bedeckt München 26°

Kirchen:Andacht in der Community

„Liebe und Besonnenheit“: Kunstinstallation in der Münchner Sankt-Markus-Kirche, die durch die Corona-Krise besondere Bedeutung erlangt hat.

(Foto: Annette Zoch)

Gottesdienst im Livestream, Gebetstext per Post: Wie es gelingt, christliche Gemeinschaft trotz geschlossener Kirchen zu leben.

Von Annette Zoch

Die Pforten von Sankt Markus in München stehen weit offen. Im Kirchenraum sind alle Stühle weggeräumt, stattdessen liegen in großem Abstand Sitzsäcke herum, dazwischen stehen Liegestühle. Am Altar brennt eine Kerze, an einer Gebetswand sind Zettel angepinnt: "Beschütze meine Familie". Was aussieht, als hätte eine Kirchengemeinde vorbildlich schnell auf die "Abstand-Halten"-Regel reagiert, ist in Wahrheit eine lange geplante Kunstaktion. Und dennoch passt sie nun genau in die Zeit: Gottesdienste sind nicht mehr erlaubt, aber täglich empfangen Pfarrer dort Menschen für eine Stunde zum Seelsorge-Gespräch. In sehr weitem Abstand, von Sitzsack zu Sitzsack.

Die Corona-Pandemie hat in Deutschland und der Welt auch das kirchliche Leben lahmgelegt. Ausgerechnet kurz vor Ostern, dem höchsten christlichen Fest. Der Vatikan feiert hinter verschlossenen Türen, ohne Gläubige. Das ist ein historischer Einschnitt, der undenkbar schien. Noch nicht mal in Kriegszeiten oder während mittelalterlicher Epidemien verzichtete man im Zentrum der katholischen Welt auf öffentliche Feiern mit Gläubigen. Das Bild von Papst Franziskus, der dieser Tage über die menschenleere Via del Corso spaziert, um in der Kirche San Marcello al Corso vor dem Pestkreuz zu beten, ging um die Welt.

Bischöfe stellen Gebetsimpulse online und wenden sich an die Gläubigen mit Videobotschaften

Ein einsamer Papst, ein leerer Petersplatz, leere Kirchen, Ostern alleine auf dem Sofa? Für viele Christen ist das eine schmerzhafte Vorstellung, schließlich gehört Gemeinschaft unverbrüchlich zum christlichen Glauben. Kirchen sollen die Menschen an wichtigen Stationen ihres Lebens begleiten, in Angst und Not. Und nun, ausgerechnet in Zeiten tiefer Verunsicherung - geht nichts mehr. Was tun? Die gute Nachricht ist: Die Kirchen werden kreativ. Pfarrer Christoph Wichmann aus der Gemeinde Sankt Pankratius in Oberhausen hatte zum Beispiel die Idee, jeden Tag um 19 Uhr eine Kerze ins Fenster zu stellen und das Vaterunser zu beten und forderte seine Gemeinde auf, dasselbe zu tun. Viele Bistümer haben die Idee inzwischen aufgegriffen. Verbundenheit über die Ferne.

Zudem entdecken Bischöfe, Pfarrer und Pastorinnen nun im großen Stil das Internet. Aus wie vielen leeren Kirchen nun sonntäglich Gottesdienste per Livestream übertragen werden, ist kaum noch zu zählen. Bischöfe veröffentlichen Gebetsimpulse online oder wenden sich in Videobotschaften an die Gläubigen. Manchmal wirken diese Versuche, in Kontakt zu treten, ein wenig hilflos. So hat die EKD zum öffentlichen Absingen von "Der Mond ist aufgegangen" aufgerufen, von deutschen Balkonen um Punkt 19 Uhr. Herausgekommen sind ein paar unterbelichtete Videos mit einsam über Blumenrabatte schallende Stimmchen. Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm hatte eigens seine Violine ausgepackt - aber italienische Andrà-Tutto-Bene-Atmosphäre wollte da nicht so recht aufkommen.

Dabei haben sowohl die evangelische als auch die katholische Kirche durchaus ihre Online-Experten. Pfarrerin Theresa Brückner, die nach einem Kontakt mit einer Person aus einem Risikogebiet derzeit selbst in Corona-Quarantäne sitzt, hat sogar eine offizielle Pfarrstelle für "Kirche im digitalen Raum" inne, im Kirchenkreis Berlin Tempelhof-Schöneberg. Für ihre 13 000 Instagram-Follower vertont sie derzeit zu Hause Abendgesänge, liest aus der Bibel vor, betet. "Christsein und Glauben feiern geht auch online und digital", sagt Brückner. "Ich lebe und erlebe diese Möglichkeiten schon ganz lange, und das wird jetzt umso mehr gebraucht."

Der YouTuber und Kirchenmusiker Ludwig Jetschke, der die christliche Online-Community "Lingualpfeife" und einen Youtube-Kanal mit fast 17 000 Abonnenten betreibt, wird gerade bestürmt von Anfragen aus Gemeinden, wie man das mit Livestreams und Youtube-Videos so hinbekomme. Katholik Jetschke wundert sich. "Jahrelang wurden wir, die wir Kirche ins Internet tragen wollen, gerade auch von den offiziellen kirchlichen Stellen eher belächelt", sagt er. "Doch mit dem fleißig Drauflos-Streamen ist es nicht getan. Wir müssen uns fragen, wie können wir im Internet wirklich Gemeinschaft leben?" Die Gläubigen müssten auch zu Wort kommen, etwa mit einer Kommentarfunktion in Livestreams.

Doch was ist mit den in der Corona-Krise besonders gefährdeten älteren Menschen, denen Instagram und YouTube fremd sind, die vielleicht nicht mal einen Internetanschluss haben? Neben einem ausgeweiteten Angebot an Fernsehgottesdiensten und Kirchenradio müssen Pfarrer auch da kreativ werden. In vielen Diözesen, etwa in München, werden nun Briefe und Gebetstexte gedruckt und in die Briefkästen geworfen. "Wir empfehlen unseren Pfarrern, sich auch selbst telefonisch bei den Gemeindemitgliedern zu melden, die sie ja vielleicht kennen durch die regelmäßige Krankenkommunion", sagt Christoph Kappes vom Erzbistum München und Freising. Auch eine Anleitung, wie man zu Hause Gottesdienst feiern kann, soll verteilt werden. Und am Sonntag um 10 Uhr sollen überall die Glocken läuten - auch wenn die Kirchen leer bleiben.

Alles was sonst den Lauf des Kirchenlebens bestimmt - Trauungen, Taufen, Erstkommunion, Konfirmation - sind erstmal verschoben. Beerdigt werden darf noch, aber nur im engsten Familienkreis und am offenen Grab. Pfarrer Olaf Stegmann von der evangelischen Kirche St. Markus in München hält auch persönliche Seelsorge-Gespräche weiterhin für wichtig. "Im Moment sind die Medien voller Mahnungen zum Abstandhalten. Ich denke aber, wir werden über die lange Zeit, die uns noch bevorsteht, auch Angebote für unsere psychosozialen Bedürfnisse brauchen. Neben dem Körper muss auch die Seele geschützt werden." Dann verweist er auf den Bibelspruch, der mit Kreide auf den Boden des fast leeren Kirchenraums von Sankt Markus geschrieben ist: "Gott hat uns nicht gegeben einen Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit."

© SZ vom 21.03.2020
Zur SZ-Startseite