gilt, fertig!" Der Applaus der mehr als 1000 Zuhörer im Dortmunder Opernhaus gibt ihr recht: Die demokratische Struktur im Protestantismus sollte kein Hindernis sein, um klare Regeln gegen die Gewalt von Kirchenmitarbeitern gegen Kinder, Jugendliche, Schutzbefohlene zu verhindern.

Kerstin Claus, die Journalistin, war 14, als es Probleme in der Familie gab und sie sich einem Pfarrer der bayrischen Landeskirche anvertraute, der ihr half - und, wie sie erzählt, Sex als Gegenleistung verlangte. Dass sie auf diesem Podium sitzt und auch Detlev Zander, der im Kinderheim der Brüdergemeinde Korntal vergewaltigt wurde, mussten sie sich erstreiten. Im gedruckten Programm des Kirchentags war noch eine Veranstaltung ohne Beteiligung von Betroffenen vorgesehen. Dass dies ein Skandal gewesen wäre, zeigt das Gespräch im Opernhaus, das zwei intensive Stunden dauert: Immer wieder sind es Kerstin Claus und Detlev Zander, die die Debatte weiterbringen und verhindern, dass sich zu sehr protestantisches Wohlgefühl ausbreitet, dass die Risse im Selbstbild von der guten, engagierten Kirche sichtbar werden.

Die Marburger Erziehungswissenschaftlerin Sabine Maschke lässt die Dimension der Gewalt in der gesamten Gesellschaft ahnen: Bei zwei Umfragen unter 3000 hessischen Schülern sagte fast jeder vierte, ihm sei in irgendeiner Form schon einmal ein körperlicher Übergriff widerfahren, von der als als unangenehmen Berührung bis hin zur Vergewaltigung. 70 Prozent aller Jugendlichen hätten schon einmal mitbekommen, dass jemandem sexualisierte Gewalt angetan wird, nur selten vertrauten sie sich Erwachsenen an. "Das Thema durchdringt die jugendliche Erlebniswelt", sagt Sabine Maschke. 130 Schüler hätten übrigens angegeben, dass der Täter ein Pfarrer sei; die Studie habe da nicht zwischen evangelisch und katholisch unterschieden.

Niemanden zu haben, dem man sich anvertrauen kann, das sei das Schlimmste gewesen, erzählt Detlev Zander. "Es glaubt einem ja keiner, dass in einer so frommen Gemeinde wie in Korntal so etwas passiert", sagt er; sein Teddybär sei sein einziger Zuhörer gewesen - und Opfer seiner ohnmächtigen Wut. Irgendwann möchte man dann auch nicht mehr reden, ergänzt Kerstin Claus, man hat einen Mann, Kinder, will man die mit so etwas belasten? Vor allem, wenn man fürchten müsse, zum zweiten Mal Opfer zu werden, als Nestbeschmutzerin diffamiert.

"Da war ich nicht der Held"

Ja, gibt Nikolaus Schneider zu, die evangelische Kirche hätte spätestens 2010, als in der katholischen Kirche zahlreiche Missbrauchsfälle offenbar wurden, konsequenter handeln müssen. Er, der damals der EKD vorstand, sagt offen: "Da war ich nicht der Held". Kirsten Fehrs, die Bischöfin von Hamburg, war schon seit 2011 mit dem Thema konfrontiert: Ihre Vorgängerin Maria Jepsen war wegen des Missbrauchsskandals in Ahrensburg zurückgetreten. Doch lange war sie Einzelkämpferin. Seit vergangenen November ist sie Sprecherin des Beauftragtenrates der EKD. Es gebe nun eine zentrale Anlaufstelle für Betroffene, sagt sie, an der wissenschaftlichen Aufarbeitung werde gearbeitet. Kerstin Claus erwidert: Der Pfarrer, der einst ihr Vertrauen missbrauchte, halte immer noch Gottesdienste. Ob man da nicht mal was tun könnte?

Wie schwer das werden kann, beschreibt Anselm Grün, der katholische Benediktinerpater aus Münsterschwarzach, der zu den Gründern des Recollectiohauses für Priester in seelischen Schwierigkeiten gehört. "95 Prozent der Täter lügen", habe ihm eine der Therapeutinnen dort gesagt. "Aber einem Mitbruder zu unterstellen, dass er lügt - das ist im kirchlichen Kontext schwer", sagt er. Ein typisch evangelisches Problem, ergänzt Kirsten Fehrs, seien dann die "netten Vereinsstrukturen" in der evangelischen Kirche, wo "Freundschaft und Dienst verschwimmen". Da brauche es klare Regeln - und eine Haltung an der Spitze, die jedem Pfarrer deutlich mache: Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt sind Themen, vor denen sich keiner drücken kann.

Da sind sie sich einig auf dem Podium. Alle nicken, als Detlev Zander sagt: "Die Kirche braucht uns Betroffene bei der Aufarbeitung". Und auch, als Nikolaus Schneider ergänzt: "Im Jahr 2010 wäre ein solches Gespräch nicht möglich gewesen."

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