Kirchen im Ersten Weltkrieg Ja, man müsse die Deutschen töten, sagte der Bischof: "Um die Welt zu retten"

In Frankreich dagegen galt es, das Land vor den deutschen Barbaren zu bewahren - das Land, die "französische Seele" war angegriffen worden und musste sich in einem gerechten Krieg verteidigen, gegen die mordlüsternen Deutschen in ihrer "moralischen Inferiorität".

Die katholische Zeitschrift La Croix dichtete das Vaterunser um: "Ich glaube an die Macht des Rechts, an den Kreuzzug der Zivilisierten und an das ewige Frankreich". Kindern wurden bestimmte Frontabschnitte zugewiesen, die sie mit ihren Gebeten beschützen sollten. "Ihr Gott ist nicht der unsere", sagten die französischen Calvinisten über die Deutschen, "wir verabscheuen ihn".

Erster Weltkrieg

Wahnsinn Westfront

Eine der furchtbarsten Predigten auf alliierter Seite sollte jedoch am Ersten Advent 1915 der Londoner Bischof Arthur Winnington-Ingram halten. Ja, man müsse die Deutschen töten, sagte er, "nicht um des Tötens willen, sondern um die Welt zu retten. Getötet werden sollen die Guten ebenso wie die Bösen; getötet werden sollen diejenigen, die sich gegen unsere Verwundete freundlich verhielten wie auch jene Unmenschen, die den kanadischen Feldwebel kreuzigten (...). Sie sind zu töten, weil andernfalls die Zivilisation der Welt getötet würde."

Pazifismus und Christentum - das schloss sich plötzlich aus

Doch, es gab Gegenstimmen. Es gab in Deutschland wie in Frankreich Pfarrer, die im August 1914 ihren Bischöfen berichteten, dass die Landbevölkerung keinesfalls die Kriegsbegeisterung vieler Bürger und Intellektueller in den Städten teilte.

Je länger der Krieg dauerte, je mehr Menschen im Stellungskrieg verreckten, desto weniger verfing das Pathos, desto nachdenklicher wurden die Predigten, die des mittlerweile zum Münchner Erzbischof und Kardinal aufgestiegenen Faulhaber genauso wie die des Londoner Bischofs Winnington-Ingram.

Dieser Text stammt aus dem SZ-Buch "Menschen im Krieg", mit vielen Bildern aus dem SZ-Archiv und Essays. Unter sz-shop.de. 24,90 €, für SZ-Abonnenten 21,10 €

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In Rom mahnte Papst Benedikt XV. zum Frieden, mit so drastischen wie erfolglosen Worten. Auch seine Friedensinitiative im Jahr 1917 bewirkte nur, dass 1919 die Siegermächte den Vatikan aus den Friedensverhandlungen ausschlossen. Die Kriegsgegner blieben in der Minderheit, auch in England, wo Friedenskirchen wie die Quäker konsequent jede Beteiligung am Kampf ablehnten - Pazifismus und Christentum, das schloss sich in den Augen der meisten Bischöfe und Theologen schlicht aus.

Zu Beginn des globalen Gemetzels sahen das viele Christen noch anders. Noch am 3. August 1914 hatten sich 70 evangelische Christen aus Europa und den USA in Konstanz zu einer Friedenskonferenz versammelt, da war der Krieg zwei Tage alt. Gescheitert sei nicht "die christliche Idee des Friedens und der Versöhnung", sondern ein "System, das versucht hatte, Sicherheit auf ein immer weiter gesteigertes Wettrüsten zu gründen".

Man versprach einander feierlich, geistlich verbunden zu bleiben. Doch das Versprechen verhallte im Kriegslärm.

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