Kirche und Kommunikation Jenseits von Babylon

Der Vatikan wollte diesmal klar und mit einer Stimme zur Welt sprechen - was meistens auch gelang. Doch einige tanzten aus der Reihe.

Von Oliver Meiler

Wie kommt draußen an, was drinnen besprochen wird? Dem Vatikan ist das nicht immer gleich wichtig - und manchmal scheinbar überhaupt unwichtig. Die beiden Welten, die hinter und die vor den heiligen Mauern in Rom, sind ja auch weit auseinander. Weiter jedenfalls, als es die geografische Nähe vermuten ließe. Im Fall der Missbrauchsskandale aber, die das Image der katholischen Kirche erschüttern wie sonst nichts, erträgt das Publikum draußen die traditionelle Abgehobenheit und oftmals antiquierte oder theologisch überhöhte Sprachwahl des Vatikans besonders schlecht. Weil es um Kinder geht, um die Verbrechen an den Schwächsten. Da sind klare Bekenntnisse nötig, und eine direkte Sprache.

Das war dem Papst durchaus bewusst. Es hieß, die Konferenz sei ein "Point of no return" für die Kirche - danach gebe es kein Zurück mehr in vergangene Muster, von sofort an laste jeder Einzelfall auf der Kirche als Ganzes. Entsprechend offensiv kommunizierte der Vatikan während des Gipfeltreffens. Zum ersten Mal kam dabei der neue Kommunikationsapparat zum Einsatz, in dem viele Laien an zentralen Stellen sitzen: Journalisten vor allem, die davor über Vatikanisches geschrieben haben und der Kirche nun helfen, so unkirchlich wie nur immer möglich zu kommunizieren mit draußen.

Sie sorgten beispielsweise dafür, dass die Homepage Vatican News ständig aktualisiert wurde. Alle neun Vorträge, die im Tagungszentrum, dem Synodensaal, gehalten wurden, waren jeweils in Echtzeit verfügbar. Es gab auch Livebilder aus der Aula Nuova del Sinodo, zumindest jeweils am Morgen, verbreitet über alle sozialen Netzwerke. Und an jedem der drei Konferenztage stellten sich die Hauptredner am frühen Nachmittag in einem Pressebriefing den Medien. Mit dabei war immer auch Padre Federico Lombardi, der frühere Sprecher des Papstes, den Franziskus für die Tagung zurückgeholt hatte, damit er die Botschaft bündle und kanalisiere. Lombardi kann das gut, und er kennt alle Journalisten persönlich, von früher.

Die bei Journalisten beliebte "Mixed Zone" galt diesmal als zu riskant

Aufgegeben wurde dagegen ein Kommunikationsformat, das einst ganz beliebt war bei den Journalisten, etwa bei der jüngsten Familiensynode: Man ließ die Reporter in Gruppen rein in den Vatikan, an den Schweizergardisten vorbei, in eine Art "Mixed Zone", wie man sie aus den Katakomben der Fußballstadien kennt. Nur dass hier jeweils Bischöfe und Kardinäle kurz vorbeischauten und "bits and bites" lieferten, Kurzvoten also, beim Vorbeigehen. Darauf verzichtete man diesmal wohl auch deshalb, um die Kommunikation einigermaßen einheitlich zu gestalten. Kanalisiert eben. Das hinderte einige Kirchenmänner freilich nicht daran, sich mal schnell vor eine Kamera zu stellen und damit aus der Reihe zu tanzen. Ein Kardinal aus Osteuropa etwa sprach im italienischen Fernsehsender Sky News 24 von einem "Hype", der da entstanden sei rund um das Thema des Missbrauchs. Da blitzte sie wieder kurz auf, die alte Abgehobenheit.

Am dritten Tag der Konferenz, als über Transparenz debattiert wurde, trat auch eine Journalistin als Rednerin auf, eine lang gediente "Vatikanistin": Die mexikanische Fersehkorrespondentin Valentina Alazraki berichtet seit fast 45 Jahren aus Rom, sie ist damit die Doyenne unter den Berichterstattern im Vatikan. Fünf Päpste hat Valentina Alazraki erlebt, auf 150 Papstreisen war sie schon dabei. Ihr Auftritt "als Frau und Mutter" sollte einer der eindrücklichsten, eindringlichsten Momente der Tagung werden.

"Nicht wir Journalisten sind die grausamen Wölfe", sagte sie und klagte über eine seltsame Verkehrung der Wahrheiten, über unterschätztes Leid und vertuschte Verbrechen. In ihrer Karriere habe sie viel zu oft gehört, wie Kirchenmänner sich über die Medien beschwert hätten, statt das Übel einzugestehen. Die Medien, hieß es jeweils, stünden im Dienst "dunkler Mächte" und bauschten Missbrauchsfälle zu Skandalen auf, um die katholische Kirche zu diskreditieren und zu zerstören. "Wir Journalisten", sagte Valentina Alazraki, "haben uns entschieden, auf welcher Seite wir stehen. Und Sie, haben Sie sich wirklich auch dafür entschieden, oder ist es nur ein Lippenbekenntnis?" Sexuelle Missbräuche an Minderjährigen seien kein "Gossip" und kein "Gerede", wie es ein Kardinal vor einigen Jahren genannt hatte. "Es sind Verbrechen."

Sollte die Kirche nicht beschließen, sich radikal auf die Seite der Kinder zu schlagen, der Opfer, der Mütter, der Familien, der Zivilgesellschaft, dann sei es nur recht, wenn sie sich vor den Medien fürchte: "Dann sind wir Journalisten eure schlimmsten Feinde." Zehn Minuten dauerte diese Rede nur, sie war damit fünf Minuten weniger lang als all die anderen Referate, weil die Zeit plötzlich drängte und die Gipfelteilnehmer bereits bei der Bußliturgie in der Sala Regia des Apostolischen Palasts erwartet wurden. Valentina Alazraki ging zurück in die Sala Stampa des Heiligen Stuhls, den Pressesaal der "Vaticanisti". Dort empfing man sie mit einer Standing Ovation.